Politik

Neue Ängste Japans erzwungene Öffnung

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Japan ist inzwischen wie viele Industrieländer auf Einwanderung angewiesen.

(Foto: imago images/imagebroker)

Japan war lange Zeit eines der abgeschottetsten Länder der Welt. Doch nun ist das Land gezwungen, sich zu öffnen. Allein kann der Wohlstand nicht mehr gehalten werden. Doch wie reagiert die Gesellschaft auf die steigende Zahl von Fremden?

Ihr halbes Leben hat Junko Isekame im Ausland verbracht. Seit sie vor drei Jahren nach Japan zurückkehrte, kommt es ihr so vor, als seien viele ihrer Landsleute zu naiv für diese Welt. Und sie ahnt nichts Gutes. "Wenn noch mehr Ausländer hier leben werden, dann fürchte ich, dass kriminelle Betrüger die Gutgläubigkeit der Japaner ausnutzen." Sie deutet unauffällig zum Nachbartisch, wo zwei ältere japanische Damen im Tokioter Stadtbezirk Nerima die Spezialität des Hauses essen: Soba-Nudeln. Diese Damen seien leichte Opfer, glaubt Isekame.

Japaner gingen sehr rücksichtsvoll und höflich miteinander um, erklärt sie. Aber die Menschen hätten in ihrer ethnischen Blase, die traditionell wenig Einfluss von außen zulässt, nie gelernt, misstrauisch zu sein. Dabei gehöre Misstrauen unbedingt dazu, wenn viele unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zusammen leben, findet sie. Isekame selbst habe sich diese Eigenschaft in London antrainiert, wo sie 20 Jahre lang lebte. Fremden gegenüber verhält sie sich respektvoll und höflich, aber uneingeschränktes Vertrauen schenkt sie ihnen nicht unvermittelt.

Überalterung zwingt zur Öffnung

Die Architektin steht nicht alleine mit ihrer Skepsis gegenüber Fremden. Seit Japans Regierung um Ministerpräsident Shinzo Abe zu Beginn dieses Jahres die Visaregeln für Ausländer erleichtert hat, wächst die Sorge in der Bevölkerung vor dem Verlust nationaler Identität und einer steigenden Kriminalitätsrate. Umfragen ergaben, dass die Hälfte der Japaner eine Öffnung ihres Landes eher ablehnen. Einige Medien befeuern die Sorgen mit dramatisierender Berichterstattung.

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Als Touristen willkommen - aber was, wenn sie bleiben?

(Foto: REUTERS)

Doch das 21. Jahrhundert erzwingt ein Umdenken, vor allem aus ökonomischen Zwängen: Die Geburtenrate ist so niedrig, dass die Bevölkerungszahl in den kommenden 30 Jahren um ein Fünftel auf 100 Millionen Menschen sinken wird. Schon heute spürt der Arbeitsmarkt den Mangel in Berufen, die sonst niemand mehr ergreifen möchte.

Der Druck auf die Rentenkasse ist so groß, dass die Wirtschaftsleistung nicht ausreicht, um die Löcher zu stopfen. Das Rentenalter wurde deshalb schon von 60 auf 65 Jahre erhöht. Die Löhne steigen nur minimal, der Konsum bleibt schwach. Zunehmender Protektionismus bedroht den Welthandel. Japans Wirtschaft steckt in der Klemme. Allein kann sich das Land nicht aus dem Abwärtssog befreien. Zuwanderer müssen die Lücken schließen, um die Produktivität zu erhöhen.

Bereits vor Erleichterung der Visabestimmungen war die Zahl der Ausländer in Japan auf ein Rekordhoch von 2,6 Millionen geklettert. Die meisten von ihnen leben in den Ballungsräumen der Metropolen, darunter viele Austauschstudenten und Praktikanten in internationalen Wirtschaftsunternehmen. Auch Ärzte, Rechtsanwälte und Lehrer mit Universitätsabschlüssen sind zahlreich vertreten. Doch der Bedarf liegt bei geschätzten 1,5 Millionen zusätzlichen Arbeitskräften. Deshalb dürfen sich jetzt auch weniger gut ausgebildete Ausländer in Branchen wie dem Bau oder der Landwirtschaft bewerben, eben dort, wo körperlich hart geschuftet wird. Sie müssen nur ein paar Brocken der Landessprache sprechen und verstehen können, um auf fünf Jahre begrenzt in Japan leben zu dürfen. Wer sich bewährt, könnte sogar länger bleiben und seine Familie nachholen dürfen. So lautet zumindest der Plan der Regierung.

