Politik

Die Krim vor dem Beitritt zu Russland "Die Krimtataren haben Angst"

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Bei einer Demonstration am 26. Februar vor dem Parlament in Simferopol hält ein Krimtatar einen Zettel hoch, auf dem steht: "Krim + Ukraine = Liebe".

ASSOCIATED PRESS

Die Anwesenheit russischer Soldaten auf der Krim weckt bei vielen Krimtataren traumatische Erinnerungen. Wegen angeblicher Kollaboration mit den deutschen Besatzern hatte Stalin 1944 die weitaus meisten Angehörigen dieses Turkvolkes nach Zentralasien deportieren lassen - erst seit 1988 dürfen sie wieder zurückkehren.

Heute leben schätzungsweise 300.000 Krimtataren auf der Halbinsel. Der Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" berichtet, dass in Haustüren und Zauntoren von Krimtataren jetzt Kreuze geritzt würden. So wurden die Häuser von Krimtataren auch 1944 vor der Deportation markiert.

Das folgende Interview führte n-tv.de schriftlich mit Eskender Bariiev. Er gehört der Medschlis des krimtatarischen Volkes an, einer Organisation, der Selbstorganisation der Krimtataren - seine Darstellung ist folglich zweifellos nicht unparteiisch, zeigt aber eine wichtige Perspektive im Streit um die Krim auf. Einschübe in runden Klammern kommen von Eskender Bariiev, eckige Klammern sind von der Redaktion ergänzt.

n-tv.de: Wie ist die Lage in Simferopol? Was denken die Einwohner über die Anwesenheit der russischen Soldaten?

Eskender Bariiev: Die Reaktion der Einwohner auf die russischen Soldaten hängt von der ethnischen Zugehörigkeit und dem sozialen Status ab. Die überwältigende Mehrheit der Krimtataren (die insgesamt 13 bis 15 Prozent der Bevölkerung auf der Krim ausmachen) sieht das Auftauchen von Bewaffneten in Militäruniformen, die Regierungsgebäude und strategische Positionen besetzt halten, als Bedrohung ihrer Sicherheit. Die Krimtataren haben sich daher organisiert, um in den Ortschaften aufzupassen und um Kontakt mit Behörden und anderen Volksgruppen zu halten.

Den ethnischen Ukrainern (bis zu 23 Prozent) hat das Auftauchen der bewaffneten Gruppen Sorge bereitet. Ein kleiner, aktiver Teil von ihnen versucht, Kundgebungen abzuhalten sowie Hilfe und Schutz für die eingeschlossenen ukrainischen Soldaten zu organisieren. Sie sprechen ihre Aktionen eng mit den Krimtataren ab.

Die ethnischen Russen (bis zu 63 Prozent) sind zum größten Teil unpolitisch. Zu Beginn sahen sie die Präsenz der Bewaffneten als Schutz gegen Aggressionen ukrainischer Nationalisten aus dem Westen der Ukraine an. (Der Grund für ihre unpolitische Haltung ist: Nur 17 Prozent der Bevölkerung auf der Krim nutzt das Internet. Die überwältigende Mehrheit sieht russische oder örtliche Fernsehsender oder nutzt Zeitungen, die die Euromaidan-Bewegung als nationalistische oder faschistische Bedrohung darstellen.)

Ein kleiner Teil der Russen beteiligt sich mit Unterstützung der russischen Gesandten in Sewastopol an Kundgebungen, an der Bildung von Selbstverteidigungsgruppen und half dabei, strategisch wichtige Gebäude in der Ukraine [d.h. auf der Krim] zu besetzen. Im Moment drücken mehr und mehr ethnische Russen ihre Sorge über die Präsenz der Bewaffneten aus, über die Einschränkung der Bewegungsfreiheit, über die Schließung von Büros und Geschäften in der Innenstadt, über das Herumziehen von Gruppen, darunter auch solche, unter denen Betrunkene sind.

Die Menschen sind von den Militärfahrzeugen und Hubschraubern eingeschüchtert. Menschen aus unterschiedlichen Volksgruppen fangen an zu spüren, dass die wirtschaftliche Stabilität und die Sicherheit verletzt wurden. Die allgemeine Stimmung ist gedrückt. Die Menschen wollen nicht glauben oder haben nicht verstanden, dass sie sich im Zustand der Besatzung durch den Nachbarstaat befinden. Kriminelle Elemente, die niemandem gefallen, tauchen jetzt auf.

Gab es einen erkennbaren Anlass für das Auftauchen der Soldaten - Gewalt, Ausschreitungen, Kämpfe?

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Krimtataren in Simferopol wärmen sich an einem Feuer. Sie bewachen ihre Nachbarschaft vor befürchteten Übergriffen.

