Politik
Rinderzüchter, Rechtsanwalt, Spitzenpolitiker: Gregor Gysi.
Rinderzüchter, Rechtsanwalt, Spitzenpolitiker: Gregor Gysi.(Foto: imago/VIADATA)
Donnerstag, 09. November 2017

Zu viel Leben für nur ein Buch: Gregor Gysi - der linke Hans Dampf

Von Wolfram Neidhard

Gregor Gysi gilt als einer der besten Redner im Bundestag. Der Rechtsanwalt und Ex-PDS-Chef war ein maßgeblicher Mitgestalter der Wende in der DDR. In einer Autobiografie lässt er sein aufregendes Leben Revue passieren.

Da kam der Anwalt durch: Die Volkskammer entschied am 23. August 1990 über den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland. Den DDR-Parlamentariern lag dazu ein fehlerhafter Beschluss vor. "Die Volkskammer erklärt den Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes mit Wirkung vom 3. Oktober 1990", hieß es. Das rief Gregor Gysi auf den Plan. Der PDS-Fraktionschef wies Parlamentsvize Reinhard Höppner, der diese historische Sitzung leitete, diskret darauf hin, dass die Volkskammer lediglich ihren eigenen Beitritt erklärt. Der SPD-Mann beging eine Urkundenfälschung, indem er nach dem Wort "Beitritt" eigenmächtig die Worte "der Deutschen Demokratischen Republik" einfügte. Höppner hatte das später auch öffentlich erklärt.

Rechtsanwälte unter sich: Gysi in der Volkskammer mit dem damaligen DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel von der DSU.
Rechtsanwälte unter sich: Gysi in der Volkskammer mit dem damaligen DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel von der DSU.(Foto: picture alliance / dpa)

Gysi, der strikt gegen Anwendung des Artikels 23 war, ersparte dem Parlament damit eine neue Sitzung und sorgte mit für einen reibungslosen juristischen Ablauf der deutschen Wiedervereinigung. Gysi konnte einfach nicht anders. Er sah sich einfach als "Sachwalter der juristischen Sprachpräzision", gibt er in seiner Autobiografie "Ein Leben ist zu wenig" zum Besten. Nach der für ihn verlorenen Abstimmung wies Gysi noch einmal darauf hin, wofür die Abgeordneten mehrheitlich votiert hatten: "Soeben haben Sie nicht mehr und nicht weniger als den Untergang der Deutschen Demokratischen Republik beschlossen", sagte er in einer Erklärung. Tosender Beifall von der CDU, der letzte aus dieser Ecke für eine lange Zeit.

Gregor Gysi gehört zweifelsohne zu den schillerndsten Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegspolitik. Ihm gelang das Kunststück, mit der SED eine diskreditierte Partei in das vereinte Deutschland hinüberzuretten und später im politischen System der Bundesrepublik zu etablieren. Ebenso bemerkenswert ist, dass mit Gysi einer der besten Rhetoriker des Deutschen Bundestages ausgerechnet aus dem Osten kommt, wo das freie Sprechen nicht gerade zu den Stärken der politischen Klasse gehörte. Allerdings war sein Weg zur Akzeptanz beim politischen Gegner steinig. Er erlitt durch Anfeindungen, für die vor allem die Geschichte seiner Partei verantwortlich war, so manche politische Wunde.

Weltoffenes Elternhaus

573 Seiten für das Leben eines fast 70-Jährigen, der seit fast 30 Jahren ununterbrochen in der medialen Öffentlichkeit steht. Geht man davon aus, dass heutzutage deutlich jüngere Personen, die sich für wichtig halten, mit Biografien aufwarten, ist das in Gysis Fall ein äußerst schwieriges Unterfangen. Schon seine Erlebnisse vor dem Eintritt in die Politik sind Stoff für mindestens zwei Bände. Da sind die bewegten Geschichten seiner der beiden Familienzweige. Vor allem die Beleuchtung der mütterlichen Seite wäre Hunderte Seiten wert gewesen. Aber auch das Leben und Wirken seines Vaters Klaus Gysi - er war DDR-Kulturminister und -Staatssekretär für Kirchenfragen - und dessen Vorfahren ist lesenswert.

