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TV-Duell Merkel und Steinbrück Kein Sieger, ein Verlierer

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Gäste verfolgen das TV-Duell vor der Bundestagswahl zwischen Bundeskanzlerin Merkel (CDU) und dem SPD-Spitzenkandidaten Peer Steinbrück im Fernsehstudio in Berlin-Adlershof.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wer hätte das gedacht? Steinbrück ist auffallend diszipliniert, Merkel manchmal fast bissig: Das TV-Duell liefert viele leidige Politiker-Phrasen, aber auch ein modisches Highlight und einige Überraschungen. Das Duell, der Herausforderer und die Kanzlerin in der n-tv.de Einzelkritik.

Es war das einzige und letzte Duell vor der Bundestagwahl. Drei Wochen vor der Entscheidung am 22. September lieferten sich Angela Merkel und Peer Steinbrück einen verbalen Schlagabtausch. Aber wer hat gewonnen? Die Leser von n-tv.de sehen unmittelbar nach dem Duell ein Patt. Wir haben das Abschneiden von Amtsinhaberin und Herausforderer auf verschiedenen Themenfeldern verglichen.

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Wer hat das TV-Duell gewonnen - Merkel oder Steinbrück?

Syrien/Griechenland

Beim Thema Syrien liegen Steinbrück und Merkel inhaltlich eng beieinander. Eine Beteiligung Deutschlands am Militäreinsatz der USA lehnen sie einstimmig ab. Beide halten ein internationales Mandat für nötig. Merkel will am Rande des G20-Gipfels in St. Petersburg "viele Gespräche führen".

Beim Thema Griechenland herrscht etwas weniger Einigkeit. Merkel lässt sich nicht darauf festlegen, ob es ein drittes oder viertes Rettungspaket gibt. "Keiner weiß, wie sich die Dinge in Griechenland entwickeln. Es kann sein, dass es ein neues Paket gibt. Kein Mensch weiß, wie groß es sein wird." Steinbrück warnt vor der "Konsolidierungskeule". Natürlich müsse es zu einer Konsolidierung der öffentlichen Haushalte kommen, "aber bitte nicht in einer tödlichen Dosis". Merkel erinnert den Kandidaten daran, dass die SPD allen Rettungspaketen zugestimmt hat. Blöd für die Genossen: Ausgerechnet bei den zwei derzeit wohl brisantesten Themen kann der Wähler kaum Unterschiede erkennen. Für Wechselstimmung sorgt das nicht.

Pkw-Maut

Wie beim Thema Griechenland vermeidet Merkel zunächst auch bei der Pkw-Maut eine klare Ansage. Doch die Moderatoren und Steinbrück haken immer wieder nach. Schließlich gibt die Kanzlerin nach. "Mit mir wird es eine Maut für Autofahrer im Inland nicht geben." Kleiner Punktsieg für den Kanzlerkandidaten. Der legt süffisant nach: "Dem stimme ich ausdrücklich zu und sende schöne Grüße nach München zu Herrn Seehofer." Für Merkel könnte das Folgen haben: CSU-Chef Horst Seehofer dürfte ihr Versprechen nicht gern gehört haben.

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Hätte, hätte, Deutschlandkette ...

(Foto: picture alliance / dpa)

Überraschungsmomente

Beide, Steinbrück und Merkel, setzen auf bewährte Kost und leidige Phrasen. Inhaltlich hört man wenig Neues. Über weite Strecken plätschert das Rededuell vor sich hin. Für die Höhepunkte sorgen daher Banalitäten. Um 20.34 Uhr nimmt die Kanzlerin erstmals in diesem Wahlkampf den Namen ihres Herausforderers in den Mund. Ob sie Mitleid mit ihm habe? "Nein, das hat Peer Steinbrück auch gar nicht nötig." Dazu punktet Merkel mit einem modischen Coup. Ihre schwarz-rot-goldene Halskette sorgt vor allem im Internet für viel Aufmerksamkeit. Während des 90-minütigen Duells sammelt der Twitter-Account @schlandkette Tausende Follower. Von Steinbrücks Slogan "Hätte, hätte, Fahrradkette" spricht jetzt wohl niemand mehr. Ein echter Treffer ist das nicht, aber es sagt viel über den Wahlkampf aus.

