Politik

Angst vor blinden Passagieren Lkw-Fahrer verweigern Eurotunnel-Fahrt

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Ein französischer Polizist passt auf die Lastwagen-Schlange bei Calais auf.

(Foto: REUTERS)

Hunderte Flüchtlinge versuchen, heimlich auf Lastwagen nach Großbritannien zu kommen. Immer mehr Fahrer weigern sich daher, durch den Eurotunnel zu fahren, sagt ein Logistik-Verband. Spediteure fühlen sich mit dem Problem allein gelassen.

Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) warnt eindringlich vor der Flüchtlingssituation auf der französischen Seite des Eurotunnels am Ärmelkanal. Lkw-Fahrer hätten dort "Angst um Leib und Leben", sagte der stellvertretende BGL-Hauptgeschäftsführer Adolf Zobel. Fahrer deutscher Speditionen würden sich zunehmend weigern, Güter durch den Tunnel nach Großbritannien zu transportieren.

Grund dafür sei die zunehmende Zahl an Flüchtlingen, die versuchten, als blinde Passagiere auf den Ladeflächen der Lkw nach Großbritannien zu gelangen. Ganze Gruppen verzweifelter Menschen versuchten einzelne Lkw "regelrecht zu entern", warnte der BGL bereits Mitte Mai. Um in die wartenden Lkw einzudringen, würden Schlösser und Plomben der Lkw aufgebrochen und die Ladung teilweise aus den Lastern herausgeworfen. Die Laster werden auf Frachtzügen durch den Tunnel transportiert.

"Wie Schlepper behandelt"

Die Situation vor dem Tunnel habe sich noch verschlimmert, sagte Zobel. Die Spediteure fühlten sich im Stich gelassen, weil die französische Polizei kaum etwas unternehme. Von den britischen Behörden werden Fahrer laut dem BGL wie Schlepper behandelt, wenn Flüchtlinge auf ihren Lkw gefunden werden. Die Fahrer müssten den Behörden nachweisen, alle Maßnahmen getroffen zu haben, um das Eindringen von Flüchtlingen zu verhindern.

Aus dem Auswärtigen Amt hieß es, das Thema sei "auf verschiedenen Ebenen gegenüber Frankreich und Großbritannien" angesprochen worden. Zudem habe Frankreich darüber informiert, dass unter anderem eine "Sonderspur zur schnelleren Abwicklung des Lkw-Verkehrs" eingerichtet worden sei, um die Situation zu entspannen.

Allein in der Nacht zum Mittwoch gab es laut der Betreibergesellschaft Eurotunnel 1500 Versuche von Flüchtlingen, über den Tunnel nach Großbritannien zu gelangen. Dabei starb ein Flüchtling, als er von einem Lastwagen überfahren wurde, der von einem Güterzug herunterfuhr. Es war bereits der neunte Todesfall auf der französischen Seite des Ärmelkanals seit Anfang Juni.

Mehr Polizisten im Einsatz

Frankreich und Großbritannien wollen die Sicherheitsmaßnahmen vor Ort verschärfen. Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve kündigte die Entsendung von zusätzlichen 120 Polizisten in die Hafenstadt Calais an, in deren Nähe der Tunnel beginnt.

Die britische Innenministerin Theresa May sagte in London, für ihre Regierung sei es "vorrangig", die Sicherheitsmaßnahmen auf der französischen Seite des Tunnels zu verstärken. "Wir wollen sichergehen, dass niemand versucht, den Tunnel zu durchqueren", sagte sie nach einer Dringlichkeitssitzung der Regierung zu der Flüchtlingskrise.

Bereits am Dienstag hatte May bei einem Treffen mit Cazeneuve in London angekündigt, dass Großbritannien weitere zehn Millionen Euro für Absperrmaßnahmen auf der französischen Seite des Eurotunnels bereitstellen werde.

Quelle: n-tv.de, hul/AFP

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