Politik

Euro-Einführung Missverständnisse beim Einkauf

Wo immer in Deutschland eine Kaufhaus-, Kneipen- oder Kioskkasse in der Nähe ist, stecken die Menschen seit zwei Wochen ihre Köpfe zusammen. Zuerst blicken sie verwirrt auf die glitzernden Häufchen im Geldbeutel. Dann zu Umstehenden, um mit den oft völlig Fremden in seltener Vertrautheit über Beträge und Preise zu beratschlagen.

Die Unsicherheit nach dem Währungswechsel hat aus den früher in der Öffentlichkeit zumeist eher stillen Deutschen von einem Tag auf den anderen ein recht kommunikatives Volk gemacht. Zwar sind sich Sprachexperten auch über die Zukunft von Geldbegriffen wie Cent, Millionäre, Heiermann, Fuffi oder Groschen noch im Unklaren. Doch zunächst muss eine ganze Gesellschaft noch viel grundsätzlicher über Geld reden.

Die Menschen haben das natürliche Körpergefühl für ihr Geld verloren, sagt Jo Reichertz, Vorstandsmitglied der Sektion Wissenssoziologie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Was kostet ein Pfund Butter? Stehen 1,70 Euro beim Kopfsalat für Bio- oder Normalqualität? Ist das 1,40-Euro-Ticket im Bus Kurzstrecke oder Volltarif? Und was haben die Hamburger Verkehrsbetriebe dabei draufgeschlagen, wenn es vorher 2,70 Mark machte? Und was ist mit dem Weizenbier, für das man in der Stuttgarter Stammkneipe nicht mehr - teuer genug - 6 Mark, sondern völlig neue 3,30 Euro berappen muss?

Nicht erst nach dem vierten Glas sind das unlösbare Fragen, wenn vorne die Kassierin und hinten ein anderer Kunde drängt. Doch anders als sonst hat jeder Verständnis - ja sogar das Bedürfnis, sich einzuschalten. Nach Einschätzung von Reichertz dauert es noch mindestens zwei Monate, bis man allseits mit Hilfe endloser Gespräche in jeder denkbaren Alltagssituation allmählich mit der neuen Währung warm geworden ist. Der Euro ist eine scharfe Kante im Sinnuniversum der Menschen, sagt der Essener Universitätsprofessor, alle Verbindungen, die mit der D-Mark verknüpft waren, sind gekappt, und kommunikativ müssen neue Anschlüsse hergestellt werden.

In Boulevardzeitungen stehen vorne Artikel über die mögliche Abzockerei der Geschäftsleute - und hinten Anzeigen über Euro- Schnäppchen der Handelshäuser. Wir erleben einen umfassenden Versuch am lebenden Objekt, sagt Reichertz. Was soll man wem glauben?

Der Wissenschaftler fühlt sich durch die Euroeinführung an Erfahrungen nach den Terroranschlägen vom 11. September erinnert: Beides Mal ist den Menschen von einem Tag auf den anderen ein Stück Ordnung abhanden gekommen. Damals hat der Universitätsprofessor mit der Hausfrau in der Metzgerei darüber geredet, ob es Krieg gibt, und heute reden die beiden in derselben Metzgerei plötzlich über den Wert des Geldes. Über alle sozialen Grenzen hinweg bemühen sich die Menschen hier wie da um Herstellung von Ordnung - auch wenn freilich Angst und Risiko diesmal weit geringer seien.

Geld hat so viele soziale Bedeutungen, sagt Matthias Jung, Leiter des Instituts für Internationale Kommunikation Düsseldorf. Mit der Sprachordnung rund um die D-Mark seien diese den Menschen verloren gegangen - und würden voraussichtlich mit der Zeit ganz selbstverständlich durchs Sprechen neu geschaffen. Wann ist man ein

Millionär? Was wird aus Pfennigfuch sern? Können Halbwüchsige weiter mit Hunnis in ihrer Brieftasche angeben oder reichen künftig Fuffis? Doch schon lernen die Menschen, ihre Stellung in der Gesellschaft sprachlich mit dem Euro zu definieren, sagt Jung: Viele sprechen den "Zent" spontan deutsch aus, hat der Sprachexperte beobachtet, andere betonen durch ihre englische Aussprache "Cent" ihreWeltläufigkeit.

Von Basil Wegener, dpa

Quelle: ntv.de