Politik

Wie ernst ist die Affäre wirklich? Diekmann macht "taz" den Wulff

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Guck mal, wer da spricht: Diekmann schrieb der taz eine eilige Mail - im sattsam bekannten Stil von Bundespräsident Wulff.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Bild"-Chef Kai Diekmann und die linke Tageszeitung "taz" verbindet seit langem eine ganz besondere Beziehung. Sie schlugen und vertrugen sich - vielleicht auch wegen der räumlichen Nähe der Verlagszentralen. Manchmal schreibt man sich. Anfragen und - selten aber ganz ironiefreie - Antworten. Auch jetzt wieder.

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Das Verhältnis von taz und Diekmann ist innig: Relief an der Fassade des taz-Gebäudes in Berlin. (Foto: Paolo Olarte)

Udo Röbel, Kai Diekmanns Vorgänger im Amt des Chefredakteurs der "Bild"-Zeitung und heute Krimi-Autor, sagte unlängst im Interview mit der "taz", die Affäre um Bundespräsident Wulff sei "für 'Bild' ein Sechser im Lotto". Auf der Suche nach neuen öffentlich-medialen Bedeutungsfeldern sei dem Blatt mit den Enthüllungen über den Hauskredit ein Coup gelungen. Und durch "Wulffs blöden Umgang mit der Affäre" stehe die "Bild"-Zeitung "jetzt als Gralshüter der Pressefreiheit da".

Ähnlich wurde auch schon in einem dem Komiker Hape Kerkeling zugeschriebenen Text argumentiert, in dem es heißt: "Ausgerechnet die Bild mutiert nun zum obersten Moralhüter und zum reinen Gewissen der Nation!?".

Tatsächlich gefallen sich sowohl "Bild" (beziehungsweise ihre vorgeschickten Vertreter; der Chef selbst tritt ja nicht so gerne in der Öffentlichkeit auf) als auch die publizistischen Hilfskanoniere (des gleichen Verlages und anderer Häuser) im staatstragenden Habitus und in der Rolle akribischer Enthüller friedensgefährdender Umtriebe.

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Diekmann schreibt gern Briefe.

(Foto: dapd)

Der erste Mann im Staate gleicht dank ihnen inzwischen einem waidwunden Hirschen, das Amt ist sturmreif geschossen von denen, die - aber nur zufällig! - allzu gerne vom populistischen Zirkus einer Direktwahl durch das Volk profitieren würden. Will sagen: die Lage ist ernst - und das Gemeinwesen ist nur mit Hilfe der hochernsten, honorigen Männer der "vierten Gewalt im Staat" noch zu retten.

Was aber, wenn es den ach so Ehrbaren in Wirklichkeit doch nicht einzig ums Gemeinwohl ginge? Aufschlussreich ist da womöglich ein - vorerst noch - kleines Scharmützel, das sich derzeit entspinnt zwischen den eingangs erwähnten Lieblings-Feinden.

Einschub: Es muss hier - das Netz vergisst nichts! - vor allem erinnert werden an die fröhliche Penis-Posse, die darin gipfelte, dass an der Fassade des "taz"-Sitzes in Sichtweite der Berliner Springer-Zentrale das Relief "Friede sei mit dir" - auch bekannt als "Pimmel über Berlin" -  angebracht wurde. Und daran, dass Diekmann 2004 zum 25. Jubiläum eine "Fendes-taz" gestalten durfte und anschließend Anteile an der "taz"-Verlags-Genossenschaft zeichnete.

Doch zurück zu den aktuellen Ereignissen: Ganz im inquisitorischen Stil der Rechercheure, die mit ihren 400 Fragen dem vermeintlichen Kredit-Skandal des Präsidenten auf der Fährte waren, ließ die taz nämlich dem "Bild"-Chef eine geharnischte Anfrage mit 15 Fragen zur Maillbox-Affäre zustellen, die doch - bitteschön! - rasch zu beantworten sei.

"Wer im Haus kannte zu diesem Zeitpunkt die Mailbox-Nachricht? Haben Sie im Haus Abschriften der Nachricht verteilt oder Tondokumente? An wen? Wer nahm an der Diskussion über eine mögliche Veröffentlichung teil?" So wird dort gefragt, so detailverliebt wie bohrend. Klang zwar irgendwie nur halbernst, war dem Medien-Enthüllungs-Portal "Meedia" aber immerhin eine große Geschichte und lückenlose Dokumentation wert.

Aber dann!

Der erste Boulevard-Journalist des Landes antwortet! Und "Meedia" enthüllt: "Da das mir von Ihnen gestellte Zeitfenster denkbar knapp ist, bitte ich Sie ganz herzlich um einen Aufschub, bis ich Donnerstag wieder im Büro bin. Dann lade ich Sie auch gerne ein und wir können ausführlich über alles sprechen."

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Einst war Diekmanns Handy teuer, heute ist die Mailbox sein bester Freund.

(Foto: dpa)

Kommt Ihnen bekannt vor? Klingt irgendwie nach Wulff?? Geht noch weiter! "Sie sollten sich aber bitte sehr genau überlegen, ob Sie das wirklich wollen. Das Verhältnis zwischen taz und Bild ist in der letzten Zeit von großer Harmonie geprägt. Sie riskieren gerade den Bruch zwischen unseren Häusern. Können Sie denn nicht akzeptieren, dass der wichtigste Journalist des Landes auch mal ein paar Tage unterwegs ist, um ein paar Freunde zu besuchen!?”

Sie meinen, das ist Satire pur? Geht noch weiter! "Ich entschuldige mich noch einmal sehr bei Ihnen für meinen Anruf. Das habe ich wirklich noch nie tun müssen, aber hier ist jetzt ein Punkt erreicht, wo für mich und meine Sekretärin wirklich die Aller überschritten ist."

Schreibt so jemand, auf dessen Schultern die Aufgabe lastet, Deutschland vor dem Untergang zu bewahren? Der das Vaterland retten muss aus den Klauen einer korrupten Kaste? Oder doch eher jemand, der einst Monate damit verbrachte (und dabei zehntausende Euro verbrannte), der Öffentlichkeit per Blog zu beweisen, dass er doch ein ganz duftes und lustiges Kerlchen ist - und nicht etwa jemand, der systematisch Persönlichkeitsrechte verletzt, wenn es der Auflage dient?

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Glück hat nur der Tüchtige.

(Foto: dapd)

Steht Deutschland am Abgrund? Müssen wir uns gar Sorgen machen? Wohl noch nicht gleich. Die Hüter des GutenSchönenWahren haben den Humor noch nicht verloren. Und Fortsetzung folgt. Denn Diekmann hat laut "Meedia" einerseits gedroht, er werde seine "tazPresso-Tassen zurückschicken und meine taz-Anteile dem AWD zur Weitervermarktung zur Verfügung stellen", falls der offenbar geplante Artikel wirklich erscheine. Er hat aber auch in Aussicht gestellt, nach seiner Reise "nach Ludwigshafen zum Altkanzler" die "taz"-Fragen "selbstverständlich pünktlich" zu beantworten. Wir dürfen also gespannt sein.

Und falls der Bundespräsident ganz großes Glück hat, verlagert sich die Affäre ja nun vielleicht doch noch und endgültig auf Neben-Kriegs-Schauplätze, ins völlig Absurde. Man wagt es aber kaum zu hoffen.

Quelle: n-tv.de

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