Politik
Schwarze Kappe, schwarze Sonnenbrille, schwarze Kalaschnikow: Oleh Ljaschko mit seinen Markenzeichen.
Schwarze Kappe, schwarze Sonnenbrille, schwarze Kalaschnikow: Oleh Ljaschko mit seinen Markenzeichen.(Foto: liashko.ua)
Freitag, 24. Oktober 2014

Ukraine wählt am Sonntag: Mit Sturmgewehr und Mistgabel an die Macht

Von Christoph Herwartz

Die "Radikale Partei" könnte am Wochenende die zweitstärkste Kraft im ukrainischen Parlament werden. Parteichef Ljaschko zeigt sich mit Kuh, Mistgabel oder Kalaschnikow, prügelt sich im Sitzungssaal und demütigt Separatisten vor der Kamera.

Es gibt zwei Gegenstände, die der ukrainische Abgeordnete Oleh Ljaschko gerne in der Hand hält, wenn er fotografiert wird: eine Mistgabel und eine Kalaschnikow. Wenn er die Mistgabel dabei hat, trägt er oft ein besticktes Trachtenhemd. Zur Kalaschnikow passen seine schwarze Kappe und seine verspiegelte Sonnenbrille besser. Ljaschko ist wandlungsfähig und so rhetorisch geschickt, dass er seine Gegner zur Verzweiflung treiben kann: Zuletzt fing er sich im August einen Schlag ins Gesicht ein, nachdem er einen anderen Abgeordneten provoziert hatte. Ljaschko ist ein Populist, der vor kaum etwas zurückschreckt, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Nach der Wahl am 26. Oktober könnte er Oppositionsführer werden und die Partei von Präsident Petro Poroschenko vor sich hertreiben – oder sogar als sein Koalitionspartner in die Regierung aufsteigen.

Mistgabeln waren Ljaschkos treue Begleiter, bis er auf Kalaschnikows umschenkte.
Mistgabeln waren Ljaschkos treue Begleiter, bis er auf Kalaschnikows umschenkte.(Foto: liashko.ua)

Ljaschko ist eine skurrile Figur und war jahrelang nicht mehr als das. 2006 zog er ins Parlament ein, zuerst in der bürgerlichen Partei von Julia Timoschenko. Weil sich Ljaschko nicht an die Vorgaben der Parteichefin halten wollte, wurde er 2010 ausgeschlossen. Seitdem macht er sein eigenes Ding, übernahm den Vorsitz einer kleinen Partei, ließ sie nach sich selbst benennen und tourt seitdem mit einer Mistgabel als vermeintliche Stimme der kleinen Leute durch das Land. Sogar in das Parteilogo ist eine Mistgabel eingearbeitet. Im Parlament fiel er vor allem auf, weil er an den meisten der Schlägereien beteiligt war. Einmal kam er mit einer Kuh vor das Parlamentsgebäude und deklamierte, die magere Kuh sei "der Kern der Ukraine". Und "damit eine Kuh Milch geben kann, braucht sie Futter". Die Politik müsse endlich etwas tun.

Einem Journalisten des US-Fachmagazins "Foreign Policy" berichtete Ljaschko von seinem Lebenslauf: Er sei in einem Waisenhaus aufgewachsen und habe drei Universitätsabschlüsse. Einen Beleg dafür wollte er aber nicht liefern. Andere Politiker sagen über ihn, er lüge systematisch und bei allem, was er sagt.

Verhör eines nackten Separatisten

Zu seiner Hochform fand der Populist Ljaschko aber erst durch die Maidan-Proteste und die Krise danach. Er zeigte sich noch auf dem Unabhängigkeitsplatz, als schon in die Menge geschossen wurde und sich Vitali Klitschko und Arseni Jazenjuk längst in Sicherheit gebracht hatten. Als Klitschko später seine erste Rede als neuer Bürgermeister von Kiew halten wollte, sprang auf einmal Ljaschko auf die Bühne, quasselte drauf los und ließ den zwei Köpfe größeren Klitschko so verdutzt stehen, dass der ihm das Rednerpult überließ.

Ljaschko zeigt sich gerne an der Front und wagte sich sogar auf die besetzte Krim. Er unterstützt außerdem zwei Milizen, die im Osten des Landes gegen die Separatisten kämpfen. Wie weit diese Unterstützung geht, ist nicht ganz klar. Vielleicht gibt er nur etwas Geld und wirbt Freiwillige an. Vielleicht sind die Kämpfer aber auch so etwas wie der bewaffnete Arm seiner Partei.

Der Parteichef auf Frontbesuch.
Der Parteichef auf Frontbesuch.(Foto: liashko.ua)

Darauf deutet zumindest ein Video hin, das Ljaschko im März auf Youtube hochlud. Darauf ist er selbst in Begleitung von vermummten und bewaffneten Männern zu sehen. Ljaschko setzt sich in einen Van mit zwei gefesselten Männern, deren Köpfe mit Tüchern verhüllt sind. Einer von ihnen ist bis auf die Unterhose nackt. Als die Tücher entfernt werden, entpuppt sich der Nackte als Igor Kakidzyanov, der von russischen Medien als Verteidigungsminister der Volksrepublik Donezk bezeichnet wird. Ljaschko befragt ihn etwa 15 Minuten lang, Kakidzyanov ist den Tränen nahe. Dann übergibt der Politiker seine Gefangenen an die regulären ukrainischen Sicherheitskräfte.

Ljaschko verdrängt Rechtsradikale

So sonderbar solche Aktionen sind, sie bringen Ljaschko Aufmerksamkeit und Beliebtheit. Bei der Präsidentschaftswahl landete er mit 8 Prozent auf Platz drei. Die Umfragen sehen seine "Radikale Partei von Oleh Ljaschko" für die Parlamentswahl nun zwischen 9 und 18 Prozent und damit als zweitstärkste Kraft hinter dem Poroschenko-Bündnis und noch vor der Timoschenko-Partei.

Das Programm der "Radikalen Partei" lässt sich relativ leicht zusammenfassen: Wie Poroschenko und Timoschenko will Ljaschko die Aufnahme in die Nato und die EU beantragen. Im Unterschied zu diesen will er aber auch gegen die Oligarchen hart durchgreifen, jene Milliardäre, die mit ihren Firmenimperien als die eigentlichen Machthaber der Ukraine gelten und zu denen eben auch Poroschenko und Timoschenko gehören. Wegen dieses Programms hätten die Oligarchen sogar ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt, behauptet Ljaschko.

Die "Radikale Partei" wird mitunter als rechtspopulistisch bezeichnet, russische Medien schlachten die schrägen Auftritte Ljaschkos gerne aus. Was er tatsächlich mit dem Land anstellen würde, wenn er in die Regierung käme, ist aber nicht klar. Einen ersten positiven Effekt hat sein Erfolg wohl schon: Die rechte Partei "Swoboda" und die Rechtsradikalen vom "Rechten Sektor" bleiben in den Umfragen fast immer unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde.

Quelle: n-tv.de