Politik
Schon bei einem netten Fotografen kann die Registrierung unangenehm sein. Wenig
später folgte bei den Italienern der Schichtwechsel und ein ziemlich unangenehmer
Kollege übernahm.
Schon bei einem netten Fotografen kann die Registrierung unangenehm sein. Wenig später folgte bei den Italienern der Schichtwechsel und ein ziemlich unangenehmer Kollege übernahm.(Foto: Ehrich)
Montag, 06. November 2017

"Mamma Mia": Flüchtlinge stoßen in Italien auf Verachtung

Von Issio Ehrich

Die deutsche Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern" übergibt 324 Flüchtlinge an italienische Behörden. Auf der Pier wird das riesige Dilemma der europäischen Asylpolitik im Kleinen sichtbar.

Der Polizist steht auf der Pier und blickt zum Schiff hinauf. "Mamma Mia!" Auf dem Flugdeck hocken Reihe um Reihe Flüchtlinge. Die Männer, Frauen und Kinder kommen aus Nigeria, Marokko, Syrien und etlichen anderen Staaten. 324 sind es.

Ankunft in Italien. Bei aller Erleichterung ist die Anspannung vielen Flüchtlingen anzumerken. Wie geht es jetzt weiter?
Ankunft in Italien. Bei aller Erleichterung ist die Anspannung vielen Flüchtlingen anzumerken. Wie geht es jetzt weiter?(Foto: Ehrich)

Das Englisch des Polizisten ist nicht gut, aber als er seine Unterarme mehrmals vor der Brust zu einem X formt, ist klar, was er sagen will: "Italien ist voll."

Wir befinden uns im Hafen von Taranto, im Süden des Landes. Für keinen Staat Europas ist die Flüchtlingskrise, die im Spätsommer 2015 ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hatte, eine derartige Last. Vor dem EU-Türkei-Deal war auch Griechenland schwer gefordert. Doch seit das Abkommen mit Recep Tayyip Erdogan Wirkung entfaltet, kommen fast alle Migranten in Italien an. Allein in diesem Jahr waren es 150.000. Und nun fährt wieder eine deutsche Fregatte vor und lädt Menschen ab.

Der Polizist zuckt mit den Schultern, "Die EU lässt uns allein", sagt er. Er benennt das Dilemma ziemlich treffend, finde ich. Um die Solidarität ist es in der Gemeinschaft nicht sonderlich gut bestellt. Deswegen gilt noch immer das veraltete Dublin-System, nach dem stets das EU-Land für Asylverfahren zuständig ist, das ein Flüchtling zuerst betreten hat. Versuche, das System zu reformieren, sind kläglich gescheitert.

Das Reporter-Tagebuch

Unser Reporter Issio Ehrich ist mit der Bundeswehr vor der Küste Libyens im Einsatz. In seinem Tagebuch berichtet er regelmäßig über seine Erlebnisse auf der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern".

Das Kriegsschiff ist im Rahmen der EU-Operation "Sophia" vor Ort. Die Mission: Schleusernetzwerke auf der sogenannten zentralen Mittelmeerroute aufspüren, gegen den illegalen Waffenhandel vorgehen und Flüchtlinge aus Seenot retten.

Eigentlich haben die Staats- und Regierungschefs mit einem Mehrheitsbeschluss entschieden, Italien und Griechenland 160.000 Flüchtlinge abzunehmen. Staaten wie Ungarn oder die Slowakei weigern sich aber, obwohl sie mit Klagen gegen den Verteilungsmechanismus gescheitert sind. Die Folge: Umgesiedelt wurden bisher kaum 35.000 Menschen.

Die personifizierte Verachtung

"Mamma Mia", das gilt so leider auch für die Folgen in Italien. Mal abgesehen davon, dass es dort ohnehin starke nationalistische Tendenzen gibt, befördert die Situation die Ausgrenzung von Flüchtlingen. Was das konkret bedeuten kann, ist leider auch an der Pier zu sehen.

