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Deutsche Kindersoldaten in Syrien "Neosalafisten sind religiöse Analphabeten"

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Teilnehmer einer salafistischen Kundgebung beten.

picture alliance / dpa

Thomas Mücke betreut junge Männer, die aus dem Dschihad in Syrien nach Deutschland zurückgekehrt sind. Echte religiöse Motive sieht er bei ihnen nicht - dafür aber Parallelen zu den Biografien von Neonazis.

n-tv.de: Herr Mücke, Sie betreuen Menschen, die fanatisch genug sind oder waren, um in einen Bürgerkrieg zu reisen und dort Leute zu ermorden, die ihnen nichts getan haben. Wie sprechen Sie diese Menschen an?

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Thomas Mücke ist Mitbegründer und Geschäftsführer von Violence Prevention Network, einem Verein, der mit ideologisch gefährdeten Menschen und extremistisch motivierten Gewalttätern arbeitet.

Thomas Mücke: Wenn man Interesse an einem jungen Menschen zeigt, wenn man sich für seine Lebensgeschichte und für seine Probleme interessiert, dann kommt man mit ihm auch ins Gespräch. Es gibt einen 15-Jährigen, der in einer Jugendstrafanstalt sitzt. Der hat mir erzählt, wenn er rauskommt, dann zieht er in den Dschihad nach Syrien.

Wie haben Sie reagiert?

Wenn er mir so etwas erzählt, dann ist ein Vertrauensverhältnis bereits da. Dann kann ich mit ihm daran arbeiten, dass er eben nicht nach Syrien geht. Meist haben wir es allerdings mit Menschen zu tun, die uns nicht vertrauen. Da ist die Kontaktaufnahme nicht ganz einfach. Ich habe daher immer Kollegen mit muslimischer Identität dabei. Die sind ein Türöffner, damit man überhaupt ins Gespräch kommt.

Was bringt einen 15-Jährigen dazu, in den Krieg nach Syrien ziehen zu wollen?

Junge Menschen sind leicht zu beeinflussen, und hier sprechen wir über Jugendliche in Identitätskrisen. Statt Erfolgserlebnissen haben sie familiäre Brüche erfahren, sie haben meist einen eher niedrigen Bildungsstatus und zum Teil eine Vergangenheit mit Gewalt, Drogen und Eigentumsdelikten. Dann treffen sie auf Extremisten, die ihre Orientierungskrise ausnutzen, um sie als Kindersoldaten zu verheizen. Sie reden den Jugendlichen ein, Teil einer großen Sache zu sein. Das Versprechen lautet: Wenn du gehorsam bist, gehörst du zur großen Gemeinschaft der Gläubigen - egal, was in deinem Leben bisher passiert ist. Das ist verführerisch.

Wie alt ist Ihre Zielgruppe?

Die Jugendlichen, die wir betreuen, sind sehr jung - zwischen 14 und 21 Jahren. Das ist schon erschreckend.

Wie kommen Sie mit denen in Kontakt?

In der Regel sind es besorgte Eltern, die bei uns anrufen. Es kommt auch vor, dass eine Schule uns auf einen Konflikt aufmerksam macht. Dann machen wir dort einen Workshop. Normalerweise gehen wir aber direkt auf die Jugendlichen zu - meist zuhause, gelegentlich in der Moschee. Man muss die Jugendlichen dort aufsuchen, wo sie sind.

Was machen Sie, wenn Eltern sich an Sie wenden, weil sie befürchten, dass ihre Kinder nach Syrien gehen?

Wenn wir eine solche Meldung bekommen, reagieren wir innerhalb von Minuten. Meist sind es die Mütter, die sich an uns wenden. Wichtig ist zunächst die Unterstützung und Stabilisierung der Eltern. Die befinden sich in einer Ausnahmesituation: Die wissen ja, was in Syrien passiert, und haben Angst um ihre Kinder. Dann versuchen wir natürlich, so schnell wie möglich Kontakt zu den Jugendlichen zu bekommen.

Was machen Sie, wenn Sie merken, dass der junge Mensch nicht ansprechbar ist und trotz Ihrer Bemühungen ausreisen will?

Dann schalten wir die Sicherheitsbehörden ein. Wir tun alles, um zu verhindern, dass der Jugendlich andere und sich selbst gefährdet. Da kann man nicht zuschauen.

