Politik

Ehemaliger Folterkeller in Buenos Aires Die Esma wird zum Museum

Die Esma wird jahrelang mit Schrecken in Verbindung gebracht. Die Marineschule in Buenos Aires war während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 das größte Haft- und Folterzentrum des Landes. 35 Jahre nach dem Militärputsch ist die Esma ein Ort des Erinnerns.

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Ein Symbol für den Staatsterror während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983: die Esma in Buenos Aires.

(Foto: dpa)

Die Sonne wirft Lichtflecken durch das Blattwerk der Bäume, die die Straßen des weitläufigen Geländes säumen. An den Fassaden der niedrigen weißen Gebäude bröckelt der Putz. Das rund 17 Hektar große Gelände an der Avenida del Libertador im Norden von Buenos Aires erinnert an diesem spätsommerlichen Nachmittag an einen altmodischen, leicht heruntergekommenen Universitätscampus. Doch die Idylle trügt: An diesem Ort wurden Tausende Menschen eingesperrt, gefoltert und umgebracht.

Die Mechanikerschule der Marine ("Escuela Superior de Mecánica de la Armada", kurz Esma) ist bis heute ein nationales Symbol in Argentinien: für den Staatsterror der Militärdiktatur von 1976 bis 1983, während der nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen fast 30.000 Menschen umgebracht und viele spurlos verschwanden. Der Militärputsch jährt sich am 24. März 1976 zum 35. Mal.

Folter bis zur Ohnmacht

Carlos Muñoz war Gefangener Nummer 261. An den 21. November 1978, den Tag seiner Festnahme, erinnert er sich noch wie heute: "Um halb zwei nachts betrat eine Gruppe von fünf bewaffneten Männern die Wohnung, in der ich mit meiner damaligen Frau und meinem drei Monate alten Sohn lebte. In der Regel wurden die Menschen in Autos entführt, so wie ich und meine Frau. Die Straße hatten sie vorher natürlich gesperrt." Carlos Muñoz war Aktivist der Montoneros, einer linken Guerillagruppe in Argentinien. Wie so viele andere Regimekritiker und Oppositionelle brachten die Militärs ihn und seine Frau direkt ins ehemalige Offizierskasino auf dem Gelände der Esma. "Sie brachten mich in den Keller und folterten mich. So lange, bis ich irgendwann ohnmächtig wurde."

Das heute schmucke dreistöckige Gebäude mit den grünen Fensterläden funktionierte als Geheimgefängnis. Rund 5000 Menschen waren hier insgesamt während der Militärdiktatur inhaftiert. Überlebt haben die Gefangenschaft nur wenige. Im Keller wurden die Gefangenen gefoltert, im Dachgeschoss, der sogenannten "Capucha", schliefen sie, immer angekettet und mit einer Kapuze über dem Kopf. "Das eigentlich Perverse an diesem Ort war, dass die Militärs ihre Schlafräume im selben Gebäude hatten, wo Menschen gefoltert wurden", erzählt Carlos.

"Wenn sie aus ihrem Schlafraum traten, wurden wir vielleicht gerade in Handschellen und in Kapuze die Treppe heruntergeführt. Das war der Unterschied zu den anderen Folterzentren, dass die Typen einfach hierblieben." Täter und Opfer lebten praktisch Wand an Wand. Der erste Direktor der Esma, Rubén Jacinto Chamorro, wohnte sogar neben dem Offizierskasino. Manchmal lud seine Tochter Schulkameradinnen zum Spielen ein - direkt neben den Folterkellern.

Ort der Erinnerung

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Argentiniens Ex-Diktator Jorge Rafael Videla (1975): Unter seiner Herrschaft wurden fast 30.000 Menschen umgebracht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Insgesamt anderthalb Jahre war Carlos Gefangener in der Esma. Er musste für die Militärs schuften, Pässe und andere Dokumente fälschen. Bis er im Februar 1980 plötzlich entlassen wurde. Heute arbeitet er in der Esma. Als Sicherheitsmann. "Viele Leute fragen mich: ,Wie kannst du nur an diesem Ort arbeiten?' Aber das ist nicht mehr derselbe Ort, der er mal war. Es ist jetzt ein Ort, um die Erinnerung zu bewahren."

Mehr als zwei Jahrzehnte dauerte es, bis aus dem ehemaligen Haft- und Folterzentrum ein Ort der Erinnerung werden konnte, denn auch nach dem Ende der Militärdiktatur 1983 wurde das Gelände weiterhin als Ausbildungsstätte der Marine genutzt. Am 24. März 2004 übergab der damalige Präsident Néstor Kirchner in einer Zeremonie anlässlich des Jahrestags des Militärputsches Teile des Geländes dann den Menschenrechtsorganisationen. Und damit nicht genug: In einem symbolischen Akt ließ er Heereschef Roberto Bendini vor dem versammelten Generalstab das Bild des Ex-Junta-Chefs Jorge Videla abhängen. Im September 2007 musste die Marine schließlich das ganze Gelände räumen.

Auf dem Weg zum Museum

Im mächtigen Hauptgebäude mit vier weißen Säulen hat das öffentliche "Instituto Espacio para la Memoria" (Raum für die Erinnerung) eine Dauerausstellung zum Thema "Staatsterrorismus" eingerichtet, die auf lange Sicht zu einem richtigen Museum ausgeweitet werden soll. Im Offizierskasino können Besuchergruppen unter anderem den Folterkeller und die "Capucha" besichtigen. Die Räume sind leer. Nichts außer ein paar unauffälligen Informationstafeln.

"Es gab jahrelange Diskussionen darüber, wie man diesen Ort der Erinnerung nutzen und welchen Sinn man ihm geben sollte", sagt Ana María Careaga, Direktorin des Instituto Espacio para la Memoria. "Die Menschenrechtsbewegung ist eine sehr breite Bewegung mit vielen unterschiedlichen Gruppen und Meinungen. Aber der Hauptkonsens war, diejenigen Gebäude, die als Haft- und Folterzentren genutzt wurden, so zu lassen, wie man sie vorgefunden hat. Also keine Rekonstruktion der Haftzellen, so wie sie früher waren." Auch andere Menschenrechtsorganisationen nutzen Gebäude der ehemaligen Militärschule. Im Kulturzentrum der "Mütter der Plaza de Mayo" finden Ausstellungen, Konzerte und politische Diskussionen statt.

Nicht nur das Gelände der Esma hat sich verändert. In Argentinien ist viel passiert, was die Aufarbeitung der Militärdiktatur angeht. "Die Menschenrechtsbewegung hat durch ihren stetigen Kampf viel erreicht", sagt Careaga. "Heute stehen die Verantwortlichen für die Verbrechen während des Staatsterrors vor Gericht, und Orte wie die Ex-Esma können sehr viel zur Sensibilisierung der Menschen beitragen. Bei unserer Arbeit in Schulen, Universitäten und Kulturzentren merken wir, dass es heute ein größeres Bewusstsein dafür gibt."

Quelle: n-tv.de, Lisa Rauschenberger, dpa

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