Politik

"Françafrique": Geldkoffer aus Afrika für Paris Ein Schattenmann plaudert

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2005 in Brazzaville: der damalige französische Präsident Chirac flankiert vom kongolesischen Sassou-Nguesso (r) und dem Präsidenten Gabuns, Bongo.

picture-alliance/ dpa/dpaweb

Ein schlimmeres Szenario wenige Monate vor der Präsidentschaftswahl ist kaum vorstellbar: Enthüllungen eines Insiders aus dem Élysée-Palast machen aus Regierungsverantwortlichen eine korrupte Bande von Übeltätern. Jahrelang sollen Millionen Dollar aus afrikanischen Staaten in die Hände von französischen Präsidenten und diversen Ministern geflossen sein.

Fast alle französischen Staatsoberhäupter der Nachkriegszeit haben nach Angaben eines Mittelsmanns illegale Gelder von Herrschern in Afrika erhalten. Der langjährige inoffizielle Afrika-Beauftragte der Regierung, Robert Bourgi, nannte jetzt in einem Radiointerview die Namen von Georges Pompidou, Valéry Giscard d'Estaing, François Mitterrand und Jacques Chirac.

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Bourgi erhebt schwere Anschuldigungen, die er allerdings nicht beweisen kann.

(Foto: Reuters)

Mal soll es eine Sporttasche voller Geldscheine gewesen sein, mal afrikanische Trommeln, in denen bündelweise Bargeld aus Afrika seinen Weg nach Frankreich fand. Einmal habe er "vier Millionen Euro in kleinen Scheinen" im Kofferraum seines Autos durch Paris gefahren und dem damaligen Staatschef Chirac überbracht, erinnert sich dessen langjähriger Berater, der französisch-libanesische Anwalt Bourgi.

Er selbst habe Chirac, der von 1995 bis 2007 Präsident war, und dem langjährigen Elysée-Generalsekretär und späteren Regierungschef Dominique de Villepin in den Jahren von 1997 bis 2005 etwa zwanzig Millionen Dollar (knapp 15 Millionen Euro) ausgehändigt, mit denen frühere afrikanische Kolonien sich an den Ausgaben und Wahlkämpfen der Konservativen beteiligt hätten, berichtet der Anwalt im Radiosender Europe 1 - ohne aber Beweise für seine Angaben zu haben. Auch Geschenke wie eine Uhr mit rund 200 Diamanten, die der gabunische Präsident Omar Bongo für Chirac geschickt habe, habe er dem Staatschef selbst übergeben. Villepin, einem Liebhaber der Zeit Napoleons, überbrachte der Anwalt nach eigenen Angaben Büsten und andere Erinnerungsgegenstände.

"Ist es was Schweres?"

Unter seinem Vorgänger Jacques Foccart, so Bourgi weiter, habe es jahrzehntelang ähnliche Zahlungen an die Ex-Präsidenten Georges Pompidou, Valery Giscard d'Estaing und François Mitterrand gegeben. Nach Foccarts Tod im März 1997 habe Chiracs damaliger Generalsekretär Villepin ihn gebeten, "die Fackel weiterzutragen", sagt Bourgi. Und so habe er weiterhin Taschen voller Bargeld in den Elyséepalast geschleppt. "Ist es was Schweres?", habe Chirac immer gefragt und ihn zu einem blauen Sessel geleitet, wenn er mal wieder mit Gepäck aus Afrika eingetroffen sei.

Bereits am Sonntag hatte Bourgis Botentätigkeit, die er der Zeitung "Journal du dimanche" enthüllte, in Frankreich für Aufregung gesorgt. Für den Präsidentschaftswahlkampf 2002 habe er besonders viel Geld für de Villepin gesammelt, hatte Bourgi betont. Die Millionen habe er selbst überbracht. "Durch meine Vermittlung und in seinem Büro haben fünf afrikanische Staatschefs - Abdoulaye Wade (Senegal), Blaise Compaoré (Burkina Faso), Laurent Gbagbo (Elfenbeinküste), Denis Sassou-Nguesso (Kongo-Brazzaville) und natürlich Omar Bongo (Gabun) rund 10 Millionen Dollar für diesen Wahlkampf 2002 gezahlt."

