Politik

"Wolfgang Schäuble. Zwei Leben" Gnadenlos gegen sich selbst

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Jahrelang Unionsfraktionschef und Bundesminister: Wolfgang Schäuble.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wolfgang Schäuble gehört zu den wichtigsten Politikern der deutschen Nachkriegsgeschichte. Kurz vor seinem 70. Geburtstag erscheint ein Buch, in dem die Höhen und Tiefen seines Lebens beleuchtet werden. Ein wichtiger Architekt der deutschen Einheit, der mit seinem ehemaligen Förderer Helmut Kohl gebrochen hat.

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Bei Droemer-Knaur erschienen. Das Buch kostet 19,99 Euro.

Berlin, am Morgen des 18. Januar 2000: Zwei Männer befinden sich in einem Raum und haben sich nach dem Gespräch nichts mehr zu sagen. "Ich habe in meinem Leben schon zu viel meiner knapp bemessenen Lebenszeit mit dir verbracht. Es wird keine Minute mehr geben." Wolfgang Schäuble dreht sich mit seinem Rollstuhl abrupt um und verlässt das Büro von . "Dieses Büro werde ich in meinem Leben nicht wieder betreten." Kohl macht keine Anstalten, seinen langjährigen politischen Weggefährten zurückzuhalten. Der endgültige Bruch zwischen beiden Politikern ist vollzogen.

Kurze Zeit später erklärt Schäuble, dass er für die Ämter des CDU-Vorsitzenden und des Chefs der Unions-Bundestagsfraktion nicht mehr zur Verfügung stehe. Die CDU-Spendenaffäre, an der Kohl die Hauptschuld trägt, hat auch Wolfgang Schäuble massiv beschädigt. Schäubles Bruder Thomas, Innenminister in Baden-Württemberg, hält mit seiner Meinung zum Altkanzler nicht hinterm Berg: "Ich verabscheue Herrn Kohl, und da kann ich für die ganze Familie sprechen." Wolf, wie er seinen älteren Bruder nennt, macht sich nicht einmal die Mühe, diese Aussage öffentlich zu relativieren.    

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Das Tischtuch zwischen Schäuble und Helmut Kohl ist zerschnitten.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Ereignisse der Spendenaffäre, die zum Zerwürfnis zwischen Kohl und Schäuble führen, sind ein Höhepunkt des Buches "Wolfgang Schäuble. Zwei Leben" von Hans Peter Schütz. Der ehemalige Ressortleiter Politik des "Stern", der heute als freier Autor und Kolumnist für das Hamburger Magazin arbeitet, begleitet Schäuble seit Jahren journalistisch und fasst seine Beobachtungen zu einem Porträt zusammen, das durch und durch gelungen ist. Bereits seit Mitte der 1970er Jahre ist der heute 72-Jährige so nah wie kein anderer Journalist am Badener dran. Entstanden ist ein 344 Seiten umfassendes spannendes Werk, das - pünktlich zu Schäubles 70. Geburtstag -  den Lebensweg und die politischen Leistungen eines Politikers dokumentiert, der zu den wichtigsten der deutschen Nachkriegsgeschichte gehört. Dabei nehmen natürlich  Schäubles Zähigkeit, Pflichtbewusstsein und politische Leistungen einen breiten Raum in Schütz' Werk ein. Aber auch Fehler, wie sein Umgang mit der 100.000-Mark-Spende des  , werden nicht ausgespart. Näher gebracht wird dem Leser zudem der Familienmensch, der nach Ansicht und zum Leidwesen seiner Frau Ingeborg allerdings viel zu wenig Zeit mit den Seinen verbringt.

Attentat und danach Fraktionschef

Die zwei Leben des Wolfgang Schäuble: Damit meint der Autor nicht die großen Erfolge und die dramatischen Niederlagen des am 18. September 1942 in Freiburg geborenen Politikers. Schütz teilt Schäubles Leben in eines ohne und eines mit Rollstuhl ein. Der 12. Oktober 1990 gilt dabei als Zäsur - der Tag, an dem der damalige Bundesinnenminister bei einer CDU-Wahlkampfveranstaltung in der Gaststätte "Brauerei Bruder" im badischen Oppenau vom unter Verfolgungswahn leidenden Dieter Kaufmann angeschossen und schwer verletzt wird. Schäuble überlebt. Aber drei Schüsse lähmen ihn vom dritten Brustwirbel an abwärts - Kohls langjährige politische Geheimwaffe ist fortan auf den Rollstuhl angewiesen. Im Gegensatz zu seiner engsten Umgebung geht Schäuble davon aus, dass er nie wieder selbstständig laufen kann - Realismus in den schwersten Stunden des Lebens.

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Schäuble sechs Wochen nach dem Attentat in der Rehabilitationsklinik Langensteinbach bei Karlsruhe.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Nur gut, dass der Mensch vorher nicht weiß, was er aushalten kann", sagt der evangelische Christ Schäuble. Dieses schwere Attentat bedeutet nicht sein politisches Ende. Im Gegenteil: Der zu diesem Zeitpunkt 48-Jährige startet noch einmal kräftig durch. Die Politik lässt ihn nicht los, zu viel ist im Rahmen des deutsch-deutschen Einigungsprozesses noch zu erledigen. Kohl, der, als er Schäuble so liegen sieht, Mühe hat, seine Tränen zurückzuhalten - Thomas Schäuble wird dazu einmal sagen, dass der auf Knopfdruck weinen kann - behält seinen wichtigsten Mann und bürdet ihm sogar noch den Vorsitz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion auf. Diese ist nach den vielen Jahren unter dem zunehmend tüttelig werdenden Alfred Dregger verlottert (Schütz) und muss auf Linie gebracht werden. Ingeborg Schäuble steckt erneut zurück: Sogar im Rollstuhl zieht es ihren Mann wieder nach Bonn.

