Politik
Hans Modrow bei der Kranzniederlegung zum Gedenken an die am 15.01.1919 ermordeten Kommunistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin.
Hans Modrow bei der Kranzniederlegung zum Gedenken an die am 15.01.1919 ermordeten Kommunistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Berlin.(Foto: imago/Hohlfeld)
Samstag, 27. Januar 2018

"Ich war kein Held": Hans Modrow, der Mann des Übergangs

Von Wolfram Neidhard

Jahrzehntelang dient Hans Modrow als Funktionär der DDR. Er legt sich auch schon mal mit Honecker an. Während der Wendezeit ist er einer der wenigen SED-Hoffnungsträger. Auch als nunmehr 90-Jähriger gibt er sich nach wie vor kämpferisch.

In der Geschichte gibt es mitunter seltsame Episoden: Während des Putsches konservativer Kräfte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) im August 1991 befand sich neben Präsident Michail Gorbatschow auch ein ausländischer Politiker zum Urlaub auf der Halbinsel Krim: Hans Modrow. Während Gorbatschow in seiner Datscha "Morgenröte" residierte, joggte der ehemalige DDR-Ministerpräsident am frühen Morgen des 19. August vor dessen Anwesen am Strand des Schwarzen Meeres.

Enttäuschung über Michail Gorbatschow.
Enttäuschung über Michail Gorbatschow.(Foto: imago/ITAR-TASS)

"Morgens beim Frühstück hatte ich noch Innenminister Boris Pugo gesehen. Als er so gegen 10 Uhr abreiste, dachte ich, sein Urlaub sei zu Ende - am Abend allerdings erfuhr ich, dass er Teilnehmer des Putsches war", sagte Modrow 2011 in einem Interview mit der "Jungen Welt": "Dass der Staatspräsident unter Hausarrest war und man sein Telefon abgestellt hatte, erfuhr ich erst viel später." Das, was Gorbatschow nach dem gescheiterten Putschversuch noch bevorstand, nämlich seine vollständige Entmachtung und den Zerfall der UdSSR, hatte Modrow bereits hinter sich - die DDR hatte bereits fast ein Jahr zuvor das Zeitliche gesegnet und die SED ihre Allmachtstellung verloren.

Modrows Verhältnis zu Gorbatschow war bereits zu dieser Zeit zerrüttet. Er nahm dabei dem Russen nicht nur übel, dass er die DDR fallengelassen hatte. Er verurteilte später Äußerungen Gorbatschows, in denen er sich gegen den Kommunismus gewandt und die Zerstörung der Sowjetunion als Ziel seiner Politik gesehen hatte. "Mich ärgert, dass ich zu lange an Gorbatschow geglaubt und ihm vertraut habe."

Kampf um den Erhalt der SED

Modrow und Gregor Gysi auf dem 1. PDS-Parteitag im Februar 1990 in Ost-Berlin.
Modrow und Gregor Gysi auf dem 1. PDS-Parteitag im Februar 1990 in Ost-Berlin.(Foto: picture alliance / dpa)

Es waren die politischen Volten des ehemaligen KPdSU-Generalsekretärs, die Modrow während seiner Amtszeit als DDR-Regierungschefs irritierten. Eine abrupte Abkehr von seinen jahrzehntelangen politischen Idealen war für den am 27. Januar 1928 im westpommerschen Jasenitz zur Welt gekommenen Modrow trotz der historischen Niederlage des Staatssozialismus im Ostblock nie in den Sinn gekommen - dazu war er jahrzehntelang zu eng mit dem untergegangenen System verhaftet.

So eng, dass er sich mit aller Kraft dafür einsetzte, die abgewirtschaftete SED nicht sterben zu lassen. Beim Krisenparteitag im Dezember 1989, bei dem die Auflösung der ehemals allmächtigen Partei zur Debatte stand, war es Modrow, der in einer nichtöffentlichen Nachtsitzung in der Ost-Berliner Dynamo-Sporthalle für die Entscheidung zugunsten des Weiterbestands sorgte. "Ich muss hier in aller Verantwortung sagen: Wenn bei der Schärfe des Angriffs auf unser Land dieses Land nicht mehr regierungsfähig bleibt, weil mir, dem Ministerpräsidenten der Deutschen Demokratischen Republik, keine Partei zur Seite steht, dann tragen wir alle die Verantwortung dafür, wenn dieses Land untergeht", sagte er.

Nun, die Geschichte hatte danach ihr Urteil über die DDR abgegeben, fast 41 Jahre nach ihrer Gründung verschwand sie von der Landkarte. Modrow schied eher aus dem Amt des Regierungschefs. Die ersten und einzigen freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990 schickten ihn und die SED, die sich in dieser Zeit zweimal häutete und als PDS zum Votum antrat, in die Opposition.

Erst Reformer, dann Politiker von gestern

Nach dem Fall der Mauer gab es auch keine Chance mehr für den Fortbestand der DDR. Abgesehen davon, dass Gorbatschow wegen großer ökonomischer Probleme in seinem Riesenreich dringend auf Devisen angewiesen war, machten auch die Ostdeutschen nicht mehr mit. Der in der Zeit unmittelbar vor der Wende im Westen gepriesene Reformer Modrow mutierte binnen weniger Monate zum Politiker von gestern. Die Verantwortlichen in Bonn ließen ihn das auch spüren.

