Politik
14.000 Zuhörer kamen in den Sportpalast, um Goebbels zuzujubeln.
14.000 Zuhörer kamen in den Sportpalast, um Goebbels zuzujubeln.(Foto: Bundesarchiv)
Montag, 18. Februar 2013

"Wollt ihr den totalen Krieg?": Goebbels war kein guter Redner

Am 2. Februar 1943 kapituliert die Wehrmacht in Stalingrad, für die Deutschen ist der Krieg so gut wie verloren. Gut zwei Wochen später, am 18. Februar 1943, hält Propagandaminister Goebbels im Sportpalast an der Potsdamer Straße in Berlin eine Rede, in der er die Deutschen auf den "totalen Krieg" einschwören will. Die zweistündige Rede wird im Rundfunk übertragen und am Abend sowie zwei Tage später noch einmal wiederholt. Goebbels‘ Botschaften: Deutschland hat die historische Aufgabe, Europa vor der "bolschewistisch-jüdischen Sklaverei" zu schützen, und das Mittel zum Sieg ist der "totale Krieg".

n-tv.de: Goebbels‘ Auftritt im Sportpalast gilt vielen als Musterbeispiel für Propaganda und Manipulation. War diese Rede wirklich so herausragend?

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Jens Kegel: Die Sportpalastrede war kein Akt der Manipulation, für Goebbels und sein Publikum ging es vor allem darum, sich erneut ihrer Ideologie, ihrer Gläubigkeit zu versichern. Ohnehin kann sie kein Musterbeispiel für Manipulation sein, weil es Manipulation allein durch Sprache grundsätzlich nicht gibt. Durch Manipulation soll jemand zu einer Handlung gebracht werden, die eigentlich seinem Selbstbild widerspricht, zu einer Handlung, die er eigentlich nicht durchführen will. Allein durch Worte funktioniert das nicht. Nach dem Krieg war es für die Deutschen aber bequem, sich als Opfer von Manipulation darzustellen - so konnten sie die Verantwortung abwälzen.

Goebbels betont, das Publikum im Sportpalast sei "ein Ausschnitt aus dem ganzen deutschen Volk an der Front und in der Heimat". Stimmte das?

Im Publikum saßen fast ausschließlich geladene Nationalsozialisten, hauptsächlich aus Berlin. Gerade die waren Goebbels eng verbunden: Als 1926 der "Gau" der Nationalsozialisten in Berlin gebildet wurde, war die NSDAP eine dürftige Splitterpartei mit gerade 500 Mitgliedern. Goebbels schaffte es als Gauleiter, seine Partei in Berlin zu etablieren. Für die Berliner Nationalsozialisten wurde er so zu einer Art Vaterfigur, weshalb sie ihn auch "unser Doktor" nannten.

Welche Rolle spielte der Ort der Rede, der Sportpalast?

Hier fanden vor allem Sportveranstaltungen statt, zum Beispiel das Sechs-Tage-Rennen. In der Weimarer Republik hielten dort außerdem die wichtigsten Parteien ihre Großveranstaltungen ab. Goebbels schaffte es, den Sportpalast für die Berliner Nationalsozialisten zu "erobern"; die sprachen tatsächlich von der "Eroberung" des Sportpalastes. Nach der Machtübernahme im Januar 1933 wurde der Sportpalast für die Berliner Nationalsozialisten zu einer Art rituellem Ort, an dem sie sich und ihrer Religion versicherten. Interessant ist, dass sie die Veranstaltungsform der Kundgebung von den Kommunisten übernahmen.

Sie sprechen über den Nationalsozialismus wie über eine Religion.

Kein großer Rhetoriker: Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels
Kein großer Rhetoriker: Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels(Foto: picture-alliance / dpa)

Nicht über den Nationalsozialismus als System, sondern über die nationalsozialistische Ideologie. Das ist - vor allem aus Sicht der Kirchen - ein heikles Thema, aber man kann diese Ideologie durchaus als Religion betrachten. Dazu existiert heute eine umfangreiche Forschungs-Literatur.

Die Kirchen haben den Nationalsozialismus nach dem Krieg als eine Zeit des Abfalls von Gott definiert. War die NS-Ideologie nicht eher eine Ersatzreligion?

