Politik
Einst war die irakische Luftwaffe die größte des Nahen Ostens. Doch diese Zeiten sind lange vorbei.
Einst war die irakische Luftwaffe die größte des Nahen Ostens. Doch diese Zeiten sind lange vorbei.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 05. August 2014

Iraks Luftwaffe ist "gefährlich": Malikis Rumpel-Airforce

Von Issio Ehrich

Iraks Ministerpräsident Maliki will die Kämpfer des "Islamischen Staats" mit seiner Luftwaffe schwächen. Doch bei einem genauen Blick auf die Iraqi Airforce kann von Luftwaffe kaum die Rede sein. "Gefahr für die Zivilbevölkerung" ist wohl die treffendere Bezeichnung.

Wenn, wenn, wenn… Es ist Ende Juni, Iraks Ministerpräsident Nuri al-Maliki führt sein erstes Interview mit einem internationalen Medium, seit die Radikalen der Rebellengruppe "Islamischer Staat" (IS) große Teile seines Landes überrannt haben. "Wenn", sagt er also der BBC, "wenn wir Luftunterstützung gehabt hätten, wäre all das nicht passiert."

Davon kann Bagdad nur träumen: moderne F18-Kampfjets, hier im Einsatz auf einem Flugzeugträger der USA.
Davon kann Bagdad nur träumen: moderne F18-Kampfjets, hier im Einsatz auf einem Flugzeugträger der USA.(Foto: REUTERS)

Doch der Irak verfügt über keine effektive Luftwaffe. Malikis Wunschdenken allerdings, dass er bei der BBC zur Schau trug, muss ihn mittlerweile übermannt haben. Denn jetzt lässt er verkünden, dass die Iraqi Airforce die Offensiven der kurdischen Pschmerga-Kämpfer gegen IS-Kräfte unterstützen werde. Das kann nur ein Bluff sein. Oder ein Himmelfahrtskommando.

Die irakische Luftwaffe hat eine durchaus lange Tradition: 1931 aus der Royal Airforce im "Britischen Mandat Mesopotamien" hervorgegangen, beteiligte sie sich an etlichen Schlachten. Der arabisch-israelische Krieg 1948 ist ein Beispiel. Bis Ende der 1980er Jahre wuchs sie stetig an, verfügte in ihren stärksten Tagen über mehr als 900 Kampfflugzeuge, darunter russische Migs und Suchois, aber auch französische Mirages. Die Iraqi Airforce war damals die größte Luftstreitkraft des Nahen Ostens. Doch an jene ruhmvollen Tage ist nur die Erinnerung geblieben.

Nach dem ersten und zweiten Golfkrieg und der US-Invasion 2003 kann von einer Streitkraft kaum noch die Rede sein. Als IS seine Offensive im Irak begann, verfügte die Iraqi Airforce über drei Kampfflugzeuge. Wobei Kampfflugzeug unter heutigen Maßstäben durchaus ein Euphemismus ist. Nach Angaben des rüstungsindustrienahen Informationsportals Flight Global handelt es sich dabei um Cessna AC-208, Propeller-Maschinen, die Bagdad mit amerikanischen Hellfire-Raketen bestückt hat. Hinzu kommen rund 100 Kampfhubschrauber. Doch auch die sind alles andere als State of the Art. Zur Flotte gehören rund 30 Bell 407 Hubschrauber, die wie die Cessnas ursprünglich für den zivilen Markt produziert wurden. Und 40 Stück Mil Mi-8, ein klobiges russisches Ungetüm, das 1964 in Serienproduktion ging.

Propeller statt Düsen

Unter einigen Militärexperten kursiert die These, dass man IS auch mit Propellermaschinen schwächen könnte. Bisher ist das dem Irak allerdings nicht gelungen.
Unter einigen Militärexperten kursiert die These, dass man IS auch mit Propellermaschinen schwächen könnte. Bisher ist das dem Irak allerdings nicht gelungen.(Foto: REUTERS)

Über Kampfjets, also bewaffnete Flugzeuge mit Strahltriebwerken, verfügte der Irak mehrere Jahre lang überhaupt nicht. Erst Ende Juni erhielt Bagdad eine erste Lieferung von zwölf russischen Suchoi SU-25. Die 30 Jahre alten Maschinen sind zwar wartungsarm, aber alles andere als Präzisionswaffen. Doch sie sind alles, was der Irak auf die Schnelle bekommen konnte. Zwar bestellte Bagdad schon 2010 und 2011 mehr als 30 F16-Kampfjets in den USA. Mit einer Lieferung ist allerdings erst im Herbst zu rechnen. Washington hielt sich lange zurück, die Iraqi Airforce wieder aufzurüsten.

Als sehr wahrscheinlich gilt, dass die Iraqi Airforce deshalb verstärkt auch um Maschinen aus dem Iran werben wird. Im zweiten Golfkrieg flüchteten dutzende irakische Piloten mit ihren Migs und Suchois in die islamische Republik. Die insgesamt rund 100 Maschinen blieben bis heute dort. Da auch Teheran besorgt ist wegen der Eroberungen von IS, rechnen Experten damit, dass sie die Jets jetzt zurückgeben.

Doch selbst das dürfte die Schlagkraft der irakischen Luftwaffe kaum erhöhen. Erstens sind auch diese Maschinen ziemlich betagt, etliche ohne grundlegende Wartung nicht einmal flugbereit. Zweitens sind viele der Piloten, die die Migs und Suchois einst außer Landes brachten, heute zu alt für den Einsatz. Und Nachwuchs ist rar. Wo sollte er auch herkommen, wenn es keine Trainingsflugzeuge gibt? Hoffnung besteht deshalb wohl nur, wenn der Iran auch gleich ein paar Piloten mitschickt. Ob es dazu kommt? Ungewiss.

Bis die USA ihre F16-Jäger liefern, bleibt die Iraqi Airforce wohl eine Rumpelstreitkraft. Ob sie IS gefährlich werden kann, ist unter Experten umstritten. Als sicher gilt allerdings, dass sie eine Gefahr für Zivilisten darstellt. Ein Militärexperte, der in die Flugzeugdeals eingeweiht ist, warnte in der "Washington Post" schon vor einigen Wochen davor, dass ungeübte Piloten in veralteten Maschinen große Schäden in der Bevölkerung anrichten könnten. Wie ein Beleg wirken Berichte über Kampfhandlungen in den vergangenen Wochen. Bei den Versuchen von Luftangriffen auf IS-Kämpfer töteten Regierungseinheiten angeblich wiederholt Zivilisten und zuletzt auch Peschmerga-Kämpfer - die Kräfte, die sie eigentlich unterstützen wollten.

Das große Paradox an Malikis Möchtegern-Mobilisierung ist: Letztlich sind längst starke Einheiten in der Luft über dem Irak im Einsatz. Einheiten, die die IS-Kämpfer mit so präzisen Schlägen treffen könnten, wie es derzeit technisch wohl möglich ist. Nach Angaben von US-Behörden fliegen US-Flugkörper tagtäglich 30 bis 35 Überwachungsmissionen über dem Irak. Bei den Maschinen handelt es sich vermutlich vor allem um Drohnen des Typs Predator und Reaper. Der Pressesprecher des Pentagon, John Kirby, räumte unlängst ein, dass einige von ihnen bewaffnet sind. Doch sie greifen nicht ein: US-Präsident Barack Obama hat sich bisher nicht dazu durchringen können, die Islamisten direkt zu attackieren. Offiziell haben die Vereinigten Staaten den Kampfeinsatz im Irak schließlich längst beendet.

Datenschutz

Quelle: n-tv.de