Politik

"Kein Bashing betreiben" Gauck bauchpinselt die Linken

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(Foto: picture alliance / dpa)

Er habe große Schwierigkeiten mit einem linken Ministerpräsidenten, verriet Joachim Gauck vor Wochen. Nach der Wahl Bodo Ramelows spricht der Bundespräsident wieder über die Linken, der Tonfall ist ganz anders.

Man muss bei Joachim Gauck mit allem rechnen, er ist ein impulsiver Mensch. Die Stimme des Bundespräsidenten ist dabei kein Indikator. Gauck ist seit mehr als 30 Jahren kein Pastor mehr. Aber das Weiche, dieses Salbungsvolle ist immer noch da. Ruppig oder laut wird er fast nie. Vor einigen Wochen saß Gauck in der Berliner Gethsemanekirche und redete bedächtig, obwohl er aufgewühlt war. Die Sonne fiel in den Altarraum des Gebäudes, in dem sich einst die DDR-Opposition traf. Gauck, der damals dabei war, muss diese Bilder im Kopf gehabt haben.

Die Frage nach einem linken Regierungschef in Thüringen traf ihn, die Antwort war emotional. "Ist die Partei, die da den Ministerpräsidenten stellen wird, tatsächlich schon so weit weg von den Vorstellungen, die die SED einst hatte bei der Unterdrückung der Menschen hier, dass wir ihr voll vertrauen können?", sagte Gauck. "Menschen, die die DDR erlebt haben und in meinem Alter sind, die müssen sich schon ganz schön anstrengen, um dies zu akzeptieren." Gauck ist seit 2012 Bundespräsident, doch selten wurde eine seiner Äußerungen so kontrovers diskutiert wie diese.

Fünf Tage nach der Wahl Bodo Ramelows zum thüringischen Ministerpräsidenten hat Gauck sich in der Debatte nun erneut zu Wort gemeldet. Mit einem feinen Unterschied: Der Bundespräsident gab sich plötzlich sehr viel zurückhaltender. Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Umgang mit dem SED-Unrecht im vereinten Deutschland" äußerte sich Gauck fast gnädig über die Partei, die seit knapp einer Woche ihren ersten Regierungschef stellt. Er fand sogar lobende Worte für Ramelow.

"Wahrheit macht frei"

Dass dieser in seiner Antrittsrede die SED-Opfer um Entschuldigung gebeten habe, dass er die Aufarbeitung zur Chefsache machen will, trage dazu bei, seine "Bedenken zu zerstreuen", sagte Gauck. "Die Bemühungen des neuen Ministerpräsidenten, Glaubwürdigkeit zu erlangen, respektiere ich. Sie sind mir aufgefallen. Er hat es sehr deutlich gemacht." Jetzt erwarte Gauck konkrete Schritte. "Wenn der Respekt vor den Opfern wächst, dann haben wir viel erreicht."

Gauck scheint Ramelow eine Chance zu geben. Er hat sich offenbar damit arrangiert, dass in Thüringen ein linker Ministerpräsident regiert. Dies "gehört zu unserem demokratischen Alltag". Die Kritik, die er vor einigen Wochen noch geübt hatte, relativierte Gauck teilweise. "Wir wollen doch nicht einfach Linken-Bashing betreiben. Wenn wir uns gegen linke Politikgestaltung wenden, dann, weil wir Defizite bei einer aufklärerischen Politik sehen", sagte er. "Wenn das beseitigt wird, freuen wir uns darüber."

Zum Umgang von Ramelows Partei mit ihrer Geschichte weiß der Bundespräsident aus persönlichen Erfahrungen zu berichten. Als Beauftragter für Stasi-Unterlagen erlebte er in den 90ern die Befragung von PDS-Abgeordneten zu ihrer DDR-Vergangenheit. Viele hätten ihre Rolle kleingeredet oder seien ausgewichen, sagte Gauck. Ein Mann sei ihm jedoch in Erinnerung geblieben. Konfrontiert mit den Vorwürfen habe dieser nur erwidert: "Das stimmt, ich wünschte, es wäre nicht so." Später sei Gauck zu dem PDS-Politiker hingegangen und habe ihm die Hand gereicht. "Er war bei der Wahrheit angekommen. Wahrheit macht frei", sagte Gauck fast etwas gerührt.

Quelle: ntv.de

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