Politik

Eskalation im Nahen Osten "Die Hardliner haben darauf gewartet"

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Nach saudischen Angaben betreffen die Angriffe fast sechs Prozent der weltweiten Rohölversorgung.

(Foto: via REUTERS)

Wie gefährlich sind die Angriffe auf zwei Öl-Anlagen in Saudi-Arabien? Der Iran-Experte Cornelius Adebahr von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik sieht eine "neue Stufe der Gewalt". Im Interview mit n-tv.de sagt er: Jeder, der von einem höheren Ölpreis profitiert, könnte ein Interesse an einer Eskalation in der Region haben.

n-tv.de: Die weltweit größte Ölraffinerie in Saudi-Arabien wurde angegriffen. Die USA drohen bereits mit Konsequenzen. Wie brenzlig ist die Lage am Golf?

Cornelius Adebahr: Es ist die Form von Eskalation, die wir seit dem Frühjahr befürchten mussten. Damals wurden Tanker in der Region angegriffen, jetzt haben wir es mit einen Drohnen- oder womöglich Raketenangriff auf saudi-arabische Ölförderanlagen zu tun. Das ist eine neue Stufe der Gewalt.

Der Luftwaffenchef der iranischen Revolutionsgarden, Amirali Hadschisadeh, sagte, der Iran sei bereit für einen Krieg. Ist der nun wahrscheinlich?

In den letzten Wochen erlebten wir Anzeichen einer Entspannung, sogar Gespräche zwischen dem Präsidenten der USA und des Iran schienen möglich. Das ist nun zunichte gemacht. Unterschiedliche Parteien in der Region haben offenbar entweder Interesse an einer militärischen Auseinandersetzung oder schrecken zumindest davor nicht zurück.

Wer kann denn Interesse an dieser Eskalation haben?

Es ist möglich, dass die Huthi-Rebellen den Konflikt, der bislang auf Jemen begrenzt war, weitertragen wollen. Dann sind da noch die Hardliner im Iran, etwa bei den Revolutionsgarden, und die Hardliner in den USA. Sie reden ja schon länger davon, dass man sich auf einen Krieg mit dem Iran einstellen müsse. Bei den schnellen Reaktionen aus Washington kann man sich vorstellen: Die Hardliner haben genau auf so eine Eskalation gewartet. Tatsächlich könnte jeder, der von einem höheren Ölpreis profitiert, ein Interesse an einer Zuspitzung der Lage haben.

Wer könnte denn hinter den Angriffen stecken? Die USA und die Militärkoalition bezichtigen den Iran, die Huthi-Rebellen im Jemen wiederum bekennen sich zu Angriffen.

Noch sind das alles Spekulationen. Selbst wenn es die Huthis waren, haben sie vielleicht iranische Unterstützung gehabt. Vielleicht waren es auch die Iraner. Selbst wenn Teheran behauptet, nicht hinter den Angriffen zu stecken, deuten viele Anzeichen in diese Richtung. Aber man darf jetzt nicht vorschnell urteilen, wie das beispielsweise US-Außenminister Mike Pompeo gemacht hat, der von Anfang an den Iran beschuldigt hat. So schnell kann man die ganzen Informationen gar nicht auswerten.

Verfügen denn die Huthis überhaupt über Drohnen?

Der Jemen hat tatsächlich offenbar begonnen, eigene Drohnen herzustellen auf der Grundlage von iranischen Modellen. Da gibt es eine enge Zusammenarbeit mit Teheran. Die Huthi-Rebellen könnten die Drohnen auch gekauft haben. Es ist allerdings noch nicht einmal klar, um welche Art von Flugobjekten es sich handelt. Es ist auch von Raketen die Rede. Und bei Drohnen darf man nicht an die Modelle denken, die bei uns über die Felder und Wiesen fliegen. Da geht es um unbemannte Flugobjekte mit einer Größe von drei oder vier Metern, die in der Regel bewaffnet sind.

Auch wenn sie vier Meter lang sind: Wie kann es sein, dass solche Drohnen die hoch gerüsteten Saudis so ins Mark treffen?

Die Saudis müssen sich tatsächlich fragen, warum sie nicht rechtzeitig reagiert haben. Sie sind erstaunlich verwundbar bei kleinen Angriffen. Dabei ist Saudi-Arabien hochgerüstet - im konventionellen Bereich um ein Vielfaches besser als der Iran. Aber es ist nicht so gut vorbereitet auf diese asymmetrische Kriegsführung, auf diese Nadelstiche und einzelnen Angriffe. Schon im Frühjahr gab es einen Angriff auf einen Flughafen in Saudi-Arabien, nach eigenem Bekunden von den Huthis. Die Saudis haben zwar eine Luftabwehr und eine Luftwaffe, die höchsten westlichen Standards genügt. Aber gegen Drohnenangriffe können diese offensichtlich nicht viel ausrichten.

Wie werden die Saudis nun reagieren?

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Cornelius Adebahr ist Politikberater und Iranexperte bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

(Foto: privat)

Wenn sie die Huthis bezichtigen, könnten sie das als Grund für eine Eskalation im Jemen-Konflikt nehmen. Allerdings ist eine härtere Gangart im Jemen aus saudischer Sicht nicht empfehlenswert. Erst im Frühjahr haben die Vereinigten Arabischen Emirate die Koalition mit den Saudis dort verlassen, und im Krieg dort kommen sie nicht voran. Die Saudis könnten wie die USA natürlich auch Teheran beschuldigen: Dann müssten sie aber eigentlich einen Vergeltungsschlag gegen den Iran führen, etwa mit Unterstützung der Amerikaner. Damit würde der Konflikt in der Region sehr schnell eskalieren. Zumindest ihre Nachbarn, die arabischen Golfstaaten, befürchten einen solchen großangelegten Konflikt mit dem Iran, von dem am Ende niemand profitieren würde. Es ist die Frage, ob die Saudis diesen Schritt gehen wollen.

Kann sich Deutschland aus dem Konflikt auf Dauer raushalten?

Ganz raushalten können wir uns natürlich nie. Wir sind ja Ölkonsumenten, wir sind angewiesen auf Sicherheit im Persischen Golf. Wir können auch nicht zulassen, dass ein Land oder eine Gruppe wie die Huthis einfach ein anderes Land angreift und die Ölinfrastruktur dort zerstört oder massiv beeinträchtigt. Das kann uns nicht egal sein. Wir Europäer sind gefordert, zu einem Ende dieser Eskalation beizutragen. Außerdem sind wir über das Atomabkommen mit Teheran sehr eng verbunden und wollen nicht, dass sich die Iraner von diesem Deal ganz freisprechen. Täten sie das, stünde uns möglicherweise eine nukleare Eskalation bevor.

Mit Cornelius Adebahr sprach Gudula Hörr

Quelle: n-tv.de

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