Angriffslust

Beide überraschen in dieser Kategorie. Merkel ist bissiger als gewohnt. Sie gerät mehrfach unter Druck, doch die Kanzlerin vermittelt den Eindruck: Ich lasse mich hier nicht unterkriegen. Immer wieder hakt sie nach und lässt sich von den vielen Unterbrechungen der Moderatoren nicht beirren.

Als Herausforderer kommt Steinbrück von vornherein die attraktivere Rolle zu. Er darf angreifen, Merkel muss reagieren. Dabei präsentiert sich der 66-Jährige jedoch vorsichtiger als erwartet, er ist höflich, wirkt aber manchmal fast gebremst. Denn er ist sichtlich bemüht, Merkel nicht zu heftig zu attackieren. Sein Vorwurf, die Kanzlerin habe in der NSA-Affäre ihren Amtseid verletzt, ist nicht neu. Sätze, die ihm nach dem Duell um die Ohren fliegen könnten, meidet er erfolgreich. Zu Fragen nach dem Kanzlergehalt weicht er aus. Gut für ihn: Dünnhäutig und gereizt reagiert er nicht. Insgesamt ist das ein Remis. Merkel punktet als überaus toughe und kämpferische Regierungschefin, Steinbrück zeigt: Ich kann Staatsmann.

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Anne Will und Stefan Raab

(Foto: picture alliance / dpa)

Moderatoren

Vier Moderatoren für zwei Protagonisten: War das nötig? Eigentlich nicht, doch die Diplomatie der großen Sender will es so. Bei vier Moderatoren fällt es den Politikern leichter, sich zu entziehen. Das galt in diesem Duell vor allem für die Kanzlerin. Dass sie den Fragen häufig auswich, ließen sich Kloeppel, Will, Illner und Raab nicht gefallen. Immer wieder versuchten sie, Merkel zurück zur Frage zu lotsen. Einmal mit besonders großem Erfolg: beim Thema Pkw-Maut. Die positive Überraschung des Abends ist Raab. Die Diskussionen im Vorfeld führte er ad absurdum. Er legte einen lupenreinen und seriösen Auftritt hin. Dieser Mann kann TV-Duell.

Rhetorik

Das hätte man wohl nicht erwartet: Steinbrück muss um Redezeit kämpfen. Lange liegt die Kanzlerin vorn. Die Moderatoren mussten Merkel immer wieder an das Zeitkonto erinnern. Rhetorisch bietet das Duell sonst keine Überraschungen: Steinbrück ist und bleibt der bessere Redner, er punktet auch mit seinem Humor. Die Kanzlerin verheddert sich verbal einige Male. Da hilft auch das typische Merkel-Lächeln nicht: Den lockereren und souveräneren Eindruck machte der Sozialdemokrat.

Kontraste

Steinbrück will "das sozial Gerechte mit dem ökonomisch Vernünftigen verbinden". Der Bewerber für das Kanzleramt zeichnet das Bild von einem Land, in dem viele Reformen liegen geblieben sind. Dabei versucht er vor allem mit Inhalten zu punkten und verspricht den Wählern unter anderem die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns und die Abschaffung des Betreuungsgeldes. Merkel bekräftigt das Bild von der erfolgreichsten Bundesregierung aller Zeiten. Mit Versprechen hält sie sich wie gewohnt zurück, stattdessen setzt sie auf den Persönlichkeitsjoker. "Sie kennen mich, wir hatten vier gute Jahre in Deutschland", sagt sie in ihrem Abschlussstatement und wünscht noch einen "schönen Abend".

Fazit

Wer soll Deutschland regieren? Eine klare Antwort liefert das Aufeinandertreffen nicht. Bitter ist das Duell vor allem für die SPD. Steinbrück lieferte einen ordentlichen Auftritt und konnte einige Punktgewinne für sich verbuchen, aber einen klaren Sieger gibt es am Ende nicht. Der Verlierer ist daher: der Kanzlerkandidat. Er liegt in den Umfragen so weit zurück, dass er einen deutlichen Sieg gebraucht hätte. Den gab's aber nicht. Für einen spürbaren Auftrieb dürfte der Zweikampf mit Merkel daher wohl kaum sorgen.

Quelle: n-tv.de

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