Politik

Ausgangssperre zeigt Wirkung Gewalt ebbt ab

Unter einer fast ganztägigen Ausgangssperre hat sich die Lage in Bagdad nach zwei Tagen der Gewalt wieder etwas beruhigt. Zehntausende von Schiiten ignorierten zwar am Freitag die Verfügung und demonstrierten in ihrer Hochburg Sadr City. Es kam jedoch zu deutlich weniger Zusammenstößen zwischen den moslemischen Religionsgruppen. Anführer der Schiiten riefen zur Verbrüderung aller Moslems auf. Bei Unruhen und Ausschreitungen nach dem Anschlag auf eine der wichtigsten schiitischen Stätten in Samarra sind seit Mittwoch allein in und um Bagdad rund 200 Menschen getötet worden, die meisten davon Sunniten. Dies hatte Befürchtungen vor einem Bürgerkrieg in dem zersplitterten Land verstärkt sowie die Angst ausgelöst, der Irak werde auseinanderbrechen.

Bis auf vier Stunden am Nachmittag mussten die Bewohner der Hauptstadt und dreier Provinzen in unmittelbarer Nachbarschaft zu Hause bleiben. Die Ausgangssperre galt bis zum Nachmittag um 16.00 Uhr Ortszeit, so dass es den Bagdadern auch nicht möglich sein sollte, am traditionellen moslemischen Freitagsgebet teilzunehmen. Die Straßen im Zentrum waren daraufhin weitgehend menschenleer. In Vierteln, in denen sich die Religionsgruppen unter sich und sicher fühlten, wagten sich die Menschen nach und nach aus dem Haus und in die Moscheen.

Vereinzelte Gefechte in Randbezirken

In den Randbezirken kam es dagegen wieder zu vereinzelten Zusammenstößen. Über Nacht wurden Polizeiangaben zufolge mindestens 20 Menschen in Bagdad umgebracht. Bei einer offenbar gezielten Aktion töteten Extremisten am Morgen zudem drei Schiiten in einem Ort bei Bagdad, darunter eine Frau. Auch im Süden der Hauptstadt brach am Mittag ein Gefecht aus, offenbar zwischen Mitgliedern einer radikalen Schiiten-Miliz und Sunniten. In dem Stadtviertel Saidija hatten sich Extremisten Bewohnern zufolge bereits in der Nacht längere Schießereien geliefert. In dem Bezirk leben Angehörige beider Religionsgruppen zusammen, was wiederholt zu Spannungen geführt hat.

Im Bagdader Viertel Sadr City, einer Hochburg der Schiiten-Miliz unter Führung des Radikalen Moktada al-Sadr, strömten die Menschen zu Zehntausenden auf die Straße und zum Freitagsgebet. "Wir sind keine Feinde, wir sind Brüder!" Mit diesen Worten appellierte Sadr an die Menschen, zu einem friedlichen Zusammenleben zurückzukehren. Zugleich verurteilte er die Gewalt unter den Glaubensbrüdern: "Wer einen Moslem angreift, ist kein Moslem", hieß es in seiner Erklärung. "Wer Heiligtümer und Moscheen angreift, muss seine gerechte Strafe erhalten." Im staatlichen Fernsehen wurde zudem eine Erklärung ähnlichen Inhalts vom Chef der pro-iranischen Partei Sciri verlesen.

Sadrs Anhänger waren in den vergangenen Tagen zu hunderten ausgerückt und haben sich Augenzeugen zufolge nicht selten an der Gewalt gegen Sunniten beteiligt. Viele Sunniten verdächtigen zudem den Iran, die Unruhen zu unterstützen, um damit mehr Einfluss auf sein Nachbarland zu bekommen. In anderen Teilen des Landes wie im mehrheitlich schiitischen Basra im Süden gingen die Menschen ihren üblichen Vorbereitungen fürs Wochenende nach. Alles machte einen normalen und ruhigen Eindruck.

Tausende Polizisten und Soldaten richteten Straßensperren in Bagdad und Umgebung ein und kontrollierten die Ausgangssperre. Mit entscheidend für die Entwicklung in den kommenden Tagen dürfte nicht zuletzt sein, ob es den noch neuen Sicherheitskräften des Landes gelingt, die Autorität der Regierung durchzusetzen. Nicht wenige von ihnen haben bis vor kurzem noch den Milizen angehört, denen sie nun Einhalt gebieten sollen. Die US-Armee mit ihren 130.000 Soldaten im Land hielt sich weiter im Hintergrund.

Der US-Botschafter im Irak, Zalmay Khalilzad, appellierte erneut an die Politiker im Land, sich auf eine Regierung der nationalen Einheit zu einigen. Die jüngsten Ereignisse zeigten, wie nötig dies sei, sagte er. "Wir befinden uns an einem gefährlichen Punkt, aber auch vor einer Chance", fügte er hinzu. Die USA erhoffen sich von einer Regierung aus allen Religions- und Volksgruppen ein Nachlassen der Spannungen - eine zwingende Voraussetzung für einen Abzug ihrer Truppen.

Quelle: n-tv.de

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