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Die "Pille danach" muss in Deutschland immer noch vom Arzt verschrieben werden. Alle Parteien außer der Union wollen das ändern.
Die "Pille danach" muss in Deutschland immer noch vom Arzt verschrieben werden. Alle Parteien außer der Union wollen das ändern.(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 13. Februar 2014

Warum die "Pille danach" trotzdem rezeptpflichtig bleibt: Alles spricht für die Freigabe

Von Nora Schareika

Deutschland ist eines von drei Ländern in Europa, in denen Frauen ein Rezept vom Arzt brauchen, um die "Pille danach" zu bekommen. Dadurch verlieren sie Zeit und müssen Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen. Dabei ist die Lage für Experten eindeutig.

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Mindestens 463.000 Mal ist im vergangenen Jahr die "Pille danach" verschrieben worden. In so vielen Fällen sind Frauen zum Arzt gegangen, nachdem sie ungeschützten Sex hatten, ihrem Partner das Kondom gerissen war, sie vergewaltigt wurden oder die Anti-Baby-Pille vergessen hatten. Die Zahl stammt vom Marktforschungsinstitut IMS Health. Laut dem Beratungsinstitut Pro Familia waren es sogar rund 475.000 Verschreibungen.

Die Gründe für ungeschützten Sex sind vielfältig, die darauf folgende Angst immer dieselbe: ungewollt schwanger zu werden. In vielen Fällen ist diese Angst stark genug, dass Frauen eine unangenehme Prozedur auf sich nehmen - oftmals allein, denn während zum Sex immer zwei gehören, sind sie diejenigen, die schwanger werden können. Sie müssen schnell bei einem Frauenarzt vorgelassen werden oder eine Notambulanz aufsuchen. Denn ohne den obligatorischen Arztbesuch mit Beratung und Rezept kommen sie in Deutschland nicht an das Mittel zur nachträglichen Verhütung heran.

Aus medizinischer und wissenschaftlicher Sicht ist diese Praxis völlig unnötig: Eine Expertenkommission empfahl Mitte Januar, die "Pille danach" von der Rezeptpflicht auszunehmen. Die Kommission besteht aus neun Wissenschaftlern sowie je einem Vertreter der Ärztekammer, der Apothekervereinigung und der Tierärztekammer. Das Votum fiel mit acht Stimmen für die Rezeptfreiheit, drei dagegen und einer Enthaltung klar aus. Dieselbe Empfehlung gab es 2003 schon einmal. 2010 sprach sich auch die Weltgesundheitsorganisation für die Freigabe aus.

Doch Deutschland scheint bei diesem Thema den Anschluss verpasst zu haben. Überall in Europa mit Ausnahme der beiden katholischen Länder Italien und Polen ist das Präparat mit dem Wirkstoff Levonorgestrel rezeptfrei in der Apotheke zu kaufen. Zuletzt führten die USA im vergangenen Jahr die Rezeptfreiheit ein. Studien belegen, dass die Freigabe das Verhütungsverhalten nicht verändert hat. Zudem taugt die "Pille danach" nicht als regelmäßiges Notfallmittel, weil ihre Wirkung bei häufiger Einnahme versagt. Die Nebenwirkungen des Hormoncocktails sind außerdem zwar ungefährlich, aber mitunter unangenehm. Es können Übelkeit bis hin zu Erbrechen, Schwindel, Kopfschmerzen oder Blutungen auftreten.

CDU-Minister hat es in der Hand

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Bundesrat, Grüne, Linke und SPD wollen aufgrund der erdrückenden Faktenlage seit langem erreichen, dass das Medikament zur nachträglichen Verhütung auch in Deutschland frei verkäuflich wird. Im Bundestag wollen Linke und Grüne ein Ende der Verschreibungspflicht fordern. Trotzdem wird es wohl vorerst nicht zur Befreiung von der Rezeptpflicht kommen. Die Union lehnt die Freigabe kategorisch ab - und die Entscheidung liegt beim CDU-Gesundheitsminister Hermann Gröhe.

