Politik

Ermittlungen zu NSU-Verbrechen Mafia-Hintergrund vermutet

DI30037-20120825.jpg1559391040481407481.jpg

Neonazis um Uwe Boehnhardt (graue Jacke, 4.v.l.) und Uwe Mundlos (r.): Ermittler schließen rechtsradikalen Hintergrund lange aus.

(Foto: dapd)

Jahrelang tappt die Kripo bei der Suche nach den Mördern von türkisch- und griechischstämmigen Kleinunternehmern im Dunkeln. Statt eines rechtsextremen Hintergrunds vermuteten manche dunkle Geschäfte der Opfer. Sogar über Mafia-Verwicklungen wird spekuliert. Derweil sieht sich Thürigens Innenminister Geibert mit Rücktrittsforderungen konfrontiert.

Nach den Morden an neun Kleinunternehmern türkischer und griechischer Herkunft ist die Kripo jahrelang davon ausgegangen, dass die Opfer Verbindungen zu einer mafiaartigen Organisation aus Süd- oder Osteuropa hatten. Das geht aus Ermittlungsunterlagen des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg hervor. Möglicherweise seien die Opfer getötet worden, weil sie einen "Ehrenkodex" der Tätergruppe verletzt hätten oder sich aus laufenden Geschäften hätten zurückziehen wollen, heißt es dort.

Dass die Mörder aus dem rechtsextremistischen Spektrum stammten, schlossen die Ermittler den Unterlagen zufolge weitgehend aus. Inzwischen machen die Sicherheitsbehörden die rechtsextreme Gruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) für die Verbrechen verantwortlich.

Nürnberger Soko heißt "Bosporus"

In einer "Fallanalyse" eines baden-württembergischen LKA-Beamten von Ende Januar 2007 für die Nürnberger Soko "Bosporus" heißt es: "Alle neun Opfer hatten Kontakte zu einer Gruppierung, die ihren Lebensunterhalt mit kriminellen Aktivitäten bestreitet und innerhalb derer zudem ein rigider Ehrenkodex bzw. ein rigides inneres Gesetz besteht". Weiter heißt es: "Im Laufe der "Zusammenarbeit" begingen die Opfer vermutlich einen Fehler, der für die Opfer hinsichtlich seiner Bedeutung nicht erkennbar war". Die Täter hätten daraufhin wohl Todesurteile gefällt und vollstreckt.

In der "Fallanalyse" wird aber auch nicht ausgeschlossen, dass es zwischen den späteren Opfern und der mafiaartigen Gruppierung zu finanziellen oder geschäftlichen Konflikten gekommen ist. "Möglicherweise wollten sich die Opfer wieder aus einem angelaufenen Geschäft zurückziehen, möglicherweise legten die Opfer Verhaltensweisen an den Tag, durch welche sich die Täterseite bedroht oder anderweitig provoziert sah."

Seltsame Auffassung beim LKA

Der Fallanalytiker beim LKA Baden-Württemberg ging auch aufgrund der Brutalität der Morde davon aus, dass der Täterkreis nicht aus Deutschland stammt. "Vor dem Hintergrund, dass die Tötung von Menschen in unserem Kulturraum mit einem hohen Tabu belegt ist, ist abzuleiten, dass der Täter hinsichtlich seines Verhaltenssystems weit außerhalb des hiesigen Normen- und Wertesystems verortet ist". Möglich sei auch, dass der Täter Kriegserfahrungen hatte, hieß es.

Mit Empörung reagierte am Wochenende der Berliner Anwalt Mehmet Daimagüler, der zwei Opferfamilien vertritt, auf den Inhalt der Ermittlungsakten. Die LKA-Analyse offenbare ein "rassistisches Gedankengut, das bei den Beamten zu einem extremen Tunnelblick und einseitigen Ermittlungen bei der Suche nach den Mördern der Getöteten geführt hat".

Nach der neuen Aktenlage gegen die Neonazi-Terrorzelle NSU sieht sich Thüringens Innenminister Jörg Geibert (CDU) mit Rücktrittsforderungen des Koalitionspartners SPD konfrontiert. Die Vorsitzende des zuständigen Landtags-Untersuchungsausschusses, Dorothea Marx (SPD), sagte: "Wir können es uns nicht leisten, Informationen immer nur nachgeliefert zu bekommen." Geibert verspreche immer wieder Aufklärung und dann passiere nichts. "Es ist an der Zeit, dass Geibert seinen Stuhl räumt." Das Innenministerium war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

Die Sichtung von Akten hatte einen Thüringer Polizisten in Verdacht gebracht, Ende der 90er-Jahre  Unterstützte ein Polizist die NSU? zu haben. Der Thüringer Untersuchungsausschuss versucht schon seit Monaten zu ergründen, ob und wo es undichte Stellen bei den Behörden gegeben haben könnte.

Auf das Konto der Zwickauer Terrorzelle soll neben den tödlichen Schüssen auf die neun Kleinunternehmer auch die Tötung einer deutschen Polizistin gehen. Seitdem sind die Sicherheitsbehörden massiven Vorwürfen ausgesetzt. Auch mehrere Untersuchungsausschüsse auf Bundes- und Länderebene beschäftigen sich seit Monaten mit möglichen Ermittlungspannen bei der Suche nach den Tätern.

Quelle: n-tv.de, dpa

Mehr zum Thema