Ersatz bedeutet: anstelle von. Hitler fungierte aber für seine Anhänger als eine Art Messias, ein Heilsbringer. Die Exponenten des Nationalsozialismus, allen voran Hitler, Himmler und Goebbels, waren in sich religiös. Die haben wirklich an die Inhalte ihrer Ideologie geglaubt. Das gilt gerade für Goebbels, der aus dem rheinischen Katholizismus kam, in der Wirtschaftskrise Anfang der 1920er Jahre aber in ein religiöses Vakuum gefallen war. In seinen frühen Tagebüchern findet sich eine Stelle, an der er sinngemäß sagt: "Bin ich auf dem rechten Wege? Ich verzweifle manchmal. Fände ich doch den felsenfesten unbeirrbaren Glauben".

Eine zentrale Botschaft in der Sportpalastrede war der Aufruf zum "totalen Krieg". Was war damit gemeint?

"Totaler Krieg" wird von uns heute als Krieg um des Kriegs willen verstanden, als Krieg an allen Fronten. Das bedeutete es damals aber nicht. "Totaler Krieg" bedeutete, dass die gesamte Wirtschaftskraft für den Krieg eingespannt wird, damit möglichst schnell Frieden herrscht - natürlich zu den Bedingungen der Nationalsozialisten. Auf dem Banner im Sportpalast stand der Spruch "Totaler Krieg - kürzester Krieg". Das sollte die Botschaft sein. Übrigens war dieser Begriff bereits im Ersten Weltkrieg in Frankreich benutzt worden.

Im Sportpalast wurde Goebbels stark bejubelt. Wie war die Wirkung auf das Publikum an den Volksempfängern?

Die Rede dürfte eine weitaus geringere Außenwirkung gehabt haben, als Goebbels sich das erhofft hatte. Das lag auch am Rahmen der Rede: Es war eben eine Predigt vor "Gläubigen". Im Sportpalast sprach Goebbels vor Leuten, die vollständig von dem überzeugt waren, was er da sagte - was natürlich auch daran lag, dass es genau die Glaubenssätze waren, die er seinen Anhängern seit zehn Jahren predigte - eine Art ideologischer Zirkelschluss. Wer nicht zu dieser "Religion" gehörte, fühlte sich nicht angesprochen. Die normalen Deutschen waren zu diesem Zeitpunkt ohnehin eher kriegsmüde. Goebbels spricht es ja selbst an, er sagt, das Volk wisse, "wie schwierig es um die Lage des Reiches bestellt ist". Goebbels wollte ein Fanal vom Sportpalast aussenden. Aber das funktionierte nicht.

Jens Kegel hat über die Sportpalastrede promoviert. Der Sprachwissenschaftler arbeitet als Kommunikationsberater, Ghostwriter und Dozent.
Jens Kegel hat über die Sportpalastrede promoviert. Der Sprachwissenschaftler arbeitet als Kommunikationsberater, Ghostwriter und Dozent.(Foto: privat)

Nach der Rede soll Goebbels gesagt haben: "Wenn ich den Leuten gesagt hätte, springt aus dem dritten Stock des Columbiahauses, dann hätten sie es getan." Er verachtete sein Publikum offenbar als hirnlose Idioten.

Goebbels hat seine Wirkung überschätzt - und ab 1943 hat er den Blick für die Realität ganz verloren. Das steckt auch in dieser Äußerung.

Einen Schwerpunkt seiner Rede legt Goebbels auf die angebliche Bedrohung Europas durch die "bolschewistisch-jüdische Sklaverei", er stellt den Kampf des Deutschen Reiches als Verteidigung Europas dar.

Mit diesem Punkt verfolgt Goebbels zwei Ziele: Zum einen wollte er Großbritannien davon überzeugen, gemeinsam gegen den "Bolschewismus" zu Felde zu ziehen. Außerdem wollte er den Deutschen wohl auch eine Perspektive aufzeigen, wie der Krieg gegen die Sowjetunion doch noch gewonnen werden konnte.

Würden Sie sagen, dass Goebbels ein genialer Redner war?

Nach damaligen und heutigen Standards: nein. Er war eher ein weitblickender PR-Manager, der alle Bedingungen optimierte. Gerade in der Sportpalastrede gibt es Passagen, die ziemlich holprig sind. Der längste Satz dieser Rede hat mehr als 70 Wörter! Auch der Nachtrag der berühmten vierten Frage ist ziemlich holprig: "Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt erst vorstellen können?" Ein großer Rhetoriker? Nein.

Mit Jens Kegel sprach Hubertus Volmer

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Quelle: n-tv.de