Politik

Abschlussbericht zu Kaczynski-Absturz Polens Luftwaffenchef belastet

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Auch Luftwaffenschef Blasik kam bei dem Absturz ums Leben.

dpa

Russland gibt in seinem Abschlussbericht zur polnischen Flugzeugtragödie von Smolensk einem angetrunkenen polnischen Kommandeur die Schuld - und sorgt in Warschau für Empörung. Polens Innenminister Miller hält Russland für mitverantwortlich. Der Streit droht das bilaterale Verhältnis neu zu belasten.

Der tödliche Flugzeugabsturz von Polens Präsident Lech Kaczynski in Russland ist nach Angaben Moskauer Ermittler von einem angetrunkenen Offizier an Bord verursacht worden. Mit 0,6 Promille Alkohol im Blut habe Luftwaffenchef Andrzej Blasik die Piloten trotz der Warnung der russischen Flugüberwachung zur Landung gezwungen. Das sagte Luftfahrtexpertin Tatjana Anodina bei der Veröffentlichung des russischen Abschlussberichts neun Monate nach dem Absturz. Kaczynskis Bruder Jaroslaw wies den Vorwurf zurück.

Psychischer Druck auf die Piloten

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Die Piloten beugten sich am Ende dem Druck, schafften die Landung aber nicht.

(Foto: REUTERS)

Blasik habe laut Stimmenrekorder direkt im Cockpit Druck auf die Piloten ausgeübt, sagte Anodina. Auch Kaczynskis Protokollchef habe sich vorschriftswidrig in der Pilotenkanzel aufgehalten. Die Lotsen des Flughafens in der westrussischen Stadt Smolensk hätten wegen einer nebelbedingten Sichtweite von nur 200 Metern dringend einen Ausweichort empfohlen, sagte die Leiterin des internationalen Luftfahrtamtes MAK. "Eine Landeerlaubnis hat es nicht gegeben." Zudem sei die Besatzung der Präsidentenmaschine auf den Flug nach Russland und das dortige schlechte Wetter unzureichend vorbereitet gewesen. Der Abschlussbericht bemängelte "beträchtliche Defizite" in der Ausbildung der Crew und bei der Organisation des Flugs.

Die Anwesenheit des Luftwaffenchefs und des Protokollchefs im Cockpit habe psychologischen Druck auf die Besatzung ausgeübt und zur Entscheidung des Piloten beigetragen, "eine Landung unter nicht angemessenen Bedingungen auszuführen", sagte Anodina. Protokollchef Mariusz Kazan verlangte offenbar von den Piloten, "ihre psychologischen Reserven" zu mobilisieren. Der Pilot Arkadiusz Protasiuk sagte dem Bericht zufolge: "Wenn wir nicht landen, wird er auf mir herumhacken."

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Moskaus Luftfahrtexpertin Anodina wirft Polen vor, die Piloten unter Druck gesetzt zu haben.

(Foto: REUTERS)

Auch die "erwartete negative Reaktion des wichtigsten Passagiers" auf eine mögliche Umleitung auf einen anderen Flughafen habe zur Fehlentscheidung beigetragen. Anodina nannte den damaligen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski zwar nicht ausdrücklich, legte aber nahe, dass es sich bei dem "wichtigsten Passagier" um den Staatschef handelte. Es habe für die Besatzung einen "hohen Antrieb" gegeben, auf dem Zielflughafen zu landen, ergänzte sie. "Psycho-emotionaler Druck" und ein innerer Konflikt des Piloten, die Erwartungen zu erfüllen oder den Flieger doch umzuleiten, seien die Schlüsselfaktoren des Unglücks gewesen.

Empörung in Polen

Polens Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski wies den Bericht als "Spekulationen" und "Hohn für Polen" zurück. Die Vorwürfe gegen die Piloten seien "völlig einseitig", sagte der national-konservative Spitzenpolitiker in Warschau. Kaczynski beschuldigte Regierungschef Donald Tusk, die Ermittlungen zur Katastrophe an die russische Seite abgegeben und damit eine Beteiligung der EU verhindert zu haben. Er verwies auf angebliche Fehler der Fluglotsen in Smolensk.

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Innenminister Miller sieht eine Mitschuld bei Russland.

(Foto: dpa)

Tusk will am Donnerstag mit Innenminister Jerzy Miller über das weitere Vorgehen beraten. Miller sieht die Verantwortung für den Absturz der Maschine auch bei Russland. "Auf eine sichere Durchführung dieses Flugs waren beide Seiten nicht gut vorbereitet", sagte Miller in Warschau. Er verwies auf mögliche Fehler bei der Arbeit der russischen Fluglotsen auf dem Flughafen in Smolensk sowie auf den schlechten Zustand der technischen Anlagen dort.

Die polnische Seite halte diese Faktoren für "wesentlich", unterstrich der Chef des Innenressorts, der eine polnische Kommission zur Untersuchung der Flugkatastrophe vom 10. April leitet. Er halte aber russische Vorwürfe gegen die polnische Besatzung für durchaus berechtigt, so Miller.

Erneute Spannungen möglich

Die Piloten hatten am 10. April vergangenen Jahres trotz Warnungen wegen dichten Nebels Kurs auf den Flughafen nahe dem westrussischen Smolensk genommen. Bei dem Absturz kamen alle 96 Insassen ums Leben. Die Delegation, darunter auch Lech Kaczynskis Frau, war damals auf dem Weg zu einer Gedenkfeier im westrussischen Katyn, dem Ort eines sowjetischen Massakers an tausenden Polen im Frühjahr 1940. Polens Präsident Bronislaw Komorowski hatte vor kurzem bekanntgegeben, am Todestag seines tragisch verunglückten Vorgängers nach Russland reisen und damit die Aussöhnungspolitik fortsetzen zu wollen.

Beide Länder, deren Beziehungen durch die Ereignisse im Zweiten Weltkrieg historisch belastet sind, näherten sich in ihrer gemeinsamen Trauer anlässlich des Unglücks an. Allerdings wuchs später die Kritik Polens an den russischen Ermittlungen zur Absturzursache. Ministerpräsident Tusk bezeichnete die vorläufigen Ermittlungsergebnisse kürzlich als inakzeptabel und fehlerhaft. Der nun übergebene Abschlussbericht könnte zu neuen Spannungen zwischen Warschau und Moskau führen.

Die Kommission habe den Bericht bereits an Warschau übergeben, teilte das MAK auf seiner Internetseite mit. Dort können 210 Seiten heruntergeladen werden. Insgesamt habe die russische Seite Polen Dokumente im Umfang von 20 000 Seiten zu dem Absturz übergeben.

Quelle: n-tv.de, hdr/ghö/dpa/AFP

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