Politik

Sind Frankreichs Reaktoren sicher? Greenpeace-Aktivisten dringen in AKW ein

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"Ist François Hollande der Präsident der Katastrophe?", fragten die Aktivisten auf einem Banner.

(Foto: dpa)

Ein riesiges Banner prophezeit eine Katastrophe im französischen Atomkraftwerk Tricastin. Aufgehängt haben es Umweltschützer, denen es gelungen war, in das AKW einzudringen. Bis sie festgenommen sind, dauert es Stunden.

Bei einer spektakulären Protestaktion haben dutzende Greenpeace-Aktivisten das Gelände des französischen Atomkraftwerks Tricastin gestürmt. Die Aktivisten der Umweltschutzorganisation drangen am Morgen in die Anlage im Südosten Frankreichs ein und entrollten dort unter anderem Protestbanner, wie Greenpeace und die Behörden mitteilten. Die Regierung kündigte als Reaktion auf den Vorfall härtere Strafen gegen das Eindringen in Atomkraftwerke an.

Wie Greenpeace-Sprecherin Isabelle Philippe sagte, drangen die Aktivisten gegen 05.00 Uhr früh auf das Gelände der Anlage im Département Drôme vor. Sie kletterten auf Bauten, welche die Reaktoren umgeben, und brachten dort Banner mit der Botschaft "Atomunfall in Tricastin - Ist François Hollande der Präsident der Katastrophe?" an.

Zudem wurden mit einem Lichtprojektor ein riesiger Riss und weitere Botschaften auf das Gebäude von Reaktor 1 projiziert. Die Aktivisten forderten von Frankreichs Staatschef François Hollande eine Schließung des Atomkraftwerks Tricastin, das von Greenpeace als besonders unsicher eingestuft wird.

Die Aktivisten ketteten sich an

Das Innenministerium in Paris betonte, es sei den Aktivisten nicht gelungen, in die "sensiblen Bereiche" wie etwa die Kontrollräume des Kraftwerks vorzudringen. "Das ist eine medienwirksame Aktion, die für die Sicherheit der Einrichtungen keinerlei Gefahr darstellt." Auch eine Sprecherin des französischen Energiekonzerns EDF sagte, die Aktivisten seien nicht in Sicherheitsbereiche gelangt. Dagegen erklärte Greenpeace, die Aktivisten seien bis zum Reaktorgebäude vorgedrungen. Innenminister Manuel Valls kündigte eine Überprüfung der Sicherheitsvorkehrungen aller Atomkraftwerke an.

Erst nach mehreren Stunden konnten alle 29 Greenpeace-Aktivisten festgenommen werden, wie das Innenministerium mitteilte. Schon am Morgen waren 21 Aktivisten festgenommen worden, die aus Frankreich, Italien, Rumänien und Spanien stammten. Sie ließen sich ohne Widerstand in Gewahrsam nehmen. Die Festnahmen dauerten, weil sich die Aktivisten dem Ministerium zufolge angekettet hatten. Rund ein Dutzend Aktivisten waren zudem zunächst lediglich "geortet und unter Kontrolle", bis sie schließlich festgenommen wurden. Im Einsatz waren 160 Polizisten.

"Greenpeace will auf all die Sicherheitspannen bei der Produktion von Atomenergie hinweisen", sagte Greenpeace-Sprecherin Philippe. Die Anlage Tricastin, die gut 40 Kilometer nördlich von Avignon liegt und vor mehr als 30 Jahren erbaut wurde, sei "eine der gefährlichsten" in Frankreich. Sie müsse unter anderem wegen Rissen im Reaktor 1 mit besonderer Dringlichkeit geschlossen werden. In den vergangenen Jahren waren mehrere Risse in der Reaktorhülle entdeckt worden. Frankreichs Atomaufsicht ASN sieht darin aber keine Gefahr.

Frankreichs ältestes AKW liegt an der Grenze zu Deutschland

Der Chef von Frankreichs Grünen im Senat, Jean-Vincent Placé, begrüßte die Greenpeace-Protestaktion ausdrücklich. Es habe sich um eine "Staatsbürger-Aktion" gehandelt, die aufgezeigt habe, dass ein "terroristisches Risiko" bestehe, sagte Placé dem Sender Europe 1. "Es ist extrem wichtig, die Franzosen zu warnen."

Dagegen kündigten das Innen- und das Umweltministerium in einer gemeinsamen Stellungnahme an, "schärfere strafrechtliche Sanktionen" gegen die Besetzung von Atomanlagen zu prüfen. Bislang könnten solche Aktionen lediglich als "Eindringen in ein Privatgrundstück" geahndet werden. Diese Rechtsgrundlage sei "offensichtlich ungeeignet".

In den vergangenen Jahren hatten Greenpeace-Aktivisten immer wieder auf dem Gelände von französischen Nuklearanlagen gegen die Gefahren der Atomindustrie demonstriert und auf Sicherheitsprobleme in den Kraftwerken aufmerksam gemacht. 19 Atomkraftwerke mit 58 Reaktoren stehen in Frankreich. Die Atombehörde ASN hatte im April eine Studie veröffentlicht und die nach ihrer Einschätzung sechs unsichersten AKW benannt. Tricastin war nicht darunter.

Frankreich bezieht mehr als drei Viertel seines Stroms aus Atomkraftwerken. Die Regierung des Sozialisten Hollande will den Anteil bis 2025 auf 50 Prozent senken. Bislang ist lediglich die Schließung eines Atomkraftwerks beschlossen: Das elsässische Akw Fessenheim nahe der Grenze zu Deutschland soll Ende 2016 stillgelegt werden.

Quelle: ntv.de, AFP/dpa/rts

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