Politik

Experte Gressel im Interview "Die Kriegsführung basiert auf Putins Wunschdenken"

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"Die Ukraine wurde komplett falsch eingeschätzt", sagt Experte Gustav Gressel über die russische Strategie.

(Foto: AP)

Vor vier Wochen hat der russische Überfall auf die Ukraine begonnen. Er ist anders verlaufen, als es sich der Kreml wohl gedacht hat. Die Truppen kommen nur langsam voran, es gibt Logistikprobleme. Warum das so ist, erklärt Russland- und Militärexperte Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations (ECFR). Er erklärt auch, warum die Angriffe auf Zivilisten in Städten wie Mariupol so brutal sind, welche Parallelen es zum Syrienkrieg gibt - und warum der 1. April eine große Bedeutung für die russische Armee hat.

ntv.de: Warum bombardiert Russland derzeit so extrem Mariupol?

Gustav Gressel: Erstens will Russland diese Stadt natürlich haben. Es ist der letzte wichtige Verkehrsknotenpunkt am Asowschen Meer, der größte Hafen dort. Und die Stadt liegt auf der Landbrücke von der Krim zum Donbass. Zweitens ist Putin - so habe ich es von Leuten aus Moskau gehört - persönlich enttäuscht, dass Mariupol nicht sofort in die russischen Arme übergelaufen ist. Er fühlt sich demnach persönlich beleidigt und deswegen gehört die Stadt weg.

Also spielt bei den Zerstörungen auch Rache eine Rolle?

Ja. Mariupol ist eine symbolisch wichtige Stadt, die 2014 kurz in der Hand der prorussischen Separatisten war und dann zurückerobert wurde. Seitdem war sie Frontstadt und die Ersatzhauptstadt des Donezker Oblast. Nach 2014 gab es dort etliche prominente Besucher, angefangen mit US-Senator John McCain. Mariupol war die Symbolstadt des Widerstands der Ukraine. Deshalb löst sie auch irrationale und emotionale Züge aus.

Ist das extrem brutale Vorgehen gegen zivile Ziele ein neues Kapitel im Krieg?

Am Anfang hat Russland versucht, zivile Schäden relativ gering zu halten, zumindest für russische Verhältnisse. Es wurde nicht auf die Zivilbevölkerung geschossen, es wurden keine riskanten Luftangriffe geflogen. Dieses Vorgehen ist gegen Ende der ersten Kriegswoche zusammengebrochen, weil sich die ukrainische Gesellschaft eindeutig hinter die Verteidigung des Landes gestellt hat und sich keine russische "Befreiung" wünscht. Deshalb wird jetzt versucht, die Bevölkerung mürbe zu machen und den Widerstandswillen zu brechen, indem bewusst zivile Ziele bombardiert werden, mit zunehmender Intensität. Die russische Luftwaffe etwa war am Anfang gar nicht darauf vorbereitet, im hohen Tempo Lufteinsätze zu fliegen. Mittlerweile gibt es 300 Luftangriffe auf die Ukraine pro Tag, also 300 Einheiten aus je zwei Flugzeugen heben täglich ab. Das ist ein Tempo, das ich auch erwartet hätte.

Putin hat die Ukrainer als Brudervolk bezeichnet, das Land selbst als Teil Russlands. Ist die Brutalität da nicht überraschend?

Ich halte das für vergleichbar mit einem Muster bei Sexualdelikten, bei denen das Opfer ermordet wird: Dabei sieht der Vergewaltiger, dass das Opfer überhaupt keine Liebe für ihn empfindet und auch nicht zur Liebe gezwungen werden kann und bringt es aus Rache für diese Verschmähung auch noch um. Das ist ein häufiges Tatmuster bei Sexualdelikten, bei denen der Täter nicht mehr rational denkt. Dieses Bild eines Vergewaltigers halte ich für passend, denn Putin selbst hat mit Blick auf die Ukraine eine Floskel aus einem russischen Mafiafilm verwendet: "Ob's dir gefällt oder nicht, du wirst dich fügen, meine Hübsche."

Mariupol wird oft in eine Reihe gestellt mit dem tschetschenischen Grosny und dem syrischen Aleppo, die beide ebenfalls völlig zerstört wurden. Ist das berechtigt?

Die Parallelen sind da, weil es dieses Vorgehen der russischen Armee im Ortskampf seit dem Zweiten Weltkrieg gibt. Es geht darum, mit viel Artillerie die Deckungsmöglichkeiten des Gegners zu zerschießen. Die Stadt mit ihren Verteidigern soll zerstört werden, um so den Widerstand zu brechen. Im Gegensatz dazu steht die Taktik der Amerikaner, die mit Präzisionswaffen reingehen und versuchen, mit möglichst kleinen Waffen den Gegner rauszuschießen und den Rest der Zivilbevölkerung möglichst zu schonen. Das russische Militär geht anders vor, und das spielt sich dann eben in allen Städten ab, die militärisch erobert werden sollen.

