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Treibt Schwarz-Gelb die Bürger zu riskanten Geschäften? Fondsmanager warnen vor "Volksnetz"

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Bis 2022 sollen in Deutschland "Stromautobahnen" über insgesamt mehrere Tausend Kilometer gebaut werden.

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Energiewende zum Mitmachen: Die Bundesregierung wirbt für Bürgeranleihen. Wer sich an der Finanzierung einer Stromtrasse beteiligt, erhält fünf Prozent Rendite. Doch dem Urteil von Experten zufolge ist das Geschäft hochriskant.

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Werben für das Pilotprojekt: Altmaier und Albig.

(Foto: picture alliance / dpa)

Strahlung im Vorgarten, Stahlmasten hinterm Haus, Stromleitungen, die über das eigene Grundstück verlaufen - wer dem Bürger zu nah auf die Pelle rückt, der riskiert viel Ärger. Jeder Lokalpolitiker weiß um den Nährboden solcher Konflikte. Was droht sind Klagen und drastisch längere Planungs- und Bauzeigen. Wie stellt man es also am klügsten an, will man eine Kilometer lange Trasse bauen? Wie überredet man den Bürger zu seinem Glück? Ganz einfach: Man lockt ihn mit Geld.

Mit einem symbolischen Knopfdruck starteten Bundesumweltminister Peter Altmaier und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig im Juni die bundesweit erste Bürgeranleihe bei einer Hochspannungsleitung. Das Angebot richtet sich ausschließlich an die Anwohner der Stromtrasse, die das niederländischen Unternehmen Tennet zwischen Brunsbüttel und Niebüll bis 2018 bauen will. Glaubt man Politik und Betreiber ist das Geschäft hochprofitabel: Wer sich finanziell am Bau der Trasse beteiligt, die Windenergie aus dem Norden in den Süden transportieren soll, der erhält immerhin drei bis fünf Prozent Zinsen. Auf den ersten Blick klingt das "Projekt Volksnetz" verlockend. Erst recht mit der Garantie von Altmaier, der im vergangenen Jahr staatsmännisch versicherte, der Zinssatz sei garantiert, die Geldanlage absolut sicher. Aber was taugt die Bürgerdividende, und ist sie wirklich so sicher?

Keine Beteiligung, sondern Kredit

Tennet Holding BV-Anleihe 2011(23)
Tennet Holding BV-Anleihe 2011(23) 116,66

Finanzexperten warnen vor dem Papier. Wie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS) berichtet, raten sie den Betroffenen sogar ausdrücklich vor einem Vertragsabschluss ab. Größter Kritikpunkt: Entgegen der Werbung beteiligt sich der Bürger nicht an dem Stromnetz, sondern gibt Tennet lediglich einen Kredit. Dabei bestehe die Gefahr eines Totalverlusts des angelegten Geldes. Denn: Geht der Betreiber insolvent, gelte keinesfalls eine Garantie der Bundesregierung. Institutionelle Anteilseigner wie Staaten oder Banken würden dann bevorzugt, Bürger jedoch nur nachrangig bedient. Schlimmstenfalls ist die Investition also futsch.

In einem Punkt bewerten Fondsmanager das Papier mit der "komplizierten Struktur" zumindest eingeschränkt positiv. Tennet befindet sich im Besitz des niederländischen Staates. Bei einer Pleite müssten demnach die Niederlande einspringen. Doch die Sicherheit ist trügerisch: Denn die Regierung in Den Haag überlegt derzeit, einen großen Teil ihrer Tennet-Anteile zu verkaufen. Auch nach dem Urteil von Standard & Poors ist das Geschäft bei weitem nicht so sicher wie angepriesen. Die Ratingagentur prämierte das Papier mit der Note "BB+". Heißt: hochspekulativ, Ausfälle möglich. Die Anleihe hat außerdem kein festes Rückzahldatum. Wann Tennet zahlt, ist völlig unklar.

Chancen oder Risiken?

Der Betreiber der geplanten 150 Kilometer langen Stromtrasse in Schleswig-Holstein umwirbt die Bürger in einem Brief: "Liebe Anwohner, gemeinsam die Energiewende umzusetzen heißt auch, gemeinsam davon zu profitieren." 15 Prozent der Kosten soll über die Bürgerbeteiligung finanziert werden. 160.000 Haushalte wurden angeschrieben. Der Mindesteinsatz pro Haushalt beträgt 1000 Euro. Nach Informationen von Tennet haben bereits über 1700 Bürger Unterlagen angefordert, um die Anleihe zu zeichnen. Die Frist endet Ende August. Bewährt sich das Pilotprojekt in Schleswig-Holstein, soll die Bürgerbeteiligungs-Option bundesweit Schule machen. Bis 2022 sollen drei neue Stromautobahnen mit insgesamt 2800 Kilometer Länge von Nord nach Süd gebaut werden.

Auffällig ist jedoch: Sogar Altmaier, der als Erfinder der Idee gilt, geht inzwischen offenbar etwas auf Distanz zu seinem "Baby". Er habe die Verantwortung zur "Ausgestaltung für die Bürgerdividende den Übertragungsnetzbetreibern überlassen", sagt er der "FAS". Ihm sei ganz wichtig, dass die Bürger von Netzbetreibern und Banken detailliert darüber informiert würden, welche Chancen und Risiken mit dem Papier verbunden seien. Eine Empfehlung, geschweige denn eine Staatsgarantie, sieht anders aus. Ein effizientes Mittel, um Bürger für die Energiewende zu gewinnen vermutlich auch.

Quelle: n-tv.de, mit dpa

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