Chirac und Villepin wollen klagen

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Das Lachen ist Chirac (l) und Villepin schon längst vergangen (Archivaufnahme 2006).

(Foto: dpa)

Chirac und Villepin kündigten Verleumdungsklage gegen den 66-Jährigen an, der selbst zugibt, für seine Behauptungen keine Beweise zu haben. "In diesem Bereich" würden keine Spuren hinterlassen. Der frühere sozialistische Regierungschef Laurent Fabius sprach von einem der "größten Skandale für die Rechte seit Jahrzehnten", falls die Behauptungen stimmten.

Villepin wies die Vorwürfe als erfunden zurück. Er stellte sie in einen Kontext mit dem laufenden Verfahren gegen Chirac um fiktive Beschäftigungen im Pariser Rathaus sowie der Clearstream-Affäre. Dem Ex-Premier wird darin vorgeworfen, an einer Verleumdungskampagne gegen seinen Erzrivalen, Präsident Nicolas Sarkozy, beteiligt gewesen zu sein. Im ersten Prozess wurde de Villepin freigesprochen. Eine Entscheidung in einem Berufungsprozess steht für Mittwoch an.

Der Ausgang gilt als entscheidend für die politische Zukunft Villepins, der mittlerweile seine eigene politische Partei gegründet hat und wahrscheinlich bei den Präsidentenwahlen 2012 antreten will. In der Clearstream-Affäre war Sarkozy und anderen Prominenten 2004 durch gefälschte Kontolisten der Luxemburger Bankenabrechnungsstelle Clearstream der Besitz von Schwarzgeldkonten unterstellt worden.

"Françafrique" - ein undurchsichtiges Geflecht

Es ist bekannt, dass Frankreich auch nach der Unabhängigkeit der Kolonien teils recht zweifelhafte Beziehungen nach Afrika unterhielt, um seinen Einfluss in den rohstoffreichen Ländern zu wahren. "Wir wissen, dass afrikanische Herrscher französische Parteien seit General de Gaulle finanzieren", sagte der französische Journalist Antoine Glaser, der unlängst einen Dokumentarfilm über das undurchsichtige Geflecht namens "Françafrique" gemacht hat, das die wechselseitigen Abhängigkeiten und Beziehungen der früheren Kolonialmacht zum Schwarzen Kontinent beschreibt. Die Potentaten schmierten die Republik mit ihren Öldollars und sicherten sich dadurch "Sicherheit und Straffreiheit", so Dokumentarfilmer Glaser.

Laut Bourgi war vor ein paar Jahren Schluss mit der Geldschlepperei. Villepin habe sich "undankbar" gezeigt, und da habe er sich an den damaligen Innenminister gewandt und ihm alles erzählt, sagt der langjährige Mittelsmann. Zufällig war der damalige Innenminister der Mann, der sich seinerzeit mit Villepin um Chiracs Nachfolge stritt - Nicolas Sarkozy. "Und er hat mich gebeten, für ihn zu arbeiten, aber ohne das Finanzierungssystem per 'Aktenkoffer'", behauptete Bourgi.

Welche Rolle spielt Sarkozy?

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Über Sarkozy, der hier den ruandischen Präsidenten Kagame begrüßt, gibt es widersprüchliche Angaben.

(Foto: dpa)

Dies bezweifelt allerdings Chiracs langjähriger offizieller Afrika-Berater, Michel Bonnecorse. Tatsächlich reiste Sarkozy kurz nach seiner Wahl im Sommer 2007 nach Gabun und erließ dem afrikanischen Land einen guten Teil seiner Schulden. Im September desselben Jahres zeichnete er Bourgi mit der Medaille der französischen Ehrenlegion aus.

Bourgi habe beizeiten begriffen, dass Sarkozy bei der Wahl das Rennen machen werde, sagte Bonnecorse dem Journalisten Pierre Péan. "Und statt jedem einen Aktenkoffer zu geben, hat er nur einen gepackt, einen noch größeren, und ihm dem (damaligen) Innenminister zu Füßen gestellt."

Quelle: n-tv.de, AFP/dpa

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