Politik

Geburt des Labels "k.u.k." Kaiser Franz I. wird Doppelmonarch

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Der Kopf von Franz Joseph I. auf einer österreichisch-ungarischen Briefmarke.

(Foto: imago/UIG)

Vor 150 Jahren krönt Kaiserin Sisi ihren Gemahl Franz Joseph I. zum König von Ungarn. Die so geschaffene Doppelmonarchie Österreich-Ungarn wurde mit einem glamourösen Festakt gefeiert. Die darauffolgende Ära bleibt bis heute als "Friedenszeit" in Erinnerung.

Es war ein pompöses Fest: 21 Kanonenschüsse donnerten von der Zitadelle des Gellertbergs, Honoratioren und Magnaten zeigten sich in den prächtigsten Gewändern und die bildschöne, junge Kaiserin fuhr in einer von acht Schimmeln gezogenen, vergoldeten Kutsche vor. "Tausendstimmiges Eljen (Hoch-Rufe) wälzte sich von Straße zu Straße, so oft man des Anblicks des Allerhöchsten Herrn theilhaft wurde", schwärmte der Korrespondent der amtlichen "Wiener Zeitung".

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Kaiserin Elisabeth, genannt Sisi, krönte ihren Gemahl.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der "Allerhöchste Herr" - das war Kaiser Franz Joseph I. aus dem Haus Habsburg-Lothringen. Im Jahr 1867 herrschte er über ein mitteleuropäisches Reich, das sich vom Bodensee bis über die Karpaten, von Galizien bis an die südliche Adriaküste erstreckte. Am 8. Juni, dem Pfingstsamstag des Jahres 1867, ließ er sich mit seiner Gemahlin Elisabeth, genannt Sisi, eine Wittelsbacherin, in der Matthiaskirche von Budapest zum König von Ungarn krönen.

Für die glanzvolle Zeremonie hatte Franz Liszt, eine Kultfigur des damaligen europäischen Musiklebens, eigens die "Krönungsmesse" komponiert. Der "in seiner Größe fast verwirrende und erdrückende Festact" - so die "Wiener Zeitung" - setzte den glamourösen I-Punkt auf die Schaffung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Formal war diese schon im März des selben Jahres durch den sogenannten Ausgleich zwischen dem österreichischen Kaiserhaus und den ungarischen Aristokraten begründet worden.

Die Essenz der neuen Staatsform, auch Dualismus genannt: Anstatt wie bisher von Wien aus regiert zu werden, erhielt der ungarische Reichsteil weitgehende Selbstständigkeit. Nach den Niederlagen in den Schlachten von Solferino (1859) und Königgrätz (1866) war nämlich das Habsburger-Imperium in eine existenzielle Krise geraten.

Der Herr über Krieg und Frieden

Solferino bedeutete den Verlust des reichen Oberitaliens, während das militärische Desaster gegen Preußen die Verdrängung der Habsburger aus Deutschland nach sich zog - dort sicherte sich nun Preußen die Vorherrschaft. In noch stärkerem Maße als bisher regierte Franz Joseph, der 1848 im Alter von 18 Jahren den Thron bestiegen hatte, über ein zunehmend unruhiger werdendes Vielvölkerreich.

Am unruhigsten waren die Ungarn. 1848/49 ließ der österreichische Kaiser mit russischer Hilfe den Unabhängigkeitskampf der Magyaren blutig niederschlagen. Doch fast 20 Jahre später, als die Lage des Reichs prekär geworden war, suchte Wien die Verständigung mit den ungarischen Eliten. Der Kompromiss, der am Ende erzielt wurde, wertete den ungarischen Reichsteil enorm auf.

Der Kaiser von Österreich herrschte von nun an in Personalunion als König von Ungarn über das Gesamtland. Das Label "k.u.k." - kaiserlich und königlich - war geboren. Lediglich die Finanzen, das Militärwesen und die Außenpolitik blieben als Gemeinschaftsmaterien erhalten. Über alles andere konnte Ungarn auf seinem Gebiet selbst frei entscheiden, mit eigenem Parlament und eigener Regierung. Nicht einmal ein gemeinsames Parlament gab es.

Der gemeinsame Ministerrat bestand aus den Ministerpräsidenten der beiden Reichshälften und den gemeinsamen Ministern für Finanzen, Verteidigung und Äußeres. In diesen Materien behielt sich der Kaiser allerdings das letzte Wort vor - so blieb er für alle weiterhin der Herr über Krieg und Frieden. In Ungarn war der Kompromiss nicht unumstritten.

Ungarn fühlten sich verraten

Einige Führer der Revolution von 1848/49, unter ihnen der exilierte Lajos Kossuth, erblickten darin einen Verrat an den hehren Idealen des Freiheitskampfes. Andere wandelten sich zu Pragmatikern: Ferenc Deak, der Architekt des Ausgleichs auf ungarischer Seite, blieb dem Krönungsakt in der Matthiaskirche dezent fern. Außenminister Gyula Andrassy setzte wiederum Seiner Majestät die historisch bedeutsame Stephanskrone aufs Haupt.

Aus ungarischer Sicht hat der Krönungsakt den Habsburger überhaupt erst als König von Ungarn legitimiert. Heute sind sich die österreichische und die ungarische Geschichtswissenschaft weitgehend darin einig, dass der Ausgleich von 1867 ein für beide Seiten vernünftiger Kompromiss war.

Er "hinterließ weder Sieger noch Besiegte", schrieb der Österreicher Helmut Rumpler in seinem Standardwerk über die österreichische Geschichte von 1804 bis 1914. "Er bot noch einmal die Grundlage für die innere und äußere Konsolidierung des Habsburgerstaates."

Ähnlich sieht das der Ungar Andras Cieger: "Wenn wir die neuzeitliche ungarische Geschichte in ihrer Gesamtheit betrachten, dann war der Dualismus die am längsten bestehende, verfassungsmäßig funktionierende politische Ordnung, die das Land hatte."

Aufschub bis zum 1. Weltkrieg

Gerade Ungarn holte bei der Modernisierung rapide auf. Es war eine Ära, an die man sich als die "Friedenszeit" erinnerte. Dennoch - für etliche schwere Probleme und Widersprüche der Monarchie bedeutete die Konstruktion letztlich nur einen Aufschub: das Weiterwirken des Absolutismus in einer liberaler werdenden Gesellschaft, das Aufkommen des Nationalismus.

Die Gegensätze sollten sich aber erst ein halbes Jahrhundert später im Fanal des Ersten Weltkriegs entladen. An dessen Ende gab es die Habsburgermonarchie - ebenso wie das Deutsche Kaiserreich und das russische Zaren-Imperium - nicht mehr.

Quelle: n-tv.de, Gregor Mayer, dpa