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Zum Zeitpunkt des Anschlages in Köln hat der NSU schon seinen ersten Mord begangen.
Zum Zeitpunkt des Anschlages in Köln hat der NSU schon seinen ersten Mord begangen.(Foto: picture alliance / dpa)
Dienstag, 03. Juni 2014

NSU-Anschlag in Köln: Die Bombe in der Stollendose

Von Solveig Bach

Die Explosion in einem kleinen Lebensmittelladen in der Kölner Probsteigasse ist zehn Jahre lang nicht aufzuklären. Doch dann fliegt der NSU auf und es wird klar: Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe deponierten die Bombe. Im NSU-Prozess wird die weitgehend vergessene Tat nun beleuchtet.

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Am 19. Januar 2001 explodiert in einem deutsch-iranischen Lebensmittelgeschäft in der Kölner Probsteigasse 44 ein Sprengsatz. Die Bombe steht schon seit Tagen unerkannt in dem Laden. Ein schlanker, blonder Mann hat den Korb mit dem tödlichen Inhalt vor Weihnachten hiergelassen.

Er war am 21. Dezember in das Geschäft gekommen, um noch einiges einzukaufen. Im Korb hat er bereits eine rote Christstollendose mit weißen Sternen. Nun packt er noch eine Flasche Whisky und ein paar Kekse dazu. Doch als es ans Bezahlen geht, hat er kein Geld dabei. Er wolle nur schnell nach Hause und sein Portemonnaie holen, sagt der etwa 25-Jährige freundlich und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.

Als der Unbekannte nicht wiederkommt, wandert der Korb in den Aufenthaltsraum hinter dem Laden der sechsköpfigen Familie. Dort bleibt er stehen, bis die 19-jährige Tochter an jenem Freitag im Januar in dem Raum Brötchen schmiert. Masliya steht kurz vor dem Abitur. Als die Brötchen fertig sind, will sie den Whisky und die Kekse zurück ins Regal räumen und öffnet auch die Stollendose.

Heftige Detonation

Die Explosion zerfetzt die Stahl-Druckgasflasche mit etwa 1,3 Kilogramm Schwarzpulver. Metallsplitter schießen durch den Raum, eine Druckwelle reißt Türen aus den Angeln, Fenster zersplittern, Holzbalken im Geschäft knicken ein. Eine 2000 Grad heiße Stichflamme verbrennt die junge Frau schwer.

Masliya M. kann sich aus dem Laden schleppen, schwer verletzt und mit rußverschmiertem Gesicht lehnt sie nach der Explosion apathisch an der Hauswand, ihre Mutter kniet mitten auf der Straße und schreit. Masliya wird monatelang in einer Spezialklinik für Brandverletzungen behandelt. Sie wird zunächst im künstlichen Koma gehalten und kann erst nach mehreren Hauttransplantationen die Klinik verlassen.  

Nach sechs Monaten ist Schluss

Ein Bekennerschreiben hinterlassen die Täter nicht. Die Polizei ermittelt anfangs in alle Richtungen. Ein ausländerfeindlicher Hintergrund wird ebenso wenig ausgeschlossen wie Motive aus dem persönlichen Umfeld der Opfer. "Wir konnten uns nicht erklären, wo das Motiv für diese Tat ist", sagte der damalige Ermittlungschef der Kripo Köln am heutigen Dienstag im NSU-Prozess in München. Dort wird erstmals über den Anschlag von Köln verhandelt.