Denn Schäuble ist zu Höherem berufen: Das sehen nicht nur die Journalisten so, sondern auch der Machtmensch Kohl. Schäuble hat großen Anteil am Zustandekommen des Einheitsvertrages zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Schäuble, der Ende der 1970er Jahre zur sogenannten "Kampfgruppe Kohl" stößt, verhandelt die Details, während sein Chef, dem das Aktenstudium nicht so sehr liegt, das große Ganze im Blick hat. Bereits Jahre zuvor - unter anderem als Kanzleramtschef - hält der schmächtige Mann dem christdemokratischen Koloss den Rücken frei, so zum Beispiel auch bei der Abwehr des geplanten Putsches gegen den Kanzler auf dem Bremer CDU-Parteitag 1989. Kohl hat ein großes Interesse daran, dass der durchsetzungsfähige Mann in den schweren Jahren des Einigungsprozesses den eigenen Laden in Ordnung hält. Für so manchen CDU- und CSU-Abgeordneten beginnt eine Leidenszeit.

Plädoyer für Berlin

Schäuble schafft am 20. Juni 1991 ein weiteres Meisterstück. Seine Rede in der Hauptstadtdebatte des Bundestags ist die stärkste, die er je gehalten hat. "Blass, klein und ernst sitzt er in seinem Rollstuhl, und niemand kann sich der Faszination dieses Mannes entziehen", schreibt Schütz. Am Ende stimmen 338 Abgeordnete für Berlin, 320 für Bonn. Die Berlin-Befürworter sind der Meinung, dass nicht Kohl, sondern Schäuble hauptverantwortlich für dieses Ergebnis ist. Mit der Wut der Bonn-Fraktion geht er in den Jahren danach souverän um. Viele halten im Nachhinein die Entscheidung zugunsten Berlins für richtig.

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Schäuble, DDR-Ministerpräsident Lothar de Maiziere und DDR-Staatssekretär Günther Krause nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages am 31. August 1990.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Es bekommt keiner so richtig mit: Bereits vor der Abwahl Kohls und seiner christlich-liberalen Koalition knirscht es zwischen beiden Politikern. Schäuble ist verärgert über den fehlenden Willen Kohls, dringend notwendige innenpolitische Reformen anzugehen. In ihm wächst die Einsicht, dass mit dem Spitzenkandidaten Kohl die Bundestagswahl 1998 nicht mehr zu gewinnen ist. Aber Kohl, der in Schäuble nunmehr den Konkurrenten sieht, trickst ihn aus. Auf dem Leipziger Parteitag 1997 äußert der Pfälzer, dass er Schäuble als seinen Nachfolger sieht. Nur einen Tag später lässt Kohl aber die Katze aus dem Sack: Er kündigt seine Kandidatur für 1998 an - für vier Jahre Amtszeit. Kurzum: Der "Freund" Schäuble wird zur strategischen Verfügungsmasse Kohls degradiert. Das Wort "Kronprinz" macht die Runde, ein Wort, das Schäuble nervt: "Es gibt in der Demokratie keine Kronprinzen."

Wieder Minister

Es ist schon faszinierend, wie Schäuble nach dem Tiefschlag im Jahr 2000 wieder buchstäblich in die Spur findet. Er besitzt die Größe, auch unter seiner ehemaligen Generalsekretärin Angela Merkel, die die Gunst der Stunde nutzt, um an die CDU-Spitze zu gelangen, zu dienen. Die Politikversessenheit ist es, die Schäuble zum Leidwesen seiner Frau davon abhält, zur Juristerei zurückzukehren und ein "geordnetes" Leben weit weg von Berlin im Badischen zu führen. Obwohl ihn Merkel 2004 aus machttaktischen Gründen nicht als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten unterstützt, bleibt er an der Spree. Von 2005 bis 2009 ist er in der Großen Koalition Bundesinnenminister, seit nunmehr drei Jahren Finanzminister - in Zeiten der Euro-Krise neben dem Bundeskanzler das wichtigste Amt der deutschen Politik. "Ich vertraue Wolfgang Schäuble", so Merkel bei der Vorstellung ihres schwarz-gelben Kabinetts.

Für Schäuble selbst schließt sich ein Kreis: Für ihn, der seine Jugend im badisch-elsässischen Gebiet verbracht hat, ist "Es lohnt sich, am Ziel festzuhalten, auch wenn nicht jede Einzelheit klar ist", ist sein Credo in diesen schwierigen Monaten. Trotz massiver gesundheitlicher Probleme im Jahr 2010 gibt Schäuble dieses sehr schwierige Amt nicht ab.

Obwohl fast 70, ist Schäuble nach wie vor ungeduldig: "Wir kommen zu nichts vor lauter Bedenken", klagt er einmal. So ist es durchaus möglich, dass der bereits seit 1972 im Bundestag Sitzende - Schäuble ist damit der Dienstälteste im derzeitigen Parlament - der Politik weiter treu bleibt. Das wäre auch nicht überraschend, denn Wolfgang Schäuble ist gnadenlos - vor allem gegen sich selbst.

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Quelle: n-tv.de