Klaus Gysi (Archivbild von 1996). Er starb 1999 im Alter von 87 Jahren.
Klaus Gysi (Archivbild von 1996). Er starb 1999 im Alter von 87 Jahren.(Foto: picture-alliance / dpa)

Gregor Gysi schreibt voller Hochachtung über seine Eltern. Lustig ist eine Schilderung der adligen Attitüde seiner Mutter Irene (geborene Lessing) bei einer Begebenheit im Kulturministerium, in dem sie Abteilungsleiterin für kulturelle Beziehungen war. Ein junger Mann sei hereingekommen, in einem grauen Anzug mit SED-Parteiabzeichen. Er hätte eine Kritik des Staatssekretärs überbracht. Irene Gysi: "Jetzt gehen Sie wieder hinaus, dann klopfen Sie an die Tür und warten. Für den Fall, und nur für den Fall, dass ich 'Herein!' sagen sollte, dürfen Sie den Raum betreten. Sie kommen herein und fragen mich, ob Sie mich stören dürfen. Sollte ich Ihnen das genehmigen, und nur dann, dürfen Sie mir mitteilen, was der Herr Staatssekretär meint, mir über Sie sagen lassen müssen." Laut Gysis Schilderung ward der junge Mann nicht mehr gesehen.

Gysis Eloquenz hat sicherlich auch mit dem weltoffenen Elternhaus zu tun, in dem er aufwuchs. Die Tätigkeiten seiner Erzeuger brachten es mit sich, dass Besucher aus aller Herren Länder bei der Familie Gysi ein- und ausgingen. Im Vergleich zu "normalen" DDR-Haushalten genoss man Privilegien. So kümmerte sich ein Kindermädchen um Gregor und seine anderthalb Jahre ältere Schwester. Das sei "so was von ungewöhnlich in der DDR" gewesen, sagte Gysi einmal im Deutschlandfunk: "Vielleicht hatten 200 Familien so etwas wie ein Kindermädchen."

Arbeit als Rechtsanwalt

Interesse für Menschen
Interesse für Menschen(Foto: imago/VIADATA)

Man könnte denken, dass so ein hochintelligenter Mensch wie Gysi keine Probleme in der Schule und im Studium gehabt hätte. Weit gefehlt, denn er war nach eigenem Bekunden nicht der Fleißigste und tat mitunter nur das Notwendigste. Er habe sich seine Schul- und Studienzeit gut eingeteilt und sich Lehrstoff erspart, den er für verzichtbar hielt, schreibt Gysi. Er habe in dieser Frage "eine Neigung zum Glücksspiel" gehabt. Vor allem mit Physik tat er sich schwer. Gysi ist auch kein Sprachengenie, was er heute als Spitzenpolitiker sehr bedauert.

Aber Gysi hat andere Stärken. Nein, es ist nicht der erlernte Beruf des Rinderzüchters, auf den er öfter angesprochen wird und der auch im Buch eine Rolle spielt. Seine Wortgewandtheit lebte und lebt er als Rechtsanwalt aus. Gysis Interesse für Menschen und die ihm innewohnende Neugier ließen ihn Rechtsanwalt werden. Die Tätigkeiten als Richter und Staatsanwalt waren nichts für ihn. Gysi brauchte die Kreativität und so entwickelte er sich zu DDR-Zeiten zum Wanderer zwischen den Welten. Im Vergleich zur Bundesrepublik gab es in der DDR nicht viele Rechtsanwälte.

Insgesamt gehört die Schilderung des Anwaltsdaseins zu den interessantesten Passagen des Buches. Gysi beschreibt die verschiedenste Facetten seines Berufes. Aber er verteidigte auch Systemkritiker und Ausreisewillige, darunter bekannte Personen wie Robert Havemann, Rudolf Bahro ("Dieses Verfahren ging mir ans Gemüt"), Ulrike Poppe und Bärbel Bohley. Die politische Enge in der DDR machte auch nicht vor Gysis Familie Halt, seine Schwester Gabriele - eine Schauspielerin - war bereits 1985 in die Bundesrepublik ausgereist. Bohley bot Gysi in der Wendezeit die Mitarbeit im Neuen Forum an, das lehnte Gysi mit dem Verweis ab, dass er mithelfen müsse, seinen "Verein" (die SED, der er seit 1967 angehörte) zu retten. Kurze Zeit später war er dessen Vorsitzender.

Vorsitzender von SED-PDS beziehungsweise PDS 

Gespräch mit Egon Krenz am Rande einer SED-Kundgebung am 10. November 1989 am Berliner Lustgarten.
Gespräch mit Egon Krenz am Rande einer SED-Kundgebung am 10. November 1989 am Berliner Lustgarten.

