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Impfkurve zeigt Abwärtstrend Millionen US-Bürger schwänzen zweite Impfung

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90 Millionen US-Bürger haben bereits den vollständigen Impfschutz.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Beim Impfen machen die USA Tempo, doch nun wird bekannt, dass viele Zweittermine verfallen. Das kann für die Geimpften riskant sein, aber hilft es dem Virus sogar zu mutieren? Und wie gut haben die Deutschen ihre Zweitimpfung im Blick?

Die USA verlieren ihren Ruf als Turbo-Impfer. Die amerikanische Impfkampagne gerät ins Stocken, und das inzwischen auch bei den Zweitimpfungen. Bis Anfang April zeigte die Kurve der verabreichten Injektionen stetig nach oben, lag zuletzt bei einem stattlichen Wochen-Durchschnittswert von über drei Millionen Piksen pro Tag. Mit Notfallzulassung im Dezember und anschließend viel Pragmatismus und Tempo erreichten die USA bereits eine vollständige Immunisierung von 90 Millionen US-Bürgern. Doch nun fällt die Impfkurve ab, in der vergangenen Woche gleich um elf Prozent verglichen mit den sieben Tagen zuvor.

Nicht nur der noch ungeimpfte Teil der knapp 330 Millionen starken US-Bevölkerung ist eine Herausforderung. Sorgen macht der Gesundheitsbehörde CDC auch die stetig wachsende Gruppe von Menschen, die sich eine erste Impfdosis in den Arm jagen lassen, aber nicht die zweite. Vermehrt lassen in jüngster Zeit Bürgerinnen und Bürger, die ursprünglich impfwillig waren, ihren Termin zur Komplettierung des Covid-Schutzes sausen.

Im Februar belief sich der Anteil derer, die eine vorgesehene zweite Impfung versäumt hatten, auf etwa drei Prozent. Die neuesten Zahlen der CDC, die sich auf März beziehen, so berichtet die "New York Times", liegen bei acht Prozent - fünf Millionen Menschen. In Interviews geben manche von ihnen an, sie seien jetzt doch besorgt wegen möglicher Nebenwirkungen. Beim Wirkstoff von Biontech/Pfizer etwa gilt die erste Impfung als sehr gut verträglich, die zweite, so warnen Impfärzte ihre Patienten, kann vor allem am Folgetag Probleme machen.

Die zweite Dosis verschärft die Impfantwort

Manche ausgefallene Zweitimpfung kam durch Lieferprobleme zustande, Immunisierungstermine mussten vonseiten der Mediziner abgesagt werden, wenn nicht genug Impfdosen vorhanden waren. Ein weiterer Grund, warum Erstgeimpfte nicht zur Zweitimpfung gehen, ist das Gefühl, doch bereits ausreichend geschützt zu sein. Ein Trugschluss aus Sicht von Peter Kern, Direktor der Klinik für Immunologie am Klinikum in Fulda.

Denn die zweite Dosis macht den Impfschutz nicht nur dauerhafter, sondern hat eine weitere wichtige Funktion: "Sie verschärft die Impfantwort des Körpers, macht sie präziser", sagt der Mediziner ntv.de. "Unsere Immunantwort reift über die Zeit, und um diese Reifung vollziehen zu können, muss es erneute Kontakte mit dem Antigen geben. Der Immunschutz wird also durch die zweite Impfung auch qualitativ besser."

Mehrere US-Bundesstaaten nehmen die Zweittermin-Schwänzer nun gezielt ins Visier: Arkansas und Illinois haben Behörden-Teams extra dafür abgestellt, Säumige per Mail, Telefon oder Brief zu kontaktieren und sie an ihren Folgetermin zu erinnern. South Carolina hat mehrere tausend Dosen reserviert speziell für solche Bürger, bei denen die Frist zur Zweitimpfung abgelaufen ist.

Und wie sieht es in Deutschland aus? Dem bayerischen Gesundheitsministerium liegen "bislang keine Meldungen von den verantwortlichen Stellen vor", die auf ein vermehrtes Versäumen der Zweitimpfung hindeuten würden, teilt es auf Anfrage von ntv.de mit. "Nein, derartige Probleme sind uns für Rheinland-Pfalz nicht bekannt", heißt es auch von den Kollegen aus Mainz. In Rheinland-Pfalz macht die Zahl der Zweitimpfungen ein Viertel der gesamten Immunisierungen aus. Ein hoher Wert, da der zweite Piks bei Astrazeneca ja erst nach drei Monaten fällig wird.

Verbreiten sich Mutanten nach Erstimpfung besser?

Auch im übrigen Land scheint das Problem noch nicht aufzutreten, allerdings könnte die hohe Impfdisziplin bislang auch dadurch zustande kommen, dass die deutsche Impfkampagne - anders als in den USA - noch in der Anfangsphase steckt, in der sich vor allem jene um einen Termin bemühen, die vom Sinn und Zweck der Immunisierung von sich aus überzeugt sind. In den US-Staaten hat das Gros der Impfbefürworter mindestens seine Erstdosis bereits erhalten. Dort ist die Herausforderung der nächsten Wochen, diejenigen zu überzeugen, die Zweifel haben. Und: Diejenigen, die man von der ersten Impfung überzeugt hat, für den zweiten Termin bei der Stange zu halten.

Denn neben der Sorge um den Impfschutz für den einzelnen Menschen ist die Impfquote auch noch entscheidend für die Frage, ob und wie schnell ein Land Herdenimmunität erreicht. Bei einem zu großen Anteil Erstgeimpfter in der Bevölkerung, die nicht komplett geschützt sind, könnte sich leichter eine Mutante Bahn brechen, die gegen den Impfstoff immun ist, so eine Befürchtung, die in den USA geäußert wird.

Immunologe Kern hat da weniger Bedenken. "Für das Virus ist ein Körper schon nach der ersten Impfung als Wirt ungünstig, aber noch bewohnbar", so Kern. Diese Hürde erzeuge aber noch keinen großen Mutationsdruck, da sie ja noch überwindbar sei. Entscheidend sei das gesamte Impftempo. "Wenn nach kompletter Impfung weniger potenzielle Wirte verfügbar sind, steigt für das Virus der Druck, sich zu verändern, eine Variante zu erfinden, die unter den ungünstiger gewordenen Bedingungen immer noch neue Wirte finden kann." Dadurch entstehe ein Wettlauf zwischen Impfung und Mutation.

"Entscheidend ist, dass wir das Virus so in die Enge treiben und austrocknen, dass es ihm nicht mehr gelingt, gefährlichere Mutationen zu verbreiten", so der Mediziner. Die verbesserte Qualität der Impfantwort nach der zweiten Injektion verschließe den Ausbreitungsraum, so dass der erhöhte Mutationsdruck in diesem Wettlauf wahrscheinlich nicht mehr ausschlaggebend sei. "Für den Schutz des Geimpften, gerade auch vor Mutationen, ist die zweite Dosis sehr wichtig."

Quelle: ntv.de

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