Politik

Schröder in Sebnitz Neun Monate nach dem "Fall Joseph"

Der Kanzler besucht Sebnitz. Die Stadt, die um die Jahrhundertwende den Weltmarkt mit künstlichen Blumen versorgte. Im Stadtmuseeum erinnert eine 3,70 Meter hohe Seidenblume an die wirtschaftlich besseren Zeiten des sächsischen Städtchens. Nostalgische oder blumige Gründe sind es aber nicht, die Schröder an die tschechische Grenze treiben. Es ist der "Fall Joseph", der Sebnitz im vergangenen Jahr deutschlandweit bekannt machte und den Kanzler zu einem bis heute kritisierten Treffen veranlaßte.

Schutzmechanismen der Medien versagen

"Neonazis ertränken Kind!", titelt als erste Zeitung die "Bild". Die Wirkung der ungeheuerlichen Behauptung lässt nicht lange auf sich warten. Andere Zeitungen und Fernsehsender steigen auch auf das Thema Joseph ein, der Medienzug kommt in Fahrt. Keiner will bei der Sensation zu spät kommen. Die Kleinstadt, in der das Unglaubliche passiert sein soll, wird von Reportern und Kamerateams erst überrollt und dann belagert. Sebnitz gilt fortan als Hochburg des Rechtsradikalismus. In der durch Vorwürfe aufgeheizten öffentlichen Diskussion setzt Bundeskanzler Gerhard Schröder ein Zeichen. Er empfängt Josephs Familie Kantelberg-Abdulla in Berlin zu einem Zeitpunkt, als der wahre Verlauf der Geschichte noch unklar ist. Viele Sebnitzer verstehen das bis heute nicht.

Im Laufe der erneuten staatsanwaltlichen Ermittlungen wendet sich das Blatt. Ungereimtheiten bei Zeugenaussagen lassen die Version der Familie, Neonazis hätten den kleinen Jopseph im Sebnitzer Freibad ertränkt, immer unwahrscheinlicher werden. Das Medieninteresse ebbt ab, das Thema Joseph verschwindet in den Zeitungen im Bereich Vermischtes.

Bei der Obduktion, inzwischen der dritten, wird ein Herzfehler bei Joseph festgestellt. Eine Vergiftung kann nicht bestätigt werden, wohl aber, dass Joseph durch einen Badeunfall am 13. Juni 1997 im Sebnizer Freibad starb.

Politiker fordern Entschuldigung der Medien

Sogar Bundespräsident Rau schaltet sich in den "Fall Joseph", der längst weite Kreise zieht, ein. Er stellt sich vor die Sebnitzer Bürger, die für ihn zu Opfern der Medien geworden sind. Auch Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf beklagt vehement mangelnde Seriösität in der Berichterstattung über die Kleinstadt. Der Presserat spricht gegen die "Bild"-Zeitung", die "Morgenpost" und die "taz" Rügen aus. Die "Bild"-Zeitung entschuldigt sich am 26.7.2001 in ihrer Ausgabe bei den Bürgen von Sebnitz.

Quelle: ntv.de

Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen