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Anstieg der Zwischenfälle im Bundeswehr-Bereich Mehr Anschläge im Norden Afghanistans

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(Foto: picture alliance / dpa)

Der Bundeswehr-Kampfeinsatz in Nordafghanistan neigt sich dem Ende zu. Ein Ende der Gewalt der Taliban ist aber nicht absehbar. Im Gegenteil: Anschläge und Angriffe nehmen zu - laut Einsatzleitung ist das auch ein Ergebnis der "Stabilisierungsbemühungen".

Die Gewalt im nordafghanischen Verantwortungsbereich der Bundeswehr hat dramatisch zugenommen. Im vergangenen Jahr wurden dort bis November 1660 "sicherheitsrelevante Zwischenfälle" erfasst und damit bereits 35 Prozent mehr als im gesamten Vorjahr mit 1228. Das geht aus Zahlen des Einsatzführungskommando der Bundeswehr hervor.

Die Statistik der internationalen Schutztruppe Isaf zeichnet sogar ein noch düstereres Bild. Danach ist die Zahl der "feindlichen Angriffe" in Nordafghanistan im ersten Halbjahr 2013 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 99 Prozent und in den zweiten sechs Monaten um 26 Prozent gestiegen.

Für das Einsatzführungskommando heißt das nicht, dass die Lage gefährlicher ist als zuvor. Die Zunahme habe unter anderem mit dem "sehr hohen Operationstempo" der afghanischen Armee und Polizei im Kampf gegen die Aufständischen zu tun. "Dies führt auch zu einem Anstieg der damit einhergehenden sicherheitsrelevanten Zwischenfälle und ist eine Folge von Stabilisierungsbemühungen", erklärte ein Sprecher.

"Schwerpunkte im Süden und Osten"

"Dieses kann nicht automatisch mit einer Verschlechterung der Sicherheitslage gleichgesetzt werden." Auch das Auswärtige Amt wiegelte ab. Es erklärte, die Sicherheitslage sei im Norden des Landes weiterhin weniger angespannt als in anderen Landesteilen. "Schwerpunkte der Kämpfe liegen im Süden und Osten des Landes."

Auch die Isaf erklärte dazu, trotz der überdurchschnittlichen Zunahme der Gewalt im Norden sei die Zahl der Zwischenfälle verglichen mit dem Rest des Landes immer noch "sehr niedrig". Absolute Zahlen wollte die Schutztruppe - ebenfalls mit Hinweis auf die Unzuverlässigkeit der afghanischen Angaben - nicht veröffentlichen. Die operativen Meldungen seien jedoch ausreichend genau, "um Trends zu identifizieren".

Die Bundeswehr hatte noch in der vergangenen Woche mitgeteilt, keine Statistik der Taliban-Angriffe in Nordafghanistan mehr veröffentlichen zu wollen. Das Einsatzführungskommando begründete den Schritt mit ungenauen und verzögerten Angaben der afghanischen Sicherheitskräfte. Erst nachdem das Isaf-Hauptquartier in Kabul seine Zahlen auf dpa-Anfrage veröffentlichte, gab auch die Bundeswehr ihre Statistik heraus. Sie verwies aber darauf, dass sie "deutlich eingeschränkt belastbar" sei.

Sprengstoffanschläge, Taliban-Angriffe

Im ersten Halbjahr 2013 nahm die Zahl der Taliban-Angriffe laut Einsatzführungskommando um 80 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu. Im zweiten Halbjahr schwächte sich der Anstieg zwar ab. Bis November wurde aber bereits ein Plus von acht Prozent verzeichnet.

Zu den "sicherheitsrelevanten Zwischenfällen" zählen beispielsweise Sprengstoffanschläge, Taliban-Angriffe auf Patrouillen mit Handfeuerwaffen, aber auch Gewalttaten, die nicht eindeutig den Aufständischen zuzuordnen sind. Die Isaf-Statistik der "feindlichen Angriffe" deckt sich daher nicht ganz mit den deutschen Zahlen. Der Trend geht aber in dieselbe Richtung.

Der dramatische Anstieg der Gewalttaten im Norden Afghanistans weicht deutlich von der Entwicklung im gesamten Land ab. Dort zählte das Isaf-Hauptquartier in den ersten sechs Monaten 2013 ein Plus von vier Prozent und im zweiten Halbjahr sogar ein Minus von sieben Prozent.

Bundesregierung hat Arbeitsgruppe gegründet

Auch das afghanische Innen- und das Verteidigungsministerium veröffentlichen seit längerem keine Gesamtzahlen über getötete Sicherheitskräfte mehr. Zuletzt hatte das Innenministerium die Zahl der getöteten Polizisten für das am 31. März 2013 abgelaufene afghanische Kalenderjahr mit 1800 angegeben. Das Verteidigungsministerium teilte mit, im vergangenen Jahr sei die Zahl der getöteten Soldaten angestiegen. Ein Ministeriumssprecher sagte, konkrete Zahlen lägen ihm nicht vor

Die Bundesregierung sieht die Angriffe und Anschläge nur als ein Kriterium für die Bewertung der Sicherheitslage in Afghanistan. Eine Arbeitsgruppe der fünf zuständigen Ministerien hat im vergangenen Jahr in neunmonatiger Arbeit einen Katalog mit mehreren weiteren Faktoren erarbeitet.

Dazu zählen die Bedrohung durch die Taliban, der Schutz durch afghanische Sicherheitskräfte, die Wahrnehmung der Bevölkerung, Einfluss und Wirkung der afghanischen Regierung, politischer Institutionen und regionaler Machthaber, soziale und wirtschaftliche Faktoren sowie "externe Einflüsse". Im nächsten Fortschrittsbericht zur Lage in Afghanistan, der im Februar erwartet wird, soll die Sicherheitslage erstmals auf dieser Grundlage bewertet werden.

Weniger ausländische Gefallene

Der Isaf-Kampfeinsatz läuft Ende des Jahres aus, die Zahl der internationalen Soldaten nimmt seit längerem ab. Die Angriffe der Taliban richten sich verstärkt gegen afghanische Soldaten und Polizisten. Entsprechend sinkt die Zahl der ausländischen Gefallenen.

Nach der Zählung des unabhängigen Internetdienstes icasualties.org wurden im vergangenen Jahr 117 ausländische Soldaten bei Anschlägen und Angriffen in Afghanistan getötet. Das ist der niedrigste Wert seit 2005. Im verlustreichsten Jahr 2010 hatten die internationalen Truppen mehr als 630 Gefallene zu beklagen.

Nach dem Ende der Isaf-Mission plant die Nato einen kleineren Nachfolgeeinsatz namens "Resolute Support" zur Ausbildung und Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte. Die Bundeswehr will sich daran mit bis zu 800 Soldaten beteiligen.

Quelle: n-tv.de, vpe/dpa

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