Politik

So absurd ist das US-amerikanische Strafrecht Die Jury musste Zimmerman freisprechen

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Die Solidarität mit Martin ist groß. Hunderte gehen für den getöteten Jugendlichen in den USA auf die Straße.

(Foto: REUTERS)

Der Fall Trayvon Martin löst in den USA eine hitzige Debatte über strukturellen Rassismus in der Justiz aus. Doch er wirft auch ein Schlaglicht auf ein weiteres Problem des Landes: die maßlose Wertschätzung des Rechts auf Selbstverteidigung.

Der Freispruch von George Zimmerman ist juristisch kaum anfechtbar. Dass der selbsternannte Nachbarschaftswächter am 26. Februar 2012 den unbewaffneten Teenager Trayvon Martin erschossen hat, war in den USA keine Straftat. Zimmerman konnte sich auf die sogenannte Stand-Your-Ground-Regelung berufen. Da sind sich auch unabhängige Rechtsexperten einig. Richtig war die Entscheidung der Jury damit aber nicht. Kaum ein Fall lässt die Absurditäten des US-amerikanischen Strafrechts derart aufschillern wie der des 17-jährigen Jugendlichen aus Florida.

Derzeit bestimmt vor allem ein Aspekt die Debatte über den Prozess: der Rassismus. US-amerikanische Bürgerrechtler und Angehörige Martins werfen den Behörden eine allzu zögerliche Aufklärung des Falles vor. Und der Jury – sie bestand aus sechs weißen Frauen – unterstellen sie eine vorurteilbelastete Entscheidung.

Justiz bevorzugt Weiße

Diese Lesart ist keine Laune übersensibler Bürgerrechtler. Das legen zumindest Statistiken der Bundespolizei nah. Laut einer Analyse aus Daten des FBI ist die Wahrscheinlichkeit eines Freispruchs um 354 Prozent höher, wenn ein Weißer einen Schwarzen tötet, als wenn ein Weißer einen anderen Weißen tötet. Im Fall Martin nahm die Polizei Zimmerman nach dem Mord zunächst nicht einmal fest. Es vergingen Wochen bis die Behörden ihn als Mörder überhaupt in Erwägung zogen.

Das zeigt auf ein Neues, dass Rassismus in den USA auch nach zwei Amtszeiten eines schwarzen Präsidenten, Barack Obama, nicht überwunden ist. Doch an der Legitimität des Urteils ändert das am Ende nichts.

Rassistische Vorbehalte hin oder her - die Staatsanwaltschaft konnte letztlich nicht nachweisen, ob Zimmerman den Jugendlichen vorsätzlich tötete, oder ob er sich nur verteidigte, weil Martin ihn angriffen hat. Zimmerman war schließlich der einzige lebende Zeuge. Anwohner dagegen wussten nur zu berichten, dass es in ihrer eingezäunten Wohnanlage in Sanford zu einem heftigen Streit zwischen zwei Männern gekommen war. Wer ihn angefangen hat, konnten sie nicht sagen. Und damit folgten die Geschworenen pflichtgemäß dem Credo: im Zweifel für den Angeklagten.

Die krude Grundlage der Entscheidung

Das wirklich Absurde an diesem Urteil ist die Grundlage, auf dem die Geschworenen es fällten: die Stand-Your-Ground-Regelung (Weiche nicht zurück).

Florida führte das Gesetz 2005 ein. Mittlerweile gelten vergleichbare Regeln in rund der Hälfte der US-Bundesstaaten. Wer sich in den USA im öffentlichen Raum bedroht fühlt, muss im Sinne des Gesetzes nicht auf Deeskalation setzen und sich zurückziehen, selbst wenn das problemlos möglich wäre. Im Gegenteil: Er darf alle Mittel nutzen, um die Bedrohung abzuwenden. Und das tat auch Zimmerman.

Der Nachbarschaftswächter entdeckte Martin an jenem regnerischen Abend im Februar, als der sich gerade auf dem Rückweg von einem Einkauf befand. Der Teenager hatte Eistee und Bonbons besorgt. Zimmerman kam der 17-Jährige mit Kapuzenpulli dennoch "verdächtig" vor. Er beobachtete ihn, folgte ihm auf seinem Weg zum Haus der Freundin seines Vaters.

Ein Gesetz der NRA

Martin fiel der Mann auf seiner Fährte auf. Eine Bekannte Martins berichtete, dass er sie kurz vor seinem Tod anrief und sagte, dieser "Creepy-Ass-Cracker" (in etwa: gruseliger, beschissener Weißer) verfolge ihn. Offensichtlich sah sich Martin durch Zimmerman bedrängt. Gut möglich, dass er aus Angst in den Konfrontationsmodus schaltete. Genauso gut ist möglich, dass Zimmerman versuchte, ihn zu stellen und so die Eskalation auslöste. Unstrittig ist nur eines: Dass Zimmerman den Konflikt provozierte. In seiner Rolle als selbsternannter Sheriff ließ er nicht von dem Jugendlichen ab, denn er wusste sich dabei im Recht. Schließlich nahm er den Jungen mit Bonbons und Eistee als Bedrohung für sich wahr. Und das reicht im Rahmen der Stand-Your-Ground-Regelung ausdrücklich auch, um zur Schusswaffe zu greifen. Kein Wunder, schließlich befördern die mächtigen Waffenlobbyisten der National Rifle Association (NRA) das Gesetz.

Die Wissenschaftler Cheng Cheng und Mark Hoekstra von der A&M Universität in Texas erarbeiteten vor einigen Jahren eine Studie, die die Auswirkungen dieses Gesetzes untersuchte. Zwischen 2000 und 2010 stieg die Zahl der sogenannten legitimierten Tötungen in 21 untersuchten Bundestaaten nach der Einführung der Regel um 50 Prozent. Jährlich kostet sie laut den Wissenschaftlern 50 Menschen das Leben. Fazit: Die Stand-Your-Ground-Regelung lässt Konflikte eskalieren, die normalerweise nicht tödlich enden würden. Ohne sie wäre Trayvon Martin womöglich noch am Leben.

Quelle: ntv.de