Politik

Flagge zeigen, Hand aufs Herz Patriotische Amerikaner

Barack Obama wäre bei dem Thema schon während der Vorwahlen fast ins Straucheln geraten. Warum er denn keine "flag pin" am Revers trage, wollte ein eifriger TV-Journalist wissen, eine dieser kleinen Sternenbanner-Anstecknadeln, wie sie sich besonders vaterlandsliebende Männer zuweilen an den Anzug heften. Für einen Moment drohte Obama aus dem Konzept zu geraten, murmelte, er liebe sein Land auch ohne Fahnen-Nadel, doch es dauerte nur wenige Tage, da trug auch der schwarze Senator eine "flag pin". Dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten war schnell klar geworden: Beim Thema Patriotismus kennen die Amerikaner kein Pardon.

Fremde, die in die USA kommen, fällt es meist schon in den ersten Tagen auf: In kaum einem anderen Land wird so gerne Flagge gezeigt, die Liebe zum eigenen Land derart zur Schau getragen. Nicht nur an öffentlichen Gebäuden weht die Nationalfahne täglich, auch in Schulen, vor Restaurants, bei Sportveranstaltungen, vor allem aber auch vor Privathäusern - die "Stars and Stripes" sind fast allgegenwärtig.

"Ich schwöre Treue auf die Fahne "

An Schulen gibt es den "Treueschwur", morgens treten die Pennäler an, die rechte Hand aufs Herz, der Blick zur Flagge, dann der Spruch. "Ich schwöre Treue auf die Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika..." Manchem Fremden ist so viel Nationalstolz nicht ganz geheuer. "Ich hasse es, die amerikanische Flagge auf jeder verdammten Bahnstation, aus jedem Geländewagen und jedem Wohnhaus im Mittleren Westen hängen zu sehen", schimpfte der Brite Ian Anderson, Frontmann der Rockband Jethro Tull, vor ein paar Jahren. Amerika reagierte indigniert, Radiosender boykottierten seine Songs.

"God's own country", Gottes eigenes Land, heißt eines der geflügelten Worte. Kritiker meinen zwar, seit den Anschlägen vom 11. September 2001 und dem Irakkrieg erlebe der Patriotismus neue Höhenflüge. Doch die Überzeugung, zum auserwählten Volk zu gehören, zählt seit den Anfängen zu den Grundüberzeugungen der Amerikaner. Glauben an die "Einzigartigkeit Amerikas" nennt das Richard Stengel, Herausgeber des "Time Magazine".

Auch andere Völker kennen Vaterlandsliebe und Nationalstolz: Franzosen sehen ihr Land als "grande nation", die die Menschenrechte erfunden hat und ohne deren Sprache, Kultur und Küche die Welt ärmer wäre; Italiener sind zutiefst überzeugt, im schönsten Land der Erde zu leben, schauen noch heute mit Stolz auf das Weltreich Cäsars zurück; auch Äthiopier sind auf ihr Land unglaublich stolz, ebenfalls Thailänder oder Vietnamesen. Aber "God's own country" - das ist Patriotismus "made in USA".

Grenzenloser Stolz

Der Stolz kennt keine Grenzen. "Wir sind das großartigste Volk der Erde", kam es Präsident George W. Bush nach dem 11. September über die Lippen. Auch der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain hat mit Sprüchen solcher Art keine Probleme. "Die Amerikaner sind die besten Arbeiter der Welt", versuchte er die Wähler angesichts der derzeitigen Krise aufzumuntern - selbst ansonsten kritische Medien hinterfragen derart vollmundige Botschaften nicht. Amerika verbreite "Licht und Hoffnung in der Welt", meint Sarah Palin, McCains Frau für das Vizeamt. Weiß sie wirklich nicht, wie geschunden das Image der USA in vielen Teilen der Welt derzeit ist?

"Mein dreistes und brutales Land macht viele Fehler in der Außenpolitik", meinte die kritische US-Autorin Erica Jong unlängst, "aber diesen Fehlern liegt eine Grundüberzeugung zugrunde, die ich bei anderen Ländern oft vermisse." Kaum eine andere Nation hat noch heute ein solches Sendungsbewusstein und einen solchen "politischen Messianismus" bewahrt. "Wir werden Amerika verändern und die ganze Welt", rief Obama nach einem Vorwahlsieg seinen Anhängern im Überschwang zu. Gemeint ist das Eintreten für Freiheit und Demokratie in der Welt - auch der Wunsch nach einem "Regimewechsel" im Irak wurde letztlich von einem solchem Sendungsgedanken gespeist.

Quelle: n-tv.de, Peer Meinert, dpa

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