Politik
Das Ukraine Crisis Media Centre vergleicht Wladimir Putin mit Adolf Hitler.
Das Ukraine Crisis Media Centre vergleicht Wladimir Putin mit Adolf Hitler.(Foto: Screenshot/www.uacrisis.org/putin-hitler)
Dienstag, 22. April 2014

Propagandaschlacht zwischen Kiew und Moskau: Die 15 Schnauzer des Wladimir P.

Von Christian Rothenberg

Der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland spielt sich nicht nur auf den Straßen ab. Viel schärfer ist die Propaganda, mit der sich Kiew und Moskau in diesen Tagen bekämpfen.

Prawy Sektor? Die Frau ist überrascht. Mit den ultrarechten ukrainischen Paramilitärs habe sie nichts am Hut, sagt sie dem verdutzten CNN-Journalisten am Telefon. Was war passiert? Am Wochenende waren zwei prorussische Aktivisten bei einer Schießerei nahe Slawjansk getötet worden. Am Tatort fanden sich schwarz-rote Visitenkarten von Dmitro Jarosch, dem Anführer des Prawy Sektor. Ein Beweis über den vermeintlichen Täter? Von wegen. Noch nicht mal auf Visitenkarten ist offenbar noch Verlass.

In der Ukraine-Krise kämpfen die Konfliktparteien mit allen Mitteln - und das nicht nur mit Waffen. Die gefälschten Jarosch-Kärtchen sind kein Einzelfall. Es gibt weitere Beispiel, die zeigen, dass Russland und die Regierung in Kiew in diesen Tagen tief in die Trickkiste der politischen Propaganda greifen, um die Glaubwürdigkeit der Gegenseite zu beschädigen.

Ein Mann, der es in den vergangenen Wochen dabei zu zweifelhaftem Ruhm gebracht hat, heißt angeblich Andrej Petkow. Im russischen Fernsehen NTW präsentierte sich der im Krankenhaus liegende Petkow als vielseitig einsetzbarer Interviewpartner. Gegenüber dem russischen Staatssender sagte er zunächst, er sei Söldner aus Deutschland und habe Kämpfer gegen Ex-Präsident Viktor Janukowitsch angeheuert. Eine andere Geschichte präsentierte er Russia 1 von selben Krankenhausbett. Er sei ein moskautreuer Demonstrant, der von prowestlichen Faschisten angegriffen wurde. Doch Petkows doppeltes Spiel flog auf. NTW entschuldigte sich sogar. Im Chaos einer Revolution sei es eben schwierig, Aussagen zu überprüfen.

"Referenden sind schick"

Intensive Arbeit in eigener Sache betrieben die russischen Staatsmedien auch bei der umstrittenen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim. Um die Legitimität des Referendums zu bekräftigen, verwies Moskau in jenen Tagen gern auf Italien. "Venedig tut es auch - Referenden sind schick", schrieb "Russland.ru" im Hinblick auf eine Abspaltungsinitiative in Venetien. Was die Medien verschweigen: Es gibt dort noch gar kein Referendum. Selbst italienische Medien schenken dem Thema nicht viel Aufmerksamkeit. Außerdem lässt die italienische Verfassung - ähnlich wie die ukrainische - keine Unabhängigkeitsreferenden einzelner Regionen zu.

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Nochmal Krim, noch ein Beispiel für Propaganda made in Moskau: Nach dem Sturz Janukowitschs beschwor Putin eine "humanitäre Katastrophe". Der TV-Sender Erster Kanal strahlte daraufhin "Beweisbilder" aus, die scheinbar endlose Autoschlangen zeigten. Doch die Aufnahmen stammten gar nicht von der Grenze zwischen Russland und der Ukraine. Sie zeigten die täglichen Staus bei der Einreise zwischen der Ukraine und Polen.

Doch nicht nur Russland macht fleißig Stimmung, sondern auch die neue Regierung in Kiew. Im Februar, als Janukowitsch noch Präsident war, gehörten Premier Arseni Jazenjuk und seine Leute noch zu den Demonstranten auf dem Maidan. Als sich die Proteste zwischen dem 18. und 20. Februar verschärften und innerhalb weniger Tage Dutzende Menschen starben, entstand der Gründungsmythos des Maidan: "Janukowitsch ließ auf sein Volk schießen." Eine Aufklärung konnte es zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben haben, dafür war die Lage im Zentrum Kiews viel zu unübersichtlich. Janukowitschs Gegner und der Westen übernahmen diese Sichtweise jedoch weitgehend ungeprüft. Der Untersuchungsbericht der neuen ukrainischen Regierung bestätigt dies später wenig überraschend. Recherchen verschiedener Medien ergeben jedoch: Die Schüsse auf die Demonstranten kamen nicht nur aus den Gewehren von Janukowitschs Scharfschützen.

Schwarz-Weiß-Bilder erwünscht

Einer der maßgeblichen Akteure bei der Öffentlichkeitsarbeit der Regierung in Kiew ist das Ukraine Crisis Media Centre, das von verschiedenen PR-Firmen finanziert wird, unter anderem von Investor George Soros. Die Haltung des Netzwerks, das bevorzugt westliche Journalisten mit Informationen versorgt, ist klar: Die Ukraine ist Opfer einer "russischen Aggression" und die Behauptung einer rechtsradikalen Gefahr durch die neue Regierung ist Teil der russischen Propaganda. Dabei scheut das UKMC auch vor gewagten Vergleichen nicht zurück. In einer Infografik, die ein Putin-Bild mit Text-Bausteinen zeigt, nennen die Ideologen 15 Gemeinsamkeiten von Putin und Adolf Hitler. Dabei greifen die Programmierer zu einem optischen Effekt. Beim Durchklicken erscheint bei jedem vermeintlichen Pro-Argument ein passendes Symbol auf der Oberlippe Putins: darunter Hakenkreuz, olympische Ringe, Kalaschnikow und natürlich der Hitlerbart.

Die Propaganda der Konfliktparteien muss weder gleichgestellt noch aufgerechnet werden. Es sind aber Beispiele, die zeigen, wie sowohl Russland als auch die Ukraine versuchen, Schwarz-Weiß-Bilder zu zeichnen. Die genannten Fälle verdeutlichen, dass jede vermeintliche Wahrheit in diesen Tagen mit großer Vorsicht zu genießen ist.

Das Netz hat sich nach mehr als fünf Monaten längst auf die verworrene Lage eingestellt. Den flachen Propaganda-Lügen ist - von welcher Seite auch immer - Häme und Spott gewiss. Das gilt auch für die schwarz-roten Visitenkarten. Bei Twitter kursieren Meldungen, wonach Jaroschs Visitenkarten auch am Ort der Kreuzigung Christi und bei der Ermordung von Osama Bin Laden gefunden worden seien. Noch kreativer ist ein anderer Internetnutzer. Er twittert ein leicht modifiziertes Bild einer früheren Pressekonferenz Putins mit Angela Merkel. Die Kanzlerin zeigt darauf mit dem Finger auf Putins Jackett-Tasche. Aus dieser lugt - na was wohl? - eine schwarz-rote Visitenkarte.

Quelle: n-tv.de