Politiker zu werden, stand nicht in Gysis Lebensplanung. Aber wie das Leben so spielt: Die Politik lässt ihn seit seinem Auftritt auf der Großdemonstration am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz nicht mehr los, auch ein Mann wie Gregor Gysi verfällt dieser Droge. Vielleicht zum Glück, denn einige seiner Talente wären sonst verschüttet geblieben. Die SED, die dann kurze Zeit als SED-PDS firmierte und Anfang 1990 in PDS umbenannt wurde, war nun seine Lebensaufgabe. Er führte die Partei - für ihn die einzige Vertreterin der Ostdeutschen - durch die Wendewirren. Gysi, der im Gegensatz zu mehreren westdeutschen Politikern SED-Generalsekretär Erich Honecker nie getroffen hatte, wurde vor allem in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre beschimpft. Zu dieser Zeit waren für ihn Auftritte in Hallen und auf Marktplätzen alles andere als glücksselige Momente. Den Verdacht, Stasi-IM gewesen zu sein, handelt Gysi mit kühler Sachlichkeit ab: "Das war, ist und bleibt falsch. Dagegen bin ich immer gerichtlich vorgegangen. Erfolgreich."

Gysi reiste durch Deutschland, musste sich mit einer Finanzaffäre seiner Partei herumschlagen und trieb Raubbau mit seiner Gesundheit, so dass sein Freund Lothar Bisky eine klare Ansage machte und ihm regelrecht eine Ruhepause befahl. Später erlitt Gysi drei Herzinfarkte und musste eine schwere Gehirnoperation überstehen.

Bilderserie

Für das Überleben der PDS war Gysi unentbehrlich, auch nachdem er 1993 den Parteivorsitz an Bisky übergeben hatte. Jahrelang arbeitete er als Chef der Bundestagsgruppe, später dann -fraktion. Seine Auszeit von der Bundespolitik riss die PDS, die von 2002 bis 2005 nur durch zwei direkt gewählte Abgeordnete im Bundestag vertreten war, gleich runter. Die Berliner Landespolitik war zu klein für ihn: Gysi nutzte eine Bonusmeilenaffäre, um nach ein paar Monaten als Senator für Wirtschaft und Frauen zu demissionieren und sich mit Verve wieder der Bundespolitik zuzuwenden.

Privatleben leidet unter der Politik

Und es gab ein großes Projekt - die Zusammenführung von PDS und WASG, die eine Zusammenarbeit mit Oskar Lafontaine nach sich zog. Für Gysi war dies nach eigenem Bekunden ein sehr schmerzhafter Prozess, diese beiden verschiedenen politischen Kulturen zusammenzubekommen. Obwohl bis 2015 Fraktionschef, war er nun auch als Moderator gefragt - eine Tätigkeit, die Gysi auch liegt, wie seine Auftritte im Deutschen Theater zu Berlin beweisen.

Dass sein Privatleben unter der politischen Tätigkeit litt, hat Gysi bereits vor mehr als zwei Jahren auf dem Linken-Parteitag hinreichend beschrieben und sich dafür unter Tränen bei Familie und Freunden entschuldigt. Zwei zerbrochene Ehen sind auf seiner privaten Sollseite. Den 1970 geborenen Sohn George zog Gysi allein auf, natürlich mit Unterstützung. So schildert er, wie er bei Gerichtsverhandlungen den Richter darauf hinwies, dass nach 17 Uhr Schluss sein müsse, damit er seinen Sohn vom Kindergarten abholen könne. Die Pflichten und Sorgen eines alleinerziehenden Vaters waren es auch, die Gysi auf dem Boden der Tatsachen des realen Lebens bleiben ließen. Aus der zweiten Ehe mit der ehemaligen PDS-Bundestagsabgeordneten Andrea Gysi (geborene Lederer) entstammt die 1996 geborene Tochter Anna. Gysi hat noch einen Adoptivsohn: Daniel, der 1964 geboren wurde.

Nun ist Gregor Gysi nur noch einfacher Bundestagsabgeordneter - direkt gewählt im Berliner Wahlkreis Treptow-Köpenick. Es ist aber davon auszugehen, dass er der Hans Dampf der Linken bleibt. Denn: "In meinem Alter ändert man sich nicht mehr viel, man bleibt eher, wie man ist."

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Quelle: n-tv.de

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