Politik

Proteste, Aufstände, Kriege Klima ist "ultimativer Gefahren-Multiplikator"

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Die Vereinten Nationen wollen die Erderwärmung im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten auf maximal zwei Grad begrenzen. Ob das gelingt, ist aber noch fraglich.

(Foto: REUTERS)

Überschwemmungen, Dürren, Hungersnöte - dass der Klimawandel verheerende humanitäre Krisen auslösen kann, ist hinlänglich bekannt. Die sicherheitspolitischen Folgen blieben bisher unterbelichtet.

Ab einem gewissen Punkt wird es nicht bei humanitären Krisen bleiben. Kommt es zu besonders verheerenden Schäden durch den Klimawandel, folgen Aufstände, Bürgerkriege, womöglich gar internationale Konflikte. Davon sind die Autoren der Studie "Ein neues Klima für den Frieden" überzeugt. Mehrere Institute haben sie im Auftrag der größten Industrienationen, der G7, erarbeitet und nennen die Erwärmung der Erde den "ultimativen Gefahren-Multiplikator".

"Der Klimawandel wird unsere wirtschaftlichen, sozialen und politischen Systeme belasten", heißt es in der Studie. "Dort, wo Institutionen und Regierungen nicht in der Lage sind, angemessen auf diese Belastungen zu reagieren oder die damit verbundenen Schocks zu absorbieren, wird das Risiko instabiler Staaten und Gesellschaften wachsen."

Die Autoren der Studie machen sieben Risiken für die regionale und globale Stabilität aus.

  • Der regionale Wettstreit um immer knappere Ressourcen, insbesondere Wasser und Nahrungsmittel, befeuert regionale Konflikte.
  • Weil Landstriche verwüstet werden oder es keine Lebensmittel mehr gibt, werden sich einige Menschen nur noch durch illegale Machenschaften ein Leben gestalten können. Vor allem kommt es aber zu Flüchtlingsströmen.
  • Heftigere und häufigere Naturkatastrophen überfordern Regierungen.
  • Nahrungsmittelknappheit und zusammenbrechende Märkte lösen Proteste, Aufstände oder gar Bürgerkriege aus.
  • Wasservorkommen, von denen mehrere Staaten zehren, führen zu länderübergreifenden Rivalitäten.
  • Steigende Wasserspiegel gefährden die Überlebensfähigkeit von Staaten in niedrigen geografischen Lagen. Unter anderem Streitigkeiten über Seegrenzen sind die Folge.
  • Klimaschutzprogramme eines Staates haben negative Auswirkungen auf die Entwicklung anderer Staaten und befeuern so die politische Instabilität.

Laut der Studie sind zunächst Staaten von derartigen Prozessen betroffen, die ohnehin fragil sind. "Belastbare Staaten haben konstruktive Beziehungen zu ihren Bürgern, sie stellen ihnen funktionierende Institutionen und Dienstleistungen bereit." Sie können klimabedingte Schocks ausgleichen. "Fragile Situationen entstehen, wenn Regierungen grundlegende Funktionen für ihre Bürger nicht mehr erfüllen und keine konstruktive Beziehung zu ihren Bürgern haben." Die Autoren gehen allerdings auch davon aus, dass die Fähigkeiten stabiler Staaten ab einem gewissen Punkt an ihre Grenzen stoßen. Dann drohe eine "Abwärtsspirale", die in die Instabilität führt.

Zwei-Grad-Ziel ist in Gefahr

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte auf einem Treffen der G7 in Lübeck: "Deshalb brauchen wir eine neue Kultur der Zusammenarbeit." Die Denkfabriken, Nichtregierungsorganisationen und Forschungseinrichtungen, die sich an der Studie beteiligt haben, schlagen eine Reihe an Maßnahmen vor, um sich auf die sicherheitspolitischen Risiken des Klimawandels einzustellen. Die führenden Industrie-Nationen sollen dabei eine Schlüsselrolle einnehmen und eine Taskforce bilden, die in der Welt ein größeres Bewusstsein für diese Gefahren schaffen soll.

Analysen der Klimafolgen und damit verbundene Maßnahmen müssen der Autoren zufolge künftig auch sicherheitspolitische Faktoren berücksichtigen und sollten stets grenzüberschreitende Auswirkungen im Blick haben. Eines ist für die Autoren der Studie allerdings klar: "Diese Empfehlungen werden nur dann wirkungsvoll sein, wenn sie mit starken Maßnahmen zur Reduktion des Treibhausgasausstoßes einhergehen."

Ob sich die Welt dabei auf einen gemeinsamen Weg einigen kann, ist noch ungewiss. Die Vereinten Nationen wollen auf ihrem Klimagipfel in Paris Ende des Jahres ein verbindliches Abkommen zum Ausstoß klimaschädlicher Gase beschließen. Das soll sicherstellen, dass sich die Welt um maximal zwei Grad Celsius im Vergleich zu vorindustriellen Zeiten erwärmt. Jenseits dieses Wertes erwarten Wissenschaftler unkontrollierbare Folgen für Mensch und Natur. Beides, der Abschluss eines verbindlichen Klimaabkommens und die Einhaltung des Zwei-Grad-Ziel, gelten aber als kaum noch erreichbar.

Quelle: ntv.de