Wie viele Syrien-Rückkehrer betreuen Sie?

Wir haben seit Juli 2014 in Hessen eine Beratungsstelle. Insgesamt arbeiten wir dort mit 56 Angehörigen und 24 gefährdeten Jugendlichen. Wie viele Syrien-Rückkehrer darunter sind, darf ich nicht sagen.

Warum kommen die Syrien-Rückkehrer überhaupt nach Deutschland zurück - der Krieg geht doch weiter?

Der klassische Fall, mit dem wir es zu tun haben, verläuft so: Die Jugendlichen reisen nach Syrien, weil starker Druck auf sie ausgeübt wurde. In Syrien erschrecken sie über die Situation, mit der sie konfrontiert werden. Sie haben noch telefonischen Kontakt zu ihren Eltern und sind dann relativ schnell bereit zurückzukommen. Wir organisieren das dann auch.

Was machen Sie mit denen?

Es gibt Syrien-Rückkehrer, die desillusioniert sind, auch traumatisiert. Andere haben Schwierigkeiten, weil sie merken, was das mit ihren Eltern macht. So kommen sie an den Punkt, an dem sie sagen: Ich glaube, es war ein Fehler, dass ich nach Syrien gegangen bin. Das heißt noch nicht, dass sie sich vom ideologischen Denken gelöst haben, aber die ersten Zweifel sind da. Das nutzen wir und versuchen, sie für andere Sichtweisen zu öffnen. Außerdem versuchen wir, sie in die Gesellschaft zurückzuführen: Wer vom Dschihad träumt, der plant keine Zukunft, der kümmert sich nicht um seinen Schulabschluss oder seine Ausbildung. Wir führen auch theologische Diskussionen mit ihnen. Das sind Dschihad-Konvertierte - sie sind zum Dschihad konvertiert, nicht zu einer Religion. Die meisten Neosalafisten sind religiöse Analphabeten.

Warum sprechen Sie von Neosalafisten und nicht einfach von Salafisten?

Wir müssen differenzieren zwischen Islam und Extremismus. Salafismus ist eine religiöse Ausrichtung, nicht jeder Salafist ist ein potenzieller Gewalttäter. Die Neosalafisten sind politische Extremisten, die sind eigentlich hochgradig antireligiös.

Seit wann arbeiten Sie mit ideologisch motivierten Gewalttätern und seit wann mit Islamisten?

Mit Skinheads und Rechtsextremisten arbeite ich seit 1989. Seit 2007 arbeite ich auch im Bereich des religiös begründeten Extremismus. Unsere Arbeit mit Syrien-Rückkehrern ist noch sehr frisch.

Gibt es Unterschiede zwischen Neonazis und Neosalafisten, die für Ihre Arbeit relevant sind?

Die Biografien sind manchmal erschreckend ähnlich. Sowohl bei Neonazis als auch bei Neosalafisten haben wir es häufig mit vaterlosen Kindern zu tun, die sich außerhalb ihrer Familie charismatische Autoritäten suchen. Ähnlich ist auch die Art, wie diese Szenen auf die emotionalen Bedürfnisse der Jugendlichen eingehen. Dazu kommt, dass beide einer Ungleichheitsideologie folgen, die mit Schwarz-Weiß-Kategorien arbeitet. Im Gegensatz zum Rechtsextremismus kommen für die neosalafistische Szene noch Diskriminierungserfahrungen hinzu. Aber das alleine erklärt die Radikalisierung nicht; es sind ja auch deutsche Jugendliche ohne Migrationsgeschichte, die zum Dschihad konvertieren.

Wie lange dauert es, eine solche Radikalisierung abzubauen?

Ideologien gehen nicht von heute auf morgen weg. Das sind Prozesse, die ein, zwei Jahre dauern.

Wie oft sind Sie dabei erfolgreich?

Unsere Arbeit in den Justizvollzugsanstalten wird evaluiert. Dabei zeigt sich, dass die Reinhaftierungsquote bei Gewalttaten, die sonst bei 41,5 Prozent liegt, bei unseren Teilnehmern auf 13,3 Prozent zurückgeht.

Mit Thomas Mücke sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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