Politik
Mittwoch, 15. August 2007

Anschläge auf Jesiden: Ein Blutbad der El Kaida?

Beim schwersten Anschlag im Irak seit Kriegsbeginn haben Selbstmordattentäter mindestens 250 Angehörige einer religiösen Minderheit in den Tod gerissen. Rund 350 Menschen wurden nach Behördenangaben verletzt. Womöglich wurden sogar bis zu 500 Menschen getötet. Diese Zahl nannten ein Provinzbeamter, ein Krankenhausdirektor und ein Hauptmann der irakischen Streitkräfte. Eine Bestätigung von unabhängiger Seite gab es dafür aber nicht.

Die vier Attentäter richteten mit der nahezu gleichzeitigen Explosion von Autobomben ein Blutbad in den Siedlungen der Jesiden westlich von Mossul an. Die Behörden machten El Kaida für den Anschlag verantwortlich.

Die Bomben explodierten am Dienstagabend in Wohnsiedlungen bei Kahatanija, 120 Kilometer westlich von Mossul. Mindestens 30 Häuser wurden zerstört, wie der höchste Regierungsvertreter in dieser Region mitteilte, Abdul Rahman al Schimiri. Helfer suchten mit Schaufeln und bloßen Händen in den Trümmern nach weiteren Opfern, sagte der Bürgermeister der nahe gelegenen Stadt Sindschar, Dhakil Kassim.

Augenzeugen zufolge brachten US-Hubschrauber Verletzte in Krankenhäuser ins 100 Kilometer entfernte Dahuk. Neben Rettungswagen würden auch Privatautos eingesetzt, teilte die Polizei mit. Der 40 Jahre alte Ghassan Salim berichtete, viele Verletzte seien in der Garage der überfüllten kleinen Klinik oder auf der Straße untergebracht.

Der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki beschuldigte "terroristische Kräfte", den Anschlag verübt zu haben. Sie wollten die Unruhen zwischen den religiösen Gruppen anheizen und die nationale Einheit beschädigen. "Diese Verbrechen werden uns jedoch nicht hindern, uns den Herausforderungen zu stellen und den politischen Prozess voranzutreiben, um das Recht durchzusetzen und Kriminelle vor Gericht zu bringen", erklärte der Regierungschef. Bürgermeister Kassim machte die Terrororganisation El Kaida im Irak für die Anschläge verantwortlich. "Die angegriffenen Leute sind arme Jesiden, die mit dem bewaffneten Konflikt nichts zu tun haben", sagte Kassim.

Der Befehlshaber der US-Truppen im Irak, General David Petraeus, und der amerikanische Botschafter Ryan Crocker verurteilten den Anschlag in einer gemeinsamen Erklärung als "barbarischen Angriff auf unschuldige irakische Männer, Frauen und Kinder". Die Arabische Liga bekundete den Angehörigen der Opfer ihr Mitgefühl und forderte weitere Schritte zur nationalen Versöhnung im Irak.

Drohungen gegen Jesiden

Die Jesiden bilden eine Religionsgemeinschaft, deren Wurzeln in die vorislamische Zeit zurückreichen. Ihre Mitglieder sind zumeist Kurden. Die extremistische Organisation Islamischer Staat im Irak hat die Bewohner der Region vor einer Woche auf Flugblättern vor einem Anschlag gewarnt und die Jesiden als anti-islamisch bezeichnet. Auf irakischen Webseiten wurde außerdem ein Video verbreitet, das die Steinigung einer 18-Jährigen im April zeigen soll, die zum Islam übergetreten war. Sunnitische Rebellen drohten den Angehörigen der Religionsgruppe daraufhin mit Rache.

Der bis zu dem Blutbad am Dienstagabend schwerste Terroranschlag geschah am 23. November vergangenen Jahres. Damals wurden bei der Explosion von fünf Autobomben 215 Bewohner von Sadr City getötet, einem schiitischen Stadtteil von Bagdad. In Mossul galt am Mittwoch ein Ausgehverbot. Irakische und amerikanische Soldaten durchsuchten Häuser in der Stadt. Aus Kreisen der Truppen verlautete, 20 Verdächtige seien festgenommen worden.

Quelle: n-tv.de