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Britischer Medienskandal Mutter von Sarah abgehört

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Die Untersuchungskommission hat viel Arbeit vor sich.

(Foto: AP)

Der "Fall Sarah" stand für das gesellschaftliche Engagement der "News of the World". Jetzt stellt sich heraus, dass auch das Telefon der Mutter des ermordeten Mädchens abgehört worden sein könnte.

Die Abhörmethoden bei der britischen Zeitung "News of the World" könnten nach neuen Enthüllungen selbst vor einer wichtigen Unterstützerin des Blattes nicht haltgemacht haben. So soll auch das Telefon der Mutter eines ermordeten Mädchens angezapft worden sein. Die Frau hatte jahrelang mit der Zeitung zusammengearbeitet und mit der früheren Chefredakteurin Rebekah Brooks ein Gesetz auf den Weg gebracht, das Kinder besser vor Pädophilen schützen soll.

Die Polizei habe der Frau mitgeteilt, dass ihre Daten auf einer Kontaktliste der "News of the World" ständen, teilte die von ihr gegründete Kinderschutzorganisation mit. Somit sei es möglich, dass ihr Telefon abgehört worden sei. Die Frau sei "am Boden zerstört".

Der Fall hatte für großes Aufsehen gesorgt und die britische Regierung schließlich dazu bewegt, zum Schutz von Kindern mehr Zugang zum Pädophilen-Register der Polizei zuzulassen. Die Tochter der Frau, die acht Jahre alte Sarah, war im Juli 2000 von einem Kinderschänder entführt und ermordet worden. Die Mutter hatte daraufhin mit der Unterstützung der "News of the World" für das umstrittene Gesetz gekämpft, das Eltern mehr Informationen über mögliche Täter verschafft.

Fall Sarah auf der Plusliste

Brooks hatte im Medienskandal um "News of the World" stets auf den "Fall Sarah" verwiesen, um zu zeigen, dass die Zeitung viel Gutes bewirkt habe. Für die letzte Ausgabe der mittlerweile eingestellten Sonntagszeitung Anfang Juli hatte die Mutter sogar eine Kolumne geschrieben, in der sie sich bei ihren "guten und vertrauensvollen Freunden" bei dem Blatt bedankte. Brooks, die im Zuge des Skandals ihren Posten als Chefin des hinter der Zeitung stehenden Verlages News International abgegeben hatte, teilte mit, sie sei schockiert über die neuen Berichte.

Der Medienskandal um abgehörte Telefone, bestochene Polizisten und andere illegale Recherchemethoden bei "News of the World" hatte das Land in den vergangenen Wochen schwer erschüttert. Rund 4000 Telefone von Prominenten und Privatleuten sollen allein bei "News of the World" abgehört worden sein, darunter auch die von Soldatenwitwen und Mordopfern.

Krisensitzung bei BSkyB

Der "News of the World"-Verlag News International gehört zum Medienkonzern von Rupert Murdoch. Dieser hatte sich wegen des Skandals seine Pläne aufgegeben, den britischen Bezahlsender BSkyB zu übernehmen und damit noch mehr Präsenz auf dem Medienmarkt der Insel zu bekommen. Bei BSkyB fand eine Verwaltungsratsitzung statt, über deren Ablauf zunächst allerdings nichts zu hören war. Zuvor hatte es Spekulationen gegeben, Rupert Murdochs Sohn James könnte seinen Posten im BSkyB-Vorstand abgeben müssen.

Untersuchungskommission arbeitet

Unterdessen nahm eine von der Regierung eingesetzte Untersuchungskommission unter Leitung des Richters Brian Leveson begann in London ihre Arbeit auf. Sie soll das Beziehungsgeflecht zwischen Presse, Politik und Polizei unter die Lupe nehmen.Die ersten Anhörungen sind für September geplant, binnen eines Jahres soll der Untersuchungsbericht vorliegen.

Leveson erklärte bei der ersten Sitzung, dass die Untersuchungen über den Skandal bei der inzwischen eingestellten "News of the World" hinausgingen. Im Zentrum würden die "Kultur, Praktiken und die Ethik der Presse" stehen. Die Kommission werde sich mit dem Verhältnis der Medien zu "der Öffentlichkeit, der Polizei und der Politik" befassen. Dabei werde es auch eine Debatte über die Grenzen des legitimen öffentlichen Interesses geben. Leveson rief die britischen Medienschaffenden auf, die Affäre nicht als Einzelfall abzutun, sondern bei der Aufklärung in aller "Breite und Tiefe" mitzuhelfen.

Der Kommission gehören neben Leveson ein Menschenrechtler, ein hoher Polizeivertreter, ein früherer Leiter der britischen Medienaufsicht Ofcom, zwei Journalisten und ein ehemaliger Geschäftsführer der Zeitung "Financial Times" an. Neben der Aufklärungsarbeit soll sie auch Empfehlungen für neue Medien-Richtlinien erarbeiten.

Quelle: n-tv.de, dpa

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