Politik

Angriffe, Todesanzeigen, Drohungen Rechtsradikale schüchtern Journalisten ein

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(Foto: picture alliance / dpa)

In der Flüchtlingskrise gibt es nicht nur Angriffe gegen Asylunterkünfte und Zuwanderer. Auch Journalisten werden zu einem bevorzugten Ziel. Dabei bleibt es oft nicht bei Beleidigungen.

In den vergangenen Wochen kam es mehrfach zu Übergriffen auf Journalisten, die über die Flüchtlingskrise berichteten. Rechte bringen ihren Unmut über die Berichterstattung zum Ausdruck, indem sie Medienvertreter gezielt unter Druck setzen und dabei auch nicht vor Gewalt zurückschrecken.

Ziel vermutlich rechter Gewalt wurde am Montag ein Team der "Welt". Der Reporter Martin Heller und seine Kollegen wurden während einer Demonstration gegen ein Flüchlingsheim in Berlin bedrängt und beschimpft. Zunächst sei ein Kollege von einem Mann mit Glatze geschubst worden, sagte Heller "Spiegel Online", "danach kam ein älterer Mann und versuchte, uns die Kamera zu entreißen". Die Journalisten wurden nicht verletzt.

Die Attacke auf die "Welt"-Journalisten ist kein Einzelfall. Der "Tagesspiegel"-Autor Helmut Schümann wurde am vergangenen Freitag in Berlin-Charlottenburg von Unbekannten angegriffen. "Ich bin gerade mitten in Berlin-Charlottenburg von hinten mit den Worten: 'Du bist doch der Schümann vom Tagesspiegel, du linke Drecksau' niedergeschlagen worden", schrieb der 59-Jährige bei Facebook. Zuvor hatte sich Schümann in seiner Kolumne mit dem rechten Protest während der Flüchtlingskrise beschäftigt.

Im "Tagesspiegel" schrieb er: "Was tun in diesem, meinem Land, das täglich erschreckt mit schrecklichen Meldungen, seien sie außen- oder innenpolitisch. In dem wir Medien täglich berichten müssen über die Zustände an der Flüchtlingsfront und die Versuche der Seehofers, der AfDler, der Pegidas und der besorgten Bürger, unsere Demokratie und unsere Humanität auszuhebeln?"

"In dem Moment wollten wir nur noch raus"

Schlechte Erfahrungen mit Flüchtlingsgegnern machte zuletzt auch Jaafar Abdul Karim. Für die Deutsche Welle berichtete der deutsch-libanesische Reporter im Oktober über die Pegida-Demo in Dresden. Dabei fragte er einige Teilnehmer nach ihrer Motivation. Zunächst wurden Abdul Karim und seine Kollegen nur beschimpft. Dann traf den Reporter der Schlag eines Demonstranten im Nacken. "In dem Moment wollten wir nur noch raus", sagte Abdul Karim später. Auch ein Kameramann von "Russia Today" wurde bei Pegida Opfer von Gewalt. Laut dem russischen Sender sei er von mehreren Personen zusammengeschlagen worden.

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Bandermann bekam am 2.11. bei