Pressekonferenz mit Helmut Kohl am 13. Februar 1990 in Bonn.
Pressekonferenz mit Helmut Kohl am 13. Februar 1990 in Bonn.(Foto: picture alliance / dpa)

So versteckte er auf der Pressekonferenz seine Verärgerung über die Bundesregierung bei seinem Bonner Besuch am 13. Februar 1990 auch nicht. Modrow blitzt mit seiner Bitte um einen Sofortkredit in Höhe von 10 bis 15 Milliarden D-Mark bei Kanzler Helmut Kohl ab. Dabei hatte der Ministerpräsident noch einen Befreiungsschlag versucht, in dem er wenige Tage vor seiner Visite in der Bundesrepublik acht "Minister ohne Geschäftsbereich" aus der DDR-Opposition in seine "Regierung der nationalen Verantwortung" aufnahm.

Umsonst, denn Kohls nationale Ziele waren bereits weiter gefasst: Währungsunion und Einheit Deutschlands. Der Machtmensch aus der Pfalz wollte keine Wahlkampfhilfe für Modrow machen, um die Dauer des DDR-Sterbeprozesses zu verlängern. Verbittert reiste Modrow wieder aus Bonn ab. Für Kohl war er kein wichtiger Gesprächspartner mehr, der Kanzler arrangierte sich mit Gorbatschow, der sich der deutschen Wiedervereinigung nicht mehr in den Weg stellte.

Bescheidener SED-Funktionär

Kohls Vorgehen war aus Bonner Sicht verständlich, war doch in der DDR der Wahlkampf voll entbrannt. Die "Allianz für Deutschland" aus CDU, DSU und Demokratischem Aufbruch schickte sich an, den Einheitszug auf Gleis zu hieven. Für Modrow, der die DDR durch schwierige Fahrwasser geführt hatte und dem das Verdienst zukam, den inneren Frieden im Osten Deutschlands bewahrt zu haben, war kein Platz mehr. Er verschwand aber nicht ganz in der politischen Versenkung, war er doch noch als Abgeordneter im Deutschen Bundestag und im Europaparlament aktiv. Innerhalb der PDS war Modrow Ehrenvorsitzender und später in der Linkspartei Vorsitzender des Ältestenrates.

Kein Bruch mit der Vergangenheit: Modrow bei der Beerdigung des ehemaligen DDR-Verteidigungsministers Heinz Keßler am 7. Juni 2017 in Berlin.
Kein Bruch mit der Vergangenheit: Modrow bei der Beerdigung des ehemaligen DDR-Verteidigungsministers Heinz Keßler am 7. Juni 2017 in Berlin.(Foto: picture alliance / Britta Peders)

Obwohl Modrow eine typische DDR-Politkarriere machte, unterschied er sich von den führenden Genossen. Er galt im Gegensatz zu anderen SED-Spitzenfunktionären als bescheiden und integer. Während seiner Zeit als Dresdner SED-Bezirkschef (1973-1989) lebte Modrow mit seiner Familie in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Der Einzug in den höchsten SED-Machtzirkel, das Politbüro, blieb ihm unter Honecker verwehrt.

Der sture pommersche Querkopf - so bezeichnete er sich selbst - war der Garde der alten Herren, die sich fernab vom Volk in der Wandlitzer Waldsiedlung verschanzt hatte, nicht geheuer. Denn anders als Honecker sah Modrow Reformbedarf in der DDR. So wundert es auch nicht, dass ihn die Verantwortlichen in Moskau 1987 als Honecker-Nachfolger sahen. Allerdings schritt Gorbatschow nicht zur Tat und es blieb nur beim Vorhaben.

Gerichtsurteile wegen Anstiftung zur Wahlfälschung

Reformer hin, Reformer her: Während der SED-Herrschaft blieb Modrow hinsichtlich der Bewertung von Glasnost und Perestroika in der UdSSR in Deckung. Auch sein Vorgehen als Dresdner SED-Bezirkschef während des Beginns der Wendezeit war ambivalent. Einerseits setzte er in der Elbestadt früh auf den Dialog mit der oppositionellen "Gruppe der 20". Andererseits gingen die Sicherheitskräfte unter seiner Führung rigoros gegen Demonstranten vor. Im Zusammenhang mit der Durchfahrt eines Zuges mit DDR-Flüchtlingen von Prag in Richtung Bundesrepublik kam es in Dresden zu Ausschreitungen mit Hunderten Festnahmen.

Mit Äußerungen über die Mauertoten erntete Modrow sogar in seiner eigenen Partei Widerspruch. Die Verantwortung für die Opfer trügen die Verantwortlichen auf beiden Seiten, sagte er 2006 dem Magazin "Cicero". Für ihn war die DDR ein Staat, in der es auch "Demokratie mit Einschränkungen" gegeben habe. In den 1990er-Jahren ergingen gegen Modrow mehrere Gerichtsurteile wegen Anstiftung zur Wahlfälschung. Aber nur eine Bewährungsstrafe von neun Monaten wird rechtskräftig.

Hans Modrow hat sich nie als Gegner des DDR-Systems bezeichnet. "Ich war kein Held", sagte er. Den Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus sah er dementsprechend auch als persönliche Niederlage an.

Rund um seinen 90. Geburtstag herum gibt sich Modrow noch einmal kämpferisch. Er will mit einer Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland vor dem vor dem Bundesverwaltungsgericht Leipzig Einsicht in seine Geheimdienstakten erzwingen. Diese ist ihm bislang von der Bundesregierung verwehrt worden. "Ich möchte vor meinem Tod wissen, was sich gegen mich abgespielt hat", sagt er der "Berliner Zeitung. Dabei geht es um Akten, die westdeutsche Geheimdienste über ihn anlegten. Der Prozess soll am 28. Februar beginnen.

Quelle: n-tv.de