Politik

Hannes Jaenicke über "Die große Volksverarsche" "Politiker? Bist du verrückt?"

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Hannes Jaenicke engagiert sich für Klima und Umwelt - leidenschaftlich.

(Foto: Verlag / Clemens Porikys)

Schauspieler Hannes Jaenicke gibt keine Interviews, er unterhält sich. Schwupps ist man beim Du. Sein bester Satz im Gespräch mit n-tv.de: "Leidenschaft schützt nicht vor Mittelmaß, aber vor Langeweile." Der beste Moment: als er über die schlechten Filme lacht, die er gemacht habe. Ehrlichkeit schätzt Jaenicke auch bei Politikern. Und beim Konsum, denn darum geht es hier.

n-tv.de: Hallo Herr Jaenicke, ich würde gern mit Ihnen über Ihr neues Buch sprechen, "Die große Volksverarsche".

Hannes Jaenicke: Hast du das Buch bekommen?

Ja klar, und gestern Abend gelesen, hat Spaß gemacht.

Sagst du das aus Höflichkeit oder meinst du das ernst?

Keine Höflichkeit, mir hat die Mischung aus ehrlichem Engagement und praktischen Tipps sehr gefallen. Trotzdem habe ich mich gefragt, ob ein Kunde wirklich danach fragen muss, ob die Hose, die er kaufen möchte, unter akzeptablen oder katastrophalen Bedingungen genäht wurde.

Er muss nicht, aber er sollte! Genau das war einer der Beweggründe für das Buch: den Verbrauchern zu helfen, halbwegs intelligent zu konsumieren. Man findet bei fast allen Produkten Hersteller, die sauber arbeiten. Dafür gibt es Siegel, auch wenn mit einigen Zertifikaten Schindluder getrieben wird: FSC-Siegel beispielsweise werden in Asien gefaket, da muss man sehr genau hinschauen.

Haben dir der WWF und Unilever schon einstweilige Verfügungen geschickt?

Nö. Das Manuskript ist von der Rechtsabteilung des Verlags geprüft worden. Da kamen keine Beanstandungen. Und zum WWF: Seit der Doku "Der Pakt mit dem Panda" weiß man doch, woher die ihre Spenden bekommen. Ich greife den WWF ja nicht grundsätzlich an, aber der hat natürlich ein großes Problem. Die Kooperation mit Danone geht gar nicht.

Du schreibst, der WWF habe "mit dieser 'strategischen Unternehmenspartnerschaft' sicherlich einen lukrativen Deal gemacht - aber einmal mehr auf Kosten der eigenen Glaubwürdigkeit". Da geht es um diesen Joghurtbecher aus sogenanntem Bio-Plastik, ...

... dem der WWF "hohes Recyclingpotenzial" bescheinigt, obwohl das Zeug nur recycelt werden kann, wenn die "Activia"-Becher unter sich bleiben, was in der Praxis natürlich nicht funktioniert. Das ist verrückt!

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Jaenicke mit Buch vor dem Reichstag. In die Politik will er auf keinen Fall gehen: "Schauspielerei ist der wunderbarste Job der Welt!"

(Foto: Verlag / Clemens Porikys)

Wie ist es mit Til Schweiger? Du machst so eine Andeutung, dass der Dienstwagen des "Tatort"-Ermittlers Nick Tschiller auf nicht ganz koschere Art und Weise in die Sendung kam.

Nebenbei: Den "Tatort" mit Til Schweiger fand ich ganz hervorragend, das war endlich mal was Neues. Aber es ist halt Fakt, dass sich die Autokonzerne mit größter Begeisterung auf dem Fernseh-Bildschirm tummeln. Und irgendwie müssen sie dieses Product Placement ergattern. Es ist schon auffällig, was für Automarken die deutschen Produzenten so fahren ...

Du hättest in einer Fernsehproduktion mal einen Bauarbeiter spielen sollen, der einen Mercedes fährt.

Nicht einfach einen Mercedes, sondern eine richtig aufgemotzte G-Klasse. Der Wagen war weit im sechsstelligen Bereich. Da brauche ich nicht mehr zu spielen, habe ich gesagt, da kann ich nach Hause gehen. Am Ende durfte ich eine alte, verbeulte G-Klasse fahren.

Und der Produzent?

Der fuhr privat einen nagelneuen Daimler.

Der Untertitel deines Buches lautet "Wie Industrie und Medien uns zum Narren halten". Was hast du gegen die Medien?

Es geht mir nicht generell um die Medien, es geht um die Auswüchse - um diese "Reality"-Sendungen, die mit der Realität absolut nichts zu tun haben. Ich wusste das auch nicht, bis mir ein Bekannter vor ein paar Jahren sagte, dass diese Sendungen alle voll durchgescriptet sind. Als ich das gehört habe, bin ich erst mal vom Stuhl gerutscht. Noch schlimmer ist "managed reality", also Talentshows, die total manipuliert sind. Das ist echte Volksverarsche.

Woher nimmst du eigentlich diese Wut?

Ich bin doch gar nicht wütend.

Vielleicht ist Leidenschaft das bessere Wort.

Keine Ahnung. Ich finde, man sollte alles im Leben mit Leidenschaft machen. Ich spiele ja auch mit Leidenschaft und schreibe Drehbücher mit Leidenschaft. Das heißt nicht, dass es immer gut wird - ich habe auch schlechte Filme gemacht, bei denen ich wirklich leidenschaftlich war (lacht). Leidenschaft schützt nicht vor Mittelmaß, aber vor Langeweile.

Als wir im vergangenen Dezember gesprochen haben, hast du Umweltminister Peter Altmaier hochintelligent genannt. Jetzt ist er ein Jahr im Amt - was hältst du heute von ihm?

Der ist immer noch hochintelligent, obendrein charmant, geistreich, witzig und sehr fleißig. Und er ist ehrlich: Ich habe ihn auf einer Veranstaltung getroffen, bei der es um den Regenwald ging, und er sagte, dass er sich mit dieser Problematik noch nicht auskennt. Ich fand ihn sehr angenehm. Das heißt leider nicht, dass er etwas bewegen kann, denn er steht gegen RWE, Eon, Vattenfall, die Auto-Industrie - die ganze Armada von Lobbyisten. Wie soll er unter diesen Umständen irgendwas bewegen, oder gar eine Energiewende hinkriegen?

Kannst du dir vorstellen, irgendwann die Schauspielerei an den Nagel zu hängen und Politiker zu werden?

Bist du verrückt? Schauspielerei ist der wunderbarste Job der Welt! Ich will da was bewegen, wo ich arbeite: im Fernsehen.

Gibt es bei dir demnächst weitere Projekte in Richtung Umwelt- oder Klimaengagement?

Ich muss jetzt erst mal wieder ein bisschen Geld verdienen. Ich drehe demnächst in Thailand einen Film, "Klinik unter Planen", was ich übrigens einen sehr geilen Titel finde. Das spielt nach einem Tsunami in einem Camp von "Ärzte ohne Grenzen". Eine echt gute Geschichte, und richtig witzig geschrieben. Aber danach mache ich wieder eine Doku: über Elfenbein und Elefanten.

Mit Hannes Jaenicke sprach Hubertus Volmer

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Quelle: n-tv.de