Politik
Afganische Sicherheitskräfte bei Kundus.
Afganische Sicherheitskräfte bei Kundus.(Foto: AP)
Donnerstag, 01. Oktober 2015

Hunderte Tote, heftige Kämpfe: Gouverneur: Taliban aus Kundus vertrieben

Die Lage ist unübersichtlich, aber afghanische Regierungsvertreter geben sich siegesgewiss: "Spezialeinsätze" hätten Kundus befreit, Hunderte Taliban seien tot. Ganz anders klingen die Islamisten: Sie hätten die Stadt noch unter Kontrolle, heißt es.

Die afghanische Armee hat nach Angaben von Regierungsvertretern die Stadt Kundus von den radikalislamischen Taliban zurückerobert. Die nordafghanische Provinzhauptstadt sei bei einem "Spezialeinsatz" in der Nacht zum Donnerstag befreit worden, erklärte Vize-Innenminister Ajub Salangi. Bewohner von Kundus berichteten, in einigen Stadtteilen werde noch gekämpft.

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 "Spezialkräfte kontrollieren jetzt die Stadt Kundus", schrieb der Sprecher des afghanischen Innenministeriums, Sedik Sedikki, bei Twitter. Die Taliban hätten bei den heftigen nächtlichen Kämpfen "schwere Verluste erlitten". Nun werde Kundus von "Terroristen gereinigt", schrieb der Sprecher.

Nur in den Randgebieten von Kundus-Stadt hielten sich noch Aufständische auf, die bald von dort vertrieben würden, sagte der amtierende Provinzgouverneur Hamdullah Daneschi. "Im Moment können wir wegen der andauernden Operation keine Angaben zu Opferzahlen der Sicherheitskräfte machen. Aber in den Kämpfen der vergangenen drei Tage sind Hunderte Taliban getötet worden."

Taliban: Stadt noch unter Kontrolle

Die Taliban dementierten, dass sie Kundus verloren hätten. "Unsere Kräfte haben sich nicht zurückgezogen, wir haben die Stadt immer noch unter Kontrolle", sagte Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid. "Letzte Nacht sind afghanische Sicherheitskräfte gemeinsam mit Amerikanern für eine halbe Stunde in die Stadt gekommen." Nach schweren Gefechten hätten sich die Sicherheitskräfte wieder zurückgezogen.

Mehrere Bewohner der Stadt sagten, in der Nacht habe es Bombardements gegeben. Im Zentrum der Stadt seien nun afghanische Soldaten zu sehen. Auf den Straßen lägen Leichen von Taliban-Kämpfern. Afghanische Soldaten hätten die Taliban-Flagge durch die offizielle afghanische Flagge ersetzt. In manchen Teilen der Stadt werde allerdings noch gekämpft, berichteten die Bewohner.

Die radikalislamischen Taliban hatten Kundus am Montag mit etwa 2000 Kämpfern eingenommen, dabei stießen sie kaum auf Gegenwehr. Am folgenden Tag startete die Armee eine Gegenoffensive. Am Mittwoch bekam sie Unterstützung von der Nato. Spezialkräfte trafen nach Angaben des westlichen Militärbündnisses in Kundus ein, um die Regierungstruppen zu beraten. Eigene Verstärkung für die afghanische Armee traf nur langsam in Kundus ein. Die Taliban hätten Landminen und Sprengfallen um Kundus versteckt, sagte ein Vertreter der Sicherheitskräfte zur Begründung.

Opferfest genutzt

Nach Angaben von Sicherheitsvertretern hatten die Taliban Kundus während des muslimischen Opferfests Eid al-Adha langsam infiltriert und dann einen Überraschungsangriff von innen heraus gestartet. So hätten die Taliban Kundus am Montag binnen weniger Stunden einnehmen können. Die Offensive der Islamisten hatte nach UN-Angaben bis zu 6000 Zivilisten in die Flucht getrieben.

Die Taliban hatten in Kundus Hunderte Häftlinge befreit, Regierungs- und Mediengebäude in Brand gesetzt und ihre Flaggen gehisst. Sie erbeuteten Panzer und andere Fahrzeuge, riefen "Allahu Akbar" und erklärten die Einführung des islamischen Scharia-Rechts, wie in Videoaufnahmen zu sehen war. Die Einnahme von Kundus war der erste derartige Erfolg der Taliban seit ihrer Entmachtung im Jahr 2001.

Dieser militärische Erfolg der Taliban in Kundus sowie in benachbarten Provinzen machte das Erstarken der islamistischen Aufständischen im Norden Afghanistans deutlich. Es verstärkte die Zweifel an der Fähigkeit der Armee und der Polizei des Landes, selbst für Sicherheit zu sorgen. Auch das Vorhaben der USA, nächstes Jahr fast alle ihre verbliebenen Soldaten aus Afghanistan abzuziehen, wurde erneut in Zweifel gezogen.

Bundeswehr-Abzug kann sich verzögern

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen bekräftigte am Mittwoch ihre Forderung, den Abzug der internationalen Truppen von der Sicherheitslage abhängig zu machen. Sie wolle dabei "nicht um wenige Wochen und Monate feilschen". Rund 13.000 ausländische Soldaten sind nach dem Ende des internationalen Kampfeinsatzes in Afghanistan Ende vergangenen Jahres weiterhin vor Ort, um die einheimischen Streitkräfte zu beraten und auszubilden. Dazu zählen auch Bundeswehr-Soldaten.

Der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, hält einen umfassenden Militäreinsatz für notwendig, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. "Nur ein erneuter massiver Kampfeinsatz der Nato könnte die Situation bereinigen", sagte Kujat den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Dazu sei die internationale Staatengemeinschaft aber nicht bereit. "Es zeichnet sich ab, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Taliban die Macht im Land übernehmen." Die derzeitige Entwicklung habe sich seit mehr als zwei Jahren abgezeichnet.

Quelle: n-tv.de