Politik

Darum fordert Athen Reparationen Die Opfer von Distomo bekamen nichts

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Deutsche Soldaten beim Massaker in Distomo: Bis heute haben die Hinterbliebenen keine Entschädigung bekommen.

(Foto: picture alliance / dpa)

280 Milliarden Euro Entschädigung will Griechenland für deutsche Kriegsverbrechen. Das ist absurd, wird aber verständlich, wenn man bedenkt, dass die Opfer von Nazi-Massakern nie entschädigt wurden. Obwohl Deutschland gezahlt hat.

Es ist der 10. Juni 1944, als die 4. SS-Polizei-Panzergrenadierdivision in das kleine griechische Dorf Distomo rund 100 Kilometer nordöstlich von Athen einrückt. Die deutschen Soldaten üben Vergeltung für einen Partisanenangriff und ermorden auf bestialische Weise 218 Männer, Frauen, Kinder und Greise. Babys werden in den Armen ihrer Mütter erschossen. Die Leichen liegen in den Straßen. Dann brennt die SS das Dorf nieder.

Jeder Grieche kennt die Geschichte dieses deutschen Kriegsverbrechens. Das ist wohl auch der Grund, warum Regierungschef Alexis Tsipras im Schuldenstreit nun eine einfache Rechnung aufmacht: Deutschland soll Griechenland für Massaker wie in Distomo fast 280 Milliarden Euro Entschädigung zahlen. Deutsche Politiker und die deutsche Bevölkerung sind darüber gleichermaßen erbost.

Es ist sicher wenig klug von der Tsipras-Regierung, Deutschlands moralische Schuld aus der Nazizeit 70 Jahre nach dem Krieg gegen die eigenen Schulden aufzurechnen. Es ist unverfroren angesichts der 240 Milliarden Euro, mit denen Deutschland und die anderen Euro-Länder Athen vor der Pleite gerettet haben. Aber es wird verständlicher, wenn man bedenkt, dass die Opfer deutscher Kriegsverbrechen in Griechenland niemals entschädigt wurden. Obwohl Deutschland schon vor mehr als 50 Jahren Wiedergutmachung geleistet hat.

Massaker sind "Kriegsschicksal"

1961 zahlte die Bundesregierung 115 Millionen D-Mark an Griechenland, um Opfer des Nazi-Terrors zu entschädigen. Mit insgesamt zwölf westlichen Staaten schloss die Bundesrepublik in den 60er-Jahren solche Entschädigungsabkommen, darunter Frankreich und Italien. Doch bei den Opfern deutscher Kriegsverbrechen in Griechenland ist von diesem Geld nie etwas angekommen. Denn für sie war das Geld nicht gedacht. Jahrelang versuchten sie erfolglos, eine Entschädigung einzuklagen.

Ein griechisches Gericht verurteilte die Bundesrepublik 1997 zu rund 28 Millionen Euro Schadenersatz. Griechenlands oberster Gerichtshof bestätigte im Jahr 2000 das Urteil, doch Deutschland zahlte nicht. Auch das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe wies 2006 Klagen von Distomo-Angehörigen ab. Das SS-Massaker sei kein NS-"typisches" Verbrechen gewesen, sondern allgemeines Kriegsschicksal, lautete die Begründung - und dafür gebe es nach deutschem Recht nun mal keine Entschädigung. Die Opfer bekamen zwar vor griechischen Gerichten Recht. 2012 entschied der Internationale Gerichtshof in Den Haag allerdings, dass Deutschland nicht vor ausländischen Gerichten für NS-Verbrechen verurteilt werden kann.

Einen Anspruch auf deutsches Geld hatten die Hinterbliebenen der Massaker auch deswegen nicht, weil es laut Abkommen für die Entschädigung von Opfern der Nazi-Besatzung bestimmt war, die "aus Gründen der Rasse, des Glaubens oder der Weltanschauung" verfolgt worden waren. Das Geld ging vor allem an die Nachkommen von ermordeten griechischen Juden. Für die Opfer allgemeiner Kriegsverbrechen wie in Distomo war es nie gedacht. Für diese Massaker hat Deutschland bis heute nie irgendetwas gezahlt, an kein Land der Welt.