Gröhe führte zuletzt wieder die Bedeutung der ärztlichen Beratung als Argument gegen die Freigabe der "Pille danach" an. Es gehe darum, "das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und die Frauengesundheit bestmöglich zusammenzubringen", sagte Gröhe der "Welt am Sonntag". An anderer Stelle verwies Gröhe auf die Nebenwirkungen der "Pille danach", die ja nicht unerheblich seien. Auch Ärzte dringen darauf, die Beratung beizubehalten. "Kein Wunder", kommentiert Daphne Hahn, Bundesvorsitzende von Pro Familia. "Die Ärztelobby ist außerordentlich stark." Bei 475.000 Verschreibungen, die Ärzten jeweils knapp 30 Euro Honorar einbringen, sei klar, dass sie die Beratung behalten wollten.

Wer die "PiDaNa" braucht, hat es eilig

Gesundheitsminister Gröhe ist strikt gegen die rezeptfreie Abgabe der "Pille danach".
Gesundheitsminister Gröhe ist strikt gegen die rezeptfreie Abgabe der "Pille danach".(Foto: picture alliance / dpa)

Die Argumente würden in widersprüchlicher Weise genutzt, kritisiert Hahn. "Es ist ja schön, wenn Herr Gröhe von 'Frauengesundheit' spricht", sagt sie lakonisch. Doch Frauen wüssten besser als er, wie oft Frauenärzte eben nicht kompetent seien. "Wir haben unzählige Fälle dokumentiert, wo Frauen beim Arzt beleidigt statt beraten wurden", berichtet sie. Der Hersteller des Präparats "PiDaNa", HRA Pharma, habe zudem geklagt, dass viele Ärzte, die Informationen einholen wollten, "wirklich gar keine Ahnung" von der Wirkungsweise gehabt hätten. Was die Nebenwirkungen angehe, so seien diese "nicht so doll", also nicht so schlimm. Sonst wäre das Medikament nicht in den meisten Ländern rezeptfrei.

Das schwerwiegendste Argument gegen den zwingenden Arztbesuch ist jedoch die Eile, die nach ungeschütztem Sex oder Kondomunfällen geboten ist. Durch die Einnahme der "Pille danach" wird der Eisprung hinausgezögert, so dass erst gar keine Befruchtung stattfinden kann. Das funktioniert in 95 Prozent der Fälle, in denen die Pille danach zwölf bis 24 Stunden nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr eingenommen wird. Wird sie später eingenommen, sinkt die Chance erheblich.

Diffuses Unbehagen der Gegner

Dass insbesondere die Union so strikt gegen die Freigabe ist, hat offensichtlich eher politische als medizinische Gründe. Für die CDU/CSU ist das Thema unangenehm. Die Partei will ihre kirchennahen Mitglieder ebensowenig verärgern wie die Kirchen selbst. Und die sind aus ideologischen Gründen gegen die Freigabe der Pille danach. Dabei geht es nicht mehr darum, dass die Pille danach womöglich eine verkappte Abtreibungspille sein könnte - dass sie das nicht ist, ist medizinisch eindeutig. Es sei wohl mehr ein moralisches Unbehagen gegenüber der sexuellen Selbstbestimmung der Frau und unterstellter Fahrlässigkeit junger Leute im Bett, vermutet die Pro-Familia-Vorsitzende Hahn.

Die Gegner einer Freigabe der "Pille danach", also ihrem freien Verkauf in Apotheken wie bei Aspirin, Schmerzsalbe oder Hustensaft, zweifeln gerne am Verantwortungsbewusstsein gerade junger Frauen. Daphne Hahn findet das ungeheuerlich. "Diese Unterstellung von Sorglosigkeit ist sehr heikel. Junge Frauen wissen in aller Regel, wie man verhütet", betont sie. Doch nicht in jeder Lebenssituation sei für Frauen die Anti-Baby-Pille das Verhütungsmittel der Wahl. Die Pille ist zwar äußerst sicher, hat aber wie alle Hormonpräparate Nebenwirkungen. "Es passiert halt einfach, dass mal etwas schiefläuft. Das ist auch normal in der Sexualität", sagt Hahn.

Sie hält es daher eher für einen Ausdruck von Verantwortungsbewusstsein, wenn Frauen sich im Zweifelsfall lieber die Pille danach holen, als eine ungewollte Schwangerschaft zu riskieren. Auch wenn die Einnahme des Medikaments tendenziell nur in der ersten Hälfte des 28-tägigen weiblichen Zyklus angezeigt ist. Ihrer Tochter rate sie im übrigen, sich auf Reisen in andere europäische Länder für den Notfall einzudecken.

Quelle: n-tv.de

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