Gar nicht so sehr beim Polizisten. Der ist mit der Politik unzufrieden, wirkt aber nicht so, als hätte er ein Problem mit den Menschen, die da kommen. Doch nur ein paar Meter weiter sieht die Sache anders aus. Zunächst werden die Neuankömmlinge von Übersetzern und Mitarbeitern des Roten Kreuzes so herzlich empfangen, wie ich es auch an Bord der Mecklenburg-Vorpommern erlebt habe, doch ein Mitarbeiter der italienischen Behörden, der die Menschen zur Registrierung fotografiert, ist die personifizierte Verachtung.

Der kleine, bullige Typ trägt eine überdimensionierte dunkle Sonnenbrille. Wenn einer der Flüchtlinge mal nicht sofort direkt in seine Kamera blickt, legt er ihm nicht sachte die Hand auf die Schulter oder sucht seinen Blickkontakt, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der Mann hebt seine rechte Hand, wedelt damit vor dem Gesicht des Menschen herum und schnipst mit dem Finger.

Kommt ihm ein Flüchtling einen Schritt zu nah, macht nicht er einen Schritt zurück, sondern fährt seine Hand aus, platziert sie auf der Brust der Person und schiebt sie hin, wo er sie haben will.

Italiens fragwürdige Vorreiterrolle

An Bord der Mecklenburg-Vorpommern ist es sicherlich nicht gemütlich für Flüchtlinge. Auf dem Flugdeck herrscht auch mal ein ziemlich rauer, militärischer Ton, gerade wenn die gewohnte Ordnung durcheinandergerät. Aber ich hatte das Gefühl, dass die Menschen dort nach mitunter tagelanger Angst auf einem wackligen Schlauchboot endlich wieder zur Ruhe kommen konnten. Die Erleichterung, die sie gespürt haben müssen, als sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatten, kann ich mir kaum vorstellen. Doch dieser Typ schafft es im Bruchteil einer Sekunde, den Menschen auch den letzten Rest von Leichtigkeit zu nehmen. Mir wird wieder einmal bewusst, wie wichtig die kleinen Gesten im Umgang miteinander sind.

Männer wie der Mann mit der Kamera sind leider nur ein winziger Teil des Problems in Italien. Das Land ist mit den vielen Flüchtlingen schlicht überfordert. Weil in den anderen Mitgliedstaaten nichts geschieht, unternimmt Rom gerade auch einen mehr als fragwürdigen politischen Alleingang. Italien ist der Vorreiter von Kooperationen mit dem, was in der Theorie libysche Behörden sind, in der Praxis aber völlig undurchsichtige Spieler in einem rechtlosen Staat. Das Ziel: Die sogenannte libysche Küstenwache und Kräfte am Land sollen verhindern, dass sich Flüchtlinge überhaupt auf den Weg machen. Deren Methoden, das bestätigen mir die Menschen, die gerade per Schlauchboot aus Libyen herausgekommen sind, schließen aber jedwede Kooperation aus.

Ich habe in den vergangenen Tagen unfassbare Geschichten zu hören zu kommen. Mehr denn je ist es mir unerklärlich, dass es die EU nicht schafft, sich zusammenzuraufen und die Herausforderung einer gemeinsamen und menschenwürdigen Asyl- und Zuwanderungspolitik umzusetzen. Durch eine gerechte Verteilung von Flüchtlingen auf dem Kontinent, durch legale Zugangswege für Migranten und sinnvolle Hilfe in den Herkunftsstaaten. Stattdessen schwenken die Mitgliedstaaten in all ihrer Verzweiflung nun ganz offensichtlich auf Italiens Kurs ein. Jetzt fließen Millionen an Euro an dubiose Gestalten, für die ein Menschenleben noch weniger wert ist, als für den schnipsenden Typen vom Pier.

Hier lesen Sie, was am 8. Tag auf See geschah.

Quelle: n-tv.de

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