Politik

Bildungspolitik Raus Grundsatzrede

Bundespräsident Johannes Rau hat sich am Donnerstag vor dem Forum Bildung grundsätzlich zur Bildungspolitik in Deutschland geäußert und eine neue Bildungsreform gefordert. Die Grundsatzrede in Auszügen:

"(...) Bildung ist ein Thema, das zu lange vernachlässigt worden ist. Die Veröffentlichung der Pisa-Studie hat auch all jene aufgeweckt, die das immer noch nicht begriffen hatten. Bildung muss angesichts der erkennbaren großen Herausforderungen wieder auf die Tagesordnung, und zwar ganz oben und nicht nur auf die Tagesordnung derer, die reden und schreiben, sondern auch derer, die entscheiden und handeln. (...)

Heute stehen wir (...) vor der Aufgabe, eine neue Bildungsreform zu beginnen: Qualitativ und quantitativ. Die Teilhabe an Bildungschancen ist geringer und begrenzter als nötig. Wir brauchen zum Beispiel in den kommenden Jahren mehr Hochschulabsolventen. (...)

Wir geben zu wenig Geld für unsere Grundschulen aus. An den deutschen Grundschulen kommen deutlich mehr Schüler auf eine Lehrkraft als in anderen OECD-Ländern. Andere Staaten wenden 60 bis 90 Prozent mehr Geld für jedes Kind an Grundschulen auf als wir in Deutschland. Das ist nicht nur ein Grund zur Beunruhigung, das ist ein massives Problem ... (Und) auch eine der entscheidenden Ursachen für die gravierenden Defizite bei der Kompetenz älterer Schüler, die die Pisa-Studie zu Tage gefördert hat. (...)

Erfolge an der Spitze dürfen (...) nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir die Elementar- und Grundschulbildung offenbar seit Jahrzehnten vernachlässigen. Das fängt im Kindergarten und in den Kindertagesstätten an. (...) Je kleiner die Kinder, desto größer die Klasse: Diese Faustregel ist falsch und schädlich und darf nicht länger gelten. (...)

In Kindergärten und in Kindertagesstätten sind fast 100 Prozent der Beschäftigten Frauen. In den Grundschulen unterrichten über 80 Prozent Frauen, in der Sekundarstufe II sind es 39 Prozent. An den Universitäten lehren 26 Prozent. Sieht man sich nur die C-4- Professuren an, dann sind es nur etwas mehr als 6 Prozent.

Die Arbeitswelt außerhalb des Bildungssystems ist ein Spiegelbild dieser Situation: Formal gibt es viele Chancen zur Teilhabe für Frauen, (...) aber je weiter sie in der Einkommenshierarchie nach oben kommen - und "oben" fängt da oft schon ziemlich weit unten an - umso männlicher wird es. Das hat viele Gründe. Einer dieser Gründe ist aber sicher, dass wir nach wie vor eine Schulpolitik betreiben, die unserem Ziel nicht ausreichend Rechnung trägt, Familie und Beruf besser als heute miteinander in Einklang zu bringen. (...)

In einer Gesellschaft, in der immer mehr Frauen erwerbstätig sind, brauchen die Eltern aber mehr Unterstützung. (...) Das ist nur zu schaffen, wenn wir in der Schulpolitik nicht länger so tun, als sei die Zahl der berufstätigen Frauen eine exotische Minderheit. Wir brauchen erheblich mehr Ganztagsschulen. (...)

Das Berufsleben ist enorm wichtig, aber es ist nur ein Teil und wenn Erziehung und Bildung das übersehen, dann leisten sie einer Form des Analphabetismus Vorschub, die uns noch teuer zu stehen kommen kann. (...)

Das Zusammenleben in unserer Gesellschaft kann aber nur gelingen, wenn die Bürger ihre eigenen Urteile fällen können, wenn sie gelernt haben, ethische Abwägungen zu treffen und wenn sie sich darauf verlassen können, dass Grundwerte nicht in Zweifel gezogen werden.(...)

Unsere Bildungsstätten sind so gut wie die, die dort lehren und forschen. Die Lehrer brauchen viel, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Vor allem brauchen sie unsere Unterstützung. (...)

Quelle: ntv.de

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