Kommt der Populismus?

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Die japanische Bevölkerung wird in den nächsten drei Jahrzehnten um ein Fünftel schrumpfen.

(Foto: REUTERS)

Schon heute tauchen immer mehr fremde Gesichter im Stadtbild der Metropolen auf als vor zehn Jahren. Hinter dem Tresen mancher Schnellrestaurants in Tokio sieht man nur noch Südasiaten. In der U-Bahn sitzen junge Menschen, die in kambodschanischer Schrift Nachrichten über ihre Mobiltelefone verschicken, und auf den Straßen passiert man Gruppen junger Männer aus Zentralasien. "Ich fürchte, dass wir dem Populismus auch in Japan Tür und Tor öffnen", sagt Sayuri Ito. Die Ökonomin ist viel im Ausland unterwegs, vor allem in Europa. Sie weiß um die Dynamiken, die das gesellschaftliche Zusammenleben auf die Probe stellen, wenn viele Migranten neu ins Land kommen.

Ito glaubt, dass die Folgen der Olympischen Spiele im Sommer in Tokio den Populismus zudem beschleunigen könnten. "Wenn mögliche positive Effekte der Olympischen Spiele nicht in allen Teilen des Landes gleichermaßen ankommen, dann wird das jene begünstigen, die gegen das Establishment wettern, gegen Ausländer und gegen die Globalisierung", sagt sie. Mehr Ausländer liefern mehr Angriffsfläche. Dabei lächelt die Dame um die 50 und schiebt immer ein "vielleicht" vor ihre Aussagen: eine sehr japanische Art, die eigene Meinung zu äußern.

Prozentual gesehen bleiben die Ausländer unter 125 Millionen Einwohnern zunächst nur ein kleiner Anteil. Aber für viele Japaner fühlt es sich dennoch an wie eine Menschenflut. Als Touristen sind Ausländer zwar gerne gesehen, aber ansonsten bleiben viele Einheimische lieber unter sich. Die Kultur der Abschottung ist auch das Resultat einer historischen Isolation. Mehr als zwei Jahrhunderte hatte sich das Land fast hermetisch von äußeren Einflüssen abgeriegelt, ehe es sich Mitte des 19. Jahrhunderts wieder zu öffnen begann. Die Entfremdung von der Welt hat bis heute seine Spuren hinterlassen. Keine andere Gesellschaft einer großen Industrienation wirkt so eigentümlich wie die japanische.

Unter sich

Chinesen bilden inzwischen die größte der eingewanderten Volksgruppen. Sie haben die Koreaner als Nummer eins abgelöst. Doch so richtig warm wird man mit den Gastgebern nicht. "Japanische Freunde haben wir keine. Irgendwie sind die Menschen hier so gefühlskalt", sagt die Chinesin Xiao Wu. Seit drei Jahren lebt sie in Tokio und pflegt privat fast ausschließlich chinesische Kontakte. Sie betreibt mit ihrem chinesischen Ehemann ein 24-Stunden-Restaurant mit einigen Klassikern aus ihrer Heimat, der Mandschurei, jene Region im Nordosten Chinas, die Japan in den 1930er-Jahren kriegerisch besetzte. "Mit Japanern rede ich meistens nur hier bei der Arbeit", sagt Wu. Sie meint ihre Gäste. Rund 25 Menschen finden hier Platz. Damit die sich wohlfühlen, läuft das japanische Fernsehprogramm.

Als Betreiberin eines Restaurants bleibt Wu immerhin das Schicksal vieler anderer Ausländer erspart, die als Billiglöhner regelrecht ausgebeutet werden. Das Justizministerium hat die Firmen deshalb schon angewiesen, Gastarbeiter die gleichen Löhne zu zahlen wie japanischen Angestellten. Ihr chinesischer Koch könne sich hingegen nicht beklagen, meint Wu. "Der darf hier jeden Tag umsonst essen."

Quelle: ntv.de

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