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Gustav Gressel ist Senior Policy Fellow beim European Council on Foreign Relations (ECFR). Er ist Experte für Russland und Osteuropa, Militärstrategie und Raketenabwehr.

(Foto: ECRF)

Viele, die den Syrienkrieg beobachtet oder erlebt haben, weisen auf Parallelen zum Krieg in der Ukraine hin, etwa was den Umgang mit Evakuierungskorridoren angeht oder die Doppelstrategie aus Beschuss und Verhandlungen. Ist das russische Verhalten in Syrien eine Blaupause für den jetzigen Krieg?

Natürlich ist die ukrainische Gesellschaft anders als die syrische, und die ukrainische Armee ist anders organisiert als die syrischen Rebellen. Aber gezielte Angriffe Russlands zum Beispiel auf Krankenhäuser und Schulen hat es in Syrien auch gegeben - dabei hat Russland sogar versucht, über das Rote Kreuz die genauen Standorte zu erfahren. Das ist ein Muster der Erniedrigung des Gegners, dem damit gesagt wird, dass er seine Schutzbefohlenen, die Frauen und Kinder, nicht schützen kann. Das hat es in Syrien gegeben und das wiederholt sich jetzt in der Ukraine.

Ist das ein Teil der russischen Militärtradition?

Die Russen haben da viele Anleihen beim amerikanischen militärischen Denken genommen, ohne dieses aber zu verstehen. In der amerikanischen Militärliteratur gibt es die Taktik des "Shock and Awe", also von Schrecken und Furcht. Dabei geht es darum, durch einen Angriff einen Schock auszulösen, um den Gegner davon abzuhalten, weiter organisierten militärischen Widerstand zu leisten. Im Golfkrieg haben die Amerikaner so schnell Geländegewinne gemacht, dass sie dem Gegner keine Zeit gelassen haben, sich wieder zu organisieren, bis er in einzelne Kräfte zersplittert ist und es keinen Sinn mehr machte, den Krieg fortzusetzen ohne einen sinnlosen Tod zu sterben.

Wie haben die Russen das aufgegriffen?

Die Russen haben das dahingehend übernommen, dass sie den Widerstand der Gesellschaft brechen wollen, nicht den der Streitkräfte. Sie wollen die Unterstützung des Krieges durch das Volk brechen, indem sie durch eine schnelle, brutale Vorgehensweise und das demonstrative Vorzeigen von hohen Opferzahlen einen Schock auslösen. Bis das gegnerische Volk sagt: lieber einen Frieden unter Terrorherrschaft als den täglichen Terror des Krieges. Das ist natürlich eine ganz andere Lesart derselben Taktik.

Fehlt den Russen die Schnelligkeit, um die Amerikaner zu kopieren?

Sie können die Amerikaner nicht kopieren, weil ihnen sowohl die Schnelligkeit fehlt als auch die technische Ausrüstung, gezielt gegen den Gegner vorzugehen. Das sieht man etwa bei dem Angriff auf das Kiewer Einkaufszentrum. In den ersten zwei, drei Kriegstagen hat die ukrainische Armee dort Fahrzeuge zur Reserve untergestellt, bis sie im Norden der Stadt zur Verteidigung zusammengezogen wurden. Davon gibt es ja auch Fotos. Das Shopping-Center wurde aber erst jetzt bombardiert, dabei sind die Fahrzeuge dort seit Wochen weg. Das ist ein enormer Zeitverzug.

Warum ist die russische Armee bisher so langsam vorangekommen - gab es strategische Fehler?

Ja, natürlich. Die ganze anfängliche Kriegsführung basierte im Grunde auf Putins Wunschdenken, auf dem Wunschdenken der obersten russischen Führung und der politischen Eliten des Landes. Die Ukraine wurde komplett falsch eingeschätzt, die sozialen Gegebenheiten und die Meinungsbildung wurden komplett ignoriert oder falsch gelesen. Die Misserfolge waren im Grunde absehbar, aber dass sich das bis in die operativen und taktischen Details so stark auswirkt, hätte ich nicht gedacht. Die Russen haben nicht geglaubt, dass sie tatsächlich auf einen militärisch organisierten Widerstand treffen und dementsprechend böse war natürlich das Erwachen.

Zu Beginn des Krieges wurde auf die veraltete Technik der russischen Armee verwiesen, etwa die alten Panzer. Jetzt gab es nach russischen Angaben zwei Angriffe mit Überschallraketen. Kommt die moderne Technik jetzt erst zum Einsatz?

