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"Vulgärer Ethno-Faschismus" Putin-Freund ätzt gegen Conchita Wurst

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Scharfe Attacken auf Homosexuelle und die USA: Wladimir Jakunin war zu Gast beim Deutsch-Russischen-Forum.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wladmir Jakunin steht auf der US-Sanktionsliste. Beim Deutsch-Russischen-Forum tritt der Putin-Vertraute dennoch auf. Dabei geht es nicht nur um die Ukraine. Viel lieber wettert Jakunin gegen "bärtige Frauen".

Händeschütteln, Schulterklopfer, Umarmungen: Dann grinsen die drei Anzugträger in die Kameras. Unter ihnen auch Wladimir Jakunin. Dass der Chef der russischen Eisenbahn heute hier im Berliner Courtyard-Hotel steht, ist nicht selbstverständlich. In manchen Teilen der Welt ist Jakunin eine unerwünschte Person. Der enge Vertraute von Wladimir Putin steht auf der Sanktionsliste der USA. Er darf nicht einreisen, seine US-Konten wurden gesperrt. Jakunin nennt die Sanktionen "propagandistisch motiviert", sie nutzten nur "globalen Spekulanten".

Zur Veranstaltung des Deutsch-Russischen-Forums ist er trotzdem gekommen. Auf der Sanktionsliste der Europäischen Union steht er nämlich nicht. Der 65-Jährige soll in Berlin über die Zukunft Europas reden. Ein prekäres Thema in dieser Zeit, in der viele sogar von der größten Krise seit Ende des Kalten Krieges sprechen. Jakunins Auftritt wird später jedoch zeigen, dass der Ukraine-Konflikt nicht das Einzige ist, was Russland und Europa zurzeit trennt. Da ist zum Beispiel noch diese "bärtige Frau", die eigentlich ein Mann ist und sich Conchita Wurst nennt.

"Ich bin Russe und stolz darauf"

Aber von vorn: Matthias Platzeck, Leiter des Forums und zuletzt brandenburgischer Ministerpräsident, hat es zur Eröffnung nicht viel leichter als Jakunin. Jedes Wort will in diesen Tagen genau abgewogen sein. Die Idee des vereinten Europas sei verloren gegangen, sagt Platzeck. Aus einem erhofften Wendepunkt sei eine Zerreißprobe geworden. "Würden Visa-Erleichterungen für Russen nicht gerade jetzt Sinn haben?", fragt er. "Und sind wir nicht an einem Punkt angekommen, an dem wir uns abwenden sollten von der Lagerbildung?"

Jakunin setzt weniger auf diplomatische Floskeln. "Ich bin Russe und stolz darauf", sagt er. Der frühere russische Verkehrsminister sieht große Chancen in einer stärkeren wirtschaftlichen Verflechtung mit der EU. "Wir leben auf einem riesigen Kontinent. Russland ist Teil von Europa und von Asien", sagt er. Doch tatsächlich fremdelt Jakunin mit Europa. Der Multikulturalismus habe seine Grenzen. Jeder müsse seine Traditionen ausleben können.

Der Gast aus Russland holt aus zum ganz großen Rundumschlag. Das Wohlergehen Europas hänge davon ab, ob man Verständigung suche oder "nach der Pfeife der USA" tanze. Jakunin erzählt von Freunden in den USA, deren Kinder angefeindet würden, weil ihre Eltern aus Russland kämen. Von dem Völkerrecht, deren Grundlage es sei, dass eine Großmacht überall Gewalt anwenden dürfe, wo sie ihre Interessen verletzt sieht. Er spottet über ein Land, in dem "viele Senatoren nicht einmal wissen, wo die Krim liegt".

"Männer, rasiert euch!"

Jakunin warnt davor, Russland westliche Werte aufzudrücken - und spannt den Bogen plötzlich zu Conchita Wurst. Die Siegerin des Eurovision-Songcontests war von russischen Politikern heftig kritisiert worden. Im Westen sei ein "vulgärer Ethno-Faschismus in Mode", ätzt Jakunin. Wer "der Frau mit dem Bart" beim ESC nicht applaudiert habe, sei als gefährlicher Nicht-Demokrat beschimpft worden. "Männer, rasiert euch! Seid keine Weiber!", das sei der Name einer Gegeninitiative in Russland. Jakunin ist jetzt in Rage. Es gebe ein manipuliertes Bewusstsein, wo das Schöne als hässlich und das Hässliche als schön generiert werde. "Die antike Definition der Demokratie hatte nichts mit bärtigen Frauen zu tun, die Demokratie ist die Herrschaft des Volkes", schließt der Russe seinen Vortrag über Europa.

In der Diskussionsrunde sitzen Jakunin und Platzeck später nebeneinander. Doch die Stimmung ist bescheiden. Eines will Platzeck noch loswerden. Es geht ihm um den Stellenwert gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und die barttragende Siegerin des ESC. "Mich macht das wuschig", sagt der Pfarrerssohn. Das russische Anti-Homosexuellen-Gesetz nage an den Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens und erzeuge Angst. "Warum macht ihr das?", fragt er.

Schwangere Männer und Regenschirme

Und nun ist die Ukraine endgültig zum Randthema degradiert. Natürlich will Jakunin dazu noch etwas sagen. Nur vier Prozent der russischen Kinder würden mit dieser "genetischen Abweichung" geboren, referiert er. Die Beziehung von Mann und Frau sei "die Norm" der Natur, ohne sie gäbe es die Menschheit nicht. Jakunin lacht, als er hinzufügt: "Dass Homo-Ehen gleich sind, glaube ich erst, wenn ich einen schwangeren Mann sehe."

Platzeck schaut jetzt etwas beschämt nach unten. Etwas Ablenkung von der aufgeheizten Situation in der Ukraine war hier durchaus gewünscht, aber so hatte er sich das nicht vorgestellt. Walter Schwimmer rettet die Situation. Der österreichische Politiker, der bis 2004 Generalsekretär des Europarats war, bemüht im Zusammenhang mit dem Nato-Russland-Rat das Beispiel des Regenschirms. "Wenn es regnet, wirft man den Schirm doch nicht weg." Gerade jetzt könne Kooperation helfen, um den Konflikt zu lösen.

Eine kleine Spitze kann sich Schwimmer, der Landsmann von Conchita Wurst, dann aber doch nicht verkneifen. Er sei dagegen, dass die ESC-Siegerin politisch instrumentalisiert werde. Sie habe ihren Weg gemacht und sei damit erfolgreich. Und eins wäre da noch: "Sie hat auch fünf Punkte aus Russland bekommen", feixt er. Da muss dann auch Wladimir Jakunin lachen.

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Quelle: n-tv.de

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