Politik

Kann man diesem Mann böse sein? Deutschland verzeiht Obama alles

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Barack Obama macht es den Deutschen nicht leicht, seine Politik kritisch zu bewerten.

(Foto: dpa)

Der US-amerikanische Präsident hat wenig von dem erreicht, was man sich in Deutschland gewünscht hatte. Er verkündet auch kaum Neuigkeiten. Trotzdem jubeln ihm sogar Menschen zu, die von der Rede wenig verstanden haben.

Es ist ein alter rhetorischer Trick, mit dem Redner ihr Publikum für sich gewinnen können: Man legt sein Sakko ab und sagt: "Ich fühle mich hier so gut, dass ich mein Jackett auch ausziehen kann." Das kommt immer gut an und als Obama diese Worte auf dem Pariser Platz sagt, jubelt das Publikum, wie wenn beim Fußball ein Tor fällt.

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Also Obama seine Zuhörer aufforderte, doch auch die Jacke abzulegen, saßen sie längst nur noch im Hemd da.

(Foto: AP)

Die Deutschen, das ist der Eindruck dieses Tages, lieben den US-Präsidenten noch immer. Sie hängen an seinen Lippen und verehren ihn wie einen Popstar. Internetüberwachung? Gezielte Tötung von Terrorverdächtigen? Ein völkerrechtswidriges Gefängnis in Guantanamo? Zumindest die auserwählten Zuschauer vor dem Brandenburger Tor in Berlin wollen daran erst einmal nicht denken, als der US-Präsident am Rednerpult steht.

"Wir haben den mächtigsten Mann der Welt gesehen", sagt ein Schüler nach der Rede noch ganz aufgeregt. Über drei Stunden mussten sie dafür in der Hitze stehen, doch das habe sich gelohnt. Dutzende Staatsgäste kommen jedes Jahr nach Berlin, aber nur der Besuch des US-Präsidenten ist ein echtes Event, wie ein Konzert oder eine Sportveranstaltung. Selbst die Hauptstadtjournalisten im Kanzleramt rutschen etwas nervös auf ihren Stühlen hin und her, als sich der Auftritt etwas verschiebt. Viele machen Fotos mit ihren Handys – obwohl dutzende Fotografen jeden Moment professionell festhalten. Auch die Kanzlerin wirkt etwas nervös.

Große Worte statt politischem Klein-Klein

Obama weiß seine Wirkung zu nutzen. In Berlin setzt er seine ganze rhetorische Begabung und sein ganzes Charisma ein, um die Deutschen hinter sich zu bringen. Bei einer Frage nach der Eurokrise antwortet Angela Merkel mit Detailfragen, spricht von Wettbewerbsfähigkeit und Energiepreisen. Obama sagt: "Wir wollen alle das Gleiche: Wir wollen eine Welt, in der jeder seine Chance bekommt." Das sind große Worte, kein politisches Fingerhakeln.

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Auch für die Journalisten war der Tag etwas Besonderes.

(Foto: dpa)

Auch die Rede vor dem Brandenburger Tor, 50 Jahre nach der berühmten Kennedy-Rede, ist eine große Geste. Und die Deutschen sind anscheinend froh um einen, der sie bei allem politischen Klein-Klein und allen Zweifeln wieder an das große Ganze erinnert: dass es bei Politik darum geht, die Welt besser zu machen; dass diese Generation die Chance hat, die Geschichte weiterzuschreiben. Wo Merkel auf Sicht fährt und mit sich mit kleinen Schritten vortastet, wirft Obama einen Blick in die Weite. Bei dieser Rhetorik wirkt der Gedanke kleinlich, das deutsch-amerikanische Verhältnis habe darunter gelitten, dass die Rede Obamas 2008 an der Siegessäule stattfinden musste.

Im Vergleich zu damals wirkte der Besuch geradezu steril: Als US-amerikanischer Präsident kann sich Obama kein Bad in der Menge mehr leisten. Durch die vielen Sicherheitsmaßnahmen kostet der Besuch so schon einige Millionen Euro. Zehntausende zu kontrollieren, wäre schlicht zu teuer. Auch, dass er hinter einer Glaswand spricht, trübt das Erlebnis. Für die meisten Bürger gab es keine Gelegenheit, einen Blick auf den Präsidenten zu werfen. Die vereinzelten Demonstrationen mussten so weit entfernt stattfinden, dass bei den Terminen nichts davon zu hören war.

Wer von Obama die Verkündigung einer neuen Linie in der Außenpolitik oder etwas substantiell Neues zum transatlantischen Verhältnis erwartet hatte, wurde enttäuscht. Obama deutete es selbst an: Seine Frau und seine Kinder seien gerade in Berlin unterwegs. "Das Letzte, was sie tun wollen, ist, einer weiteren Rede von mir zuzuhören." Und genau das war es: eine weitere Rede – die zwar die Zuhörer packte und begeisterte, den politischen Analysten aber nichts Neues verriet. Das ist auch kein Wunder: Heute steht die Welt nicht vor so einer dramatischen Situation wie zu den Zeiten John F. Kennedys oder Ronald Reagans.

Von Enttäuschung nichts zu spüren

Den Mangel an neuen Visionen in dieser Rede, versuchte Obama durch eine konkrete Ankündigung wettzumachen: Die nuklearen Sprengköpfe der US-Streitkräfte sollen um "bis zu" ein Drittel reduziert werden. Das ist vage formuliert und darum ist nicht ganz klar, ob sich dadurch wirklich etwas beim Thema Abrüstung bewegt. Doch das Thema ist wieder auf dem Tisch.

Auch bei anderen Themen ging er auf die Sorgen ein, die in Deutschland verbreiteter sind als in den USA: Er versprach, die Anstrengungen zur Schließung Guantánamos zu verdoppeln, den Einsatz von Drohnen strikt zu kontrollieren und ­– in Anspielung auf das PRISM-Programm – Sicherheitsinteressen gegen den Schutz der Privatsphäre auszubalancieren.

Von den zu hoch gesteckten Erwartungen war im Vorfeld des Besuchs viel die Rede; davon, dass die Deutschen enttäuscht seien. Aber vielleicht waren die Menschen da realistischer, als es 2008 gewirkt hatte. Wobei erwähnt werden muss, dass Obama eben keine öffentliche Rede hielt, sondern der Jubel von ausgewählten Gästen kam.

Auf dem Pariser Platz diskutieren nach der Rede Schüler aus Frankfurt an der Oder über den Präsidenten. Sie sind begeistert von seinem Charisma, seiner Ausstrahlung. Auch mit der Politik des Präsidenten haben sie sich durchaus beschäftigt. Enttäuschung? "Er hat Guantánamo nicht geschlossen", sagt eine. "Er hat sich nur nicht durchsetzen können", sagt ein anderer. Begeistert sind sie trotzdem alle. Sie finden es sogar unangebracht, dass in der Menge Protestplakate hochgehalten wurden. Von der Rede haben sie allerdings gar nicht alles verstanden, geben sie offen zu.

Quelle: n-tv.de

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