Ehrlich gesagt will ich gar nicht beurteilen, wo und wie die Überschallraketen eingesetzt wurden. Ich warte immer noch auf Satellitenbilder von den Einschlagsorten. Bisher gibt es nur die russische Behauptung. Von daher bin ich sehr skeptisch, was die Anzahl der Raketen und die Art des Schadens angeht. Bei Angriffen mit Kalibr- oder Iskander-Raketen gibt es relativ gute Dokumentationen darüber, was getroffen wurde, wer angegriffen hat und wie viele Raketen es waren. Diese Kinschal-Abschüsse sind bisher sozusagen Twitter-Behauptungen der Russen. Es kann sein, dass tatsächlich Überschallraketen eingesetzt wurden, es kann aber auch sein, dass das nicht der Fall war.

Ist Russland militärisch wesentlich schwächer als angenommen?

Ich habe die russische Armee stärker eingeschätzt, als sie sich derzeit zeigt. Ich habe mir sowohl das taktische Verhalten der russischen Armee in Syrien angeschaut als auch die ukrainische Armee im Donbass. Allerdings stellt sich die Frage, ob man von dem Gesehenen auf den großen Rest der Armee schließen kann. Insgesamt muss ich sagen, dass die Ukrainer wirklich in der Masse nicht nur gewillt sind, ihr Land zu verteidigen, sie machen das auch taktisch gut. Bei den Russen dagegen erweisen sich die Erfolge der Elitetruppen in Syrien als Einzelfälle, die sie nicht im größeren Maßstab wiederholen können. Bei Russland besteht immer die Gefahr, dass man sie entweder komplett über- oder komplett unterschätzt. Die Realität liegt dann irgendwo in der Mitte.

Erwarten Sie nun einen Stellungskrieg, wird Russland stärker oder gibt es vielleicht sogar einen Sieg der Ukraine?

Das kann man jetzt noch nicht sagen. Russland versucht, weiterhin Kräfte zu generieren. Zudem steht der 1. April bevor. Das ist ein wichtiger Einberufungstermin in Russland, an dem neue Wehrpflichtige ihren Dienst beginnen. Frühere Wehrpflichtige scheiden dagegen aus - und es wird versucht, sie jetzt möglichst breitflächig als Vertragssoldaten anzuwerben, die dann in die Ukraine geschickt werden können. Das würde Russland Mitte April eine neue Offensive ermöglichen. Bis dahin werden sie versuchen, Gelände zu halten, sich zu reorganisieren und ihre Logistik in den Griff zu bekommen. Ich erwarte also abgesehen von Mariupol und dem Vorgehen im Donbass, dass die Russen bis dahin keine größeren Aktionen starten. Ich sage nicht, dass der Krieg schon vorbei ist oder dass die Ukraine auf der Siegerstraße ist. Die Ukraine hat aber die Chance, diesen Krieg zu gewinnen, indem sie Russland in einen Ermattungsfrieden zwingt. Aber soweit ist es noch nicht.

Bekannt ist die sogenannte Schlammzeit in der Ukraine, die Rasputiza, während der das Gelände nur schwer passierbar ist. Spielt das eine Rolle für den Kriegsverlauf?

Es ist auffällig, dass die Russen vor allem östlich von Kiew nur entlang der Asphaltstraßen vorstoßen, das kanalisiert ihre Bewegungen. Sie trauen sich sozusagen nicht raus in den Gatsch, in den Schneematsch. Allerdings gibt es auch genügend befestigte Asphaltstraßen, das ist nicht mit dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar. Daher spielt diese Schlammzeit keine so große Rolle.

Warum bleiben dann so viele Fahrzeuge liegen?

Eine große Rolle bei den logistischen Problemen spielt der Zustand der Fahrzeuge. Viele Feldwerkstätten, die sich eigentlich um die Materialerhaltung kümmern - Ölwechsel, Schmiermittelwechsel, die Erneuerung von Ketten und Rädern -, wurden gar nicht mitgenommen, sie gehören nicht zu den eingesetzten Bataillonskampfgruppen. Und da einige Kräfte seit Oktober Manöver an der ukrainischen Grenze absolvieren, sind die Fahrzeuge entsprechend verschlissen und müssten in die Werkstätten zurückgeschickt werden. Wenn man sich anschaut, mit welcher Struktur die Russen diesen Krieg angefangen haben, sind diese Ermüdungserscheinungen logisch. Hätten sie gewusst, was auf sie zukommt, hätten sie sich wahrscheinlich anders eingestellt.

Mit Gustav Gressel sprach Markus Lippold

Quelle: ntv.de

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