(Foto: AP)

Es gibt keinen Zweifel, dass es sich [bei der Übernahme der Kontrolle der Krim] um eine vorbereitete Operation handelt. Der Zugriff auf strategisch wichtige Gebäude [unter anderem die Besetzung des Parlaments] begann in der Nacht vom 26. auf den 27. Februar. Schon ein paar Tage zuvor hatten Journalisten Lastwagen mit bewaffneten Männern in Jalta und anderen Gegenden auf der Krim gefilmt.

Während der Ereignisse auf dem Maidan in Kiew gab es in Simferopol zunehmend Gewalt gegen Unterstützer der Euromaidan-Bewegung. Das Auto eines Aktivisten aus Sewastopol wurde in Brand gesteckt, auf das Auto eines Aktivisten aus Simferopol wurde geschossen, es gab einen Angriff auf eine Kundgebung von Euromaidan-Teilnehmern in Simferopol. Wegen der Propaganda wurden in verschiedenen Gegenden der Krim "Selbstverteidigungsgruppen" von [russischen] Kosaken gebildet. Nach den Ereignissen vom 21. Februar in Kiew [an diesem Tag wurde das Blutvergießen in Kiew mit dem Abkommen beendet, dass die Außenminister Deutschlands, Polens und Frankreich vermittelt hatten; am Abend dieses Tages verließ Präsident Viktor Janukowitsch fluchtartig Kiew] fingen sie damit an, Kundgebungen von zwei- bis fünfhundert Menschen, die mit Schlägern und Knüppeln bewaffnet waren, zu organisieren.

Am 23. Februar organisierte der Medschlis [die Vertretung der Krimtataren] eine Kundgebung mit zehntausend Teilnehmern, um an den Tod eines bekannten krimtatarischen Politikers zu erinnern, Noman Chelebidzhihan [andere Schreibweise: Çelebicihan. Er war 1917 Präsident der kurzlebigen "Volksrepublik Krim". Im Februar 1918 wurde er von bolschewistischen Soldaten erschossen.] Bei dieser Veranstaltung drückten sie ihre Unterstützung für die Euromaidan-Bewegung in Kiew aus und stellten den Behörden ein Ultimatum, die Lenin-Statue innerhalb von zehn Tagen vom zentralen Platz der Stadt an einen anderen Ort zu schaffen.

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Am 26. Februar vor dem Parlament der Krim: Kundgebung von Krimtataren.

(Foto: REUTERS)

Am 25. Februar veranstaltete die Partei "Russische Einheit" [die bei der Krim-Wahl 2010 auf 4 Prozent kam und seit dem 27. Februar dennoch den Ministerpräsidenten stellt] eine Kundgebung vor dem Parlamentsgebäude in Simferopol und verlangte eine Entscheidung über die Krim und ihre mögliche Abspaltung von der Ukraine. Sie stellten ein Ultimatum bis zum 26. Februar und erklärten, dass das Gebäude besetzt würde, wenn ihre Forderung nicht erfüllt werde.

Am 26. Februar sollte die Sondersitzung stattfinden. Zusammen mit anderen öffentlichen Organisationen und Angehörigen der Euromaidan-Bewegung auf der Krim organisierte der Medschlis des krimtatarischen Volkes eine Kundgebung mit ungefähr zehntausend Menschen, die dafür demonstrierten, die Integrität der Ukraine zu bewahren und die eine Sitzung des Krim-Parlaments verhindern wollten. Unter den Unterstützern dieser Kundgebung waren Menschen aus verschiedenen Volksgruppen, aber die Mehrzahl waren Krimtataren. Es gab auch eine Kundgebung mit mehreren tausend Unterstützern der Partei "Russische Einheit", die mit der Forderung gekommen waren, die Sitzung abzuhalten. Sie kamen mit Stöcken, Gaskartuschen und Sprengkörpern. Es gab Zusammenstöße zwischen den Teilnehmern der Kundgebungen, es kam zu Kämpfen, und alles endete damit, dass man sich gegenseitig vom Platz verjagte. Im Ergebnis drängten die pro-ukrainischen Demonstranten die pro-russischen weg. Dabei wurden eine ältere Frau und ein 21-jähriger Mann zu Tode gedrückt. Ein älterer Mann wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Ungefähr 30 Menschen mussten ärztlich versorgt werden. Pro-russische Demonstranten setzten Sprengkörper, Tränengas und auch Stöcke ein.

Russische Medien nennen die Soldaten auf der Krim "Selbstverteidigungskräfte". Wer sind die Bewaffneten, die die Krim kontrollieren?

Das sind Soldaten, die mit den modernsten Waffen ausgerüstet sind, die moderne, unmarkierte Uniformen tragen und in neuen, modernen Militärfahrzeugen fahren. Diese Soldaten kommen kaum in Kontakt mit der Bevölkerung, aber in seltenen Fällen konnte man merken, dass sie Russisch mit russischem Akzent sprechen und sich an der Moskauer Zeitzone orientieren. Einige Militärfahrzeuge und Hubschrauber haben russische Nummernschilder und Symbole. Das offizielle Moskau gibt widersprüchliche Informationen heraus: Manchmal bestätigt es die Teilnahme seiner Soldaten, manchmal streitet es sie ab. Der russische Präsident Wladimir Putin hat in seiner Pressekonferenz gesagt, dass es keine russischen Soldaten sind. Der "Ministerpräsident" der Krim, Sergej Aksjonow, hat in den Zeitungen "Krymskaya Pravda" und "Moskowski Komsomolez" allerdings bestätigt, dass es sich um russische Soldaten handelt.