Damals galten ein Racheakt aus dem Rotlicht-Milieu, finanzielle Schwierigkeiten mit einem türkischen Bauunternehmer oder eine mögliche Vergeltung des iranischen Geheimdienstes als möglich. Doch keine der Vermutungen bestätigt sich. Keine fünf Monate nach der Tat stellt die Kölner Staatsanwaltschaft die Ermittlungen am 13. Juni 2001 vorläufig ein. Der mittlerweile pensionierte Kriminalhauptkommissar Edgar Mittler sagt im Juli 2012 vor dem Thüringer NSU-Untersuchungsausschuss, alle Spuren seien abgearbeitet gewesen. Die Täter bleiben unbekannt, bis das NSU-Terrortrio auffliegt. Bei der Auswertung des vom NSU verschickten "Paulchen-Panther-Videos" fällt den Beamten eine rote Christstollendose mit weißen Sternen auf. Offenbar finden die NSU-Terroristen ihre Idee so gut, dass sie noch Jahre später damit protzen wollen.

Bei der Nachverfolgung der Ermittlungen wird offenbar, dass die Polizei in NRW weder in der Zentraldatei "Tatmittelmeldedienst für Spreng- und Brandvorrichtungen" (TMD) beim BKA nachgefragt noch das Tatprofil mit den aktuellen Fahndungsaufrufen abgeglichen hat. Im ersten Fall hätte man eine Verbindung zu den frühen Sprengstoff-Delikten von Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe finden können, im zweiten Fall gleich das seit 1998 untergetauchte Terror-Trio. Auch Nachfragen beim Staatsschutz unterbleiben weitgehend.

Zschäpe am Tatort?

Im Münchner NSU-Prozess bekommt der Fall nun gleich für zwei Angeklagte eine besondere Brisanz. Der Hauptangeklagten Beate Zschäpe wird die Mittäterschaft an zehn Morden angelastet. Vor allem die Tatsache, dass Zschäpe nie an den Tatorten gesehen worden sein soll, scheint den Beweis dafür jedoch schwierig zu machen.

Doch im Fall Probsteigasse sagte eine Zeugin im vergangenen Jahr aus, sie habe Zschäpe am Tatort gesehen. Die Mutter des Opfers sagte Beamten des Bundeskriminalamts, ein bis zwei Monate vor dem Anschlag sei eine junge Frau in Jeans, dunkler Jacke und Schal in den Laden gekommen. Sie wollte unbedingt auf Toilette und habe "bitte, bitte, bitte" gesagt. Der Zeugin zufolge war die Frau 1,65 Meter groß und hatte "mittelbraune glatte Haare, die sie offen trug". Die Ähnlichkeit zu Beate Zschäpe sei ihr erst jetzt durch Fotos aufgefallen. Dass dies noch nachzuweisen ist, ist allerdings unwahrscheinlich. Mit Beweisen sieht es in diesem Fall sowieso schlecht aus, denn die Kölner Staatsanwaltschaft ließ bereits am 23. Januar 2006 die "diversen Tatortspuren (alle)" zerstören. Die Reste der Bombe in der Stollendose fliegen in den Müll. Ein Spurenabgleich mit der DNA der mutmaßlichen NSU-Terroristen ist dadurch nicht mehr möglich.

Für den Angeklagten André E. liefert der Fall trotzdem möglicherweise Belastungsmaterial. Am 44. Verhandlungstag legte eine Kriminalbeamtin dar, dass die Anmietung eines weißen Fiat Caravan im Dezember 2000 auf E.s Namen im Zusammenhang mit dem Anschlag in der Probsteigasse stehe. Dabei wurde nicht nur das Wohnmobil auf E.s Namen gemietet, sondern auch die Telefonnummer eines tatsächlich von E. genutzten Mobilanschlusses angegeben. Das spricht offenbar dafür, dass E.s Ausweispapiere benutzt wurden. Aber es spricht auch dafür, dass er in direktem Kontakt zum untergetauchten NSU-Trio stand.

Das Attentat zerstört die Existenzgrundlage der deutsch-iranischen Familie M. Der Schaden beläuft sich auf 200.000 Mark. Nachbarn sammeln Spendengelder für Masliya und ihre Familie. Damit schaffen sie es, den Laden wiederzueröffnen. Doch nach drei Monaten ist endgültig Schluss. Nachbarn sagen: "Sie sind irgendwie nicht mehr auf die Füße gekommen."

Quelle: n-tv.de