Schuld daran sind auch die Alliierten. Sie brauchten Westdeutschland nach 1945 im Kalten Krieg als Frontstaat gegen die Sowjetunion. Mit anderen Ländern waren sie weniger zimperlich. Nicht nur Deutschland, auch Italien und Bulgarien hatten Griechenland im Zweiten Weltkrieg besetzt und dabei Kriegsverbrechen begangen. Anders als Deutschland wurden sie gezwungen, nach 1946 dafür 150 Millionen Dollar Entschädigung an Athen zu zahlen.

Deutschland trickst sich raus

"Für Nazi-Unrecht und den Holocaust büßen wir, aber nicht für deutsche Kriegsverbrechen", das war die Linie der Bonner Republik nach 1945. Doch völkerrechtlich verjähren Reparationsansprüche nicht. Sie blieben ein schwebendes Risiko für die Bundesregierung. Also versuchten deutsche Diplomaten nach Kräften, Ansprüche für die Massaker abzuwiegeln. Das Abkommen mit Griechenland von 1961 sah vor, dass "alle den Gegenstand dieses Vertrages bildenden Fragen" abschließend geregelt seien.

Der zuständige Staatssekretär Hilger van Scherpenberg bekundete seinerzeit in einem Brief an den griechischen Botschafter Deutschlands Haltung, auch Reparationen für Kriegsmassaker wie in Distomo seien damit erledigt: Die Bundesregierung gehe davon aus, dass Griechenland deswegen "künftig an sie ... nicht herantreten wird". Der griechische Botschafter widersprach: Im Rahmen einer endgültigen Regelung der Reparationsfrage behalte man sich vor, "mit dem Verlangen nach Regelung weiterer Forderungen, die aus nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen herrühren ..., heranzutreten".

Doch bei der Wiedervereinigung wurde diese abschließende Regelung bewusst ausgeklammert - kein Wort findet sich dazu in den Verträgen. Die Kohl-Regierung trickste und vermied das Wort "Friedensvertrag", was eine endgültige Regelung der deutschen Kriegsschuld impliziert hätte - und höchstwahrscheinlich griechische Forderungen auf den Plan gerufen hätte. Trotzdem stellt sich die deutsche Regierung bis heute auf den Standpunkt, die Reparationsfrage sei endgültig erledigt.

Der Euro ist die Entschädigung

Auch deshalb belastet das Thema das deutsch-griechische Verhältnis seit Jahrzehnten - lange bevor Tsipras deutsche Massaker mit griechischen Schulden zu vermischen begann. Die Ansprüche sind keine Erfindung der neuen Linksregierung. Schon 1995 erbat sich Griechenland über seinen Bonner Botschafter Verhandlungen über Reparationen, doch die Bundesregierung wies das zurück.

Auffällig ist allerdings: Deutsche Massaker hat es nicht nur in Griechenland, sondern in allen von Nazi-Deutschland besetzten Ländern gegeben. Nicht nur in Distomo, auch im französischen Oradour, im italienischen Sant' Anna di Stazzema und an vielen anderen Orten in Europa ermordeten SS und Wehrmacht tausende Zivilisten bestialisch. Nicht nur die griechische Regierung, sondern alle von Nazi-Deutschland besetzen Staaten könnten deshalb von Deutschland immer noch Reparationen für Kriegsverbrechen verlangen. Aber das haben sie bis heute nie getan.

Das hat wohl zwei Gründe: Zum einen wissen alle, dass Reparationen in einem solchen Ausmaß Deutschland finanziell ruinieren würden. Und zum anderen waren sich die Völker Europas bisher stillschweigend über eine Sache einig. Die EU und auch der Euro sind eine Lehre aus den beiden Weltkriegen und in gewisser Weise auch eine Entschädigung für die Nazi-Verbrechen. Deutschland profitiert zwar stark vom Euro, ist aber auch der größte Nettozahler in der EU und trägt als größte Volkswirtschaft des Kontinents die Hauptlast in der Schuldenkrise. Dieses Einvernehmen, auf dem die EU einst gegründet wurde, droht nun im Schuldenstreit ins Wanken zu geraten. In Griechenland wie in Deutschland.

Quelle: ntv.de