Folgende Fragen stellen sich: Woher hat Aksjonow so viel Geld, um ungefähr 15.000 Soldaten mit so modernen Waffen auszurüsten? Der Haushalt der Krim kann solche Aufwendungen nicht decken. Wo haben diese Soldaten ihre Waffen her, wenn es doch offiziell verboten ist, Waffen in der Ukraine zu verkaufen? Wenn unmarkierte bewaffnete Männer ohne klare Forderungen Regierungsgebäude und strategische Gebäude besetzen und diese verwüsten, dann sind es Verbrecherbanden und internationale Anti-Terror-Strukturen sollten sie mit der Hilfe Russlands verfolgen.

Aksjonow wurde während einer Sondersitzung mit vorgehaltener Waffe ohne Anwesenheit der Massenmedien gewählt. Einer der Abgeordneten der (Janukowitsch-) Partei der Regionen sagte, er habe nicht an der Sitzung teilgenommen. Seine Stimmkarte wurde bei der Abstimmung dennoch benutzt. [Auch die fünf tatarischen Abgeordneten hatten an der Abstimmung nicht teilgenommen.]

In der kommenden Woche soll auf der Krim ein Referendum über den Beitritt zu Russland stattfinden. Was wird das Ergebnis dieses Referendums sein?

Bei dem Referendum soll darüber abgestimmt werden, ob die Krim Russland beitritt oder zur Verfassung von 1992 zurückkehrt. Selbst danach wäre die Krim zwar weiter Teil der Ukraine, wäre aber nur durch einen Vertrag an sie gebunden. Es wäre nur ein Zwischenschritt zu einer Annektierung der Krim durch die Russische Föderation.

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Nach dem Freitagsgebet: Krimtataren vor einer Moschee in Bachtschyssaraj nahe Simferopol.

(Foto: Reuters)

Zunächst einmal wird jedes Ergebnis des Referendums illegitim sein, weil es keine Maßnahmen über die Durchführung solcher Volksabstimmungen in den ukrainischen Gesetzen gibt. Zweitens können solche öffentlichen Veranstaltungen nicht bei vorgehaltener Waffe durchgeführt werden. Drittens werden nur sehr wenige Wähler an dem Referendum teilnehmen (die Krimtataren werden die Abstimmung höchstwahrscheinlich boykottieren, die Angehörigen anderer Volksgruppen werden nicht aktiv sein). Und viertens wird das Referendum nicht transparent und offen sein, es wird massive Wahlfälschungen geben.

Der russische Sender "Russia Today" sagt, die Mehrheit der Krimtataren bleibe "apolitisch" oder unterstütze sogar "das Recht der Selbstbestimmung der Krim". Können Sie das bestätigen?

Wenn man sich die Beteiligung der Krimtataren bei den vergangenen Wahlen ansieht, dann können wir sagen, dass sie nicht so aktiv sind wie zu Beginn der 90er Jahre und nach der Jahrhundertwende. Das liegt am religiösen Faktor. Allerdings ist die Wahlbeteiligung unter den Krimtataren höher als die Wahlbeteiligung insgesamt.

Wie würden Sie eine Zukunft der Krim als Teil von Russland sehen?

Wenn Russland die Krim annektiert, werden die krimtatarische und die ukrainische Bevölkerung in Panik geraten. Es wird Massenproteste und Kundgebungen geben. Auf längere Sicht würde die Stabilität in der Region vom Status der Krim innerhalb der Russischen Föderation abhängen - davon, ob die Sicherheit der Krimtataren zufriedenstellend garantiert werden kann und ob die russische Führung das Vertrauen der krimtatarischen Bevölkerung gewinnen kann.

Neben einem Verbleib in der Ukraine und einem Beitritt zu Russland gibt es auch eine dritte Option nach dem Vorbild der [international nicht anerkannten] Republik Transnistrien [die sich 1992 von Moldawien abgespalten hat]: Die Krim könnte [sich von der Ukraine trennen und] den Status einer unabhängigen, von den meisten Staaten nicht anerkannten Republik annehmen, die faktisch von Russland kontrolliert wird. Das würde dazu führen, dass Kriminalität und Schmuggel sich ausbreiten. Die Krim wäre dann eine Quelle der Instabilität in der Schwarzmeerregion. Dem krimtatarischen Volk als Minderheit auf der Krim würde in einer solchen Situation die physische Vernichtung drohen.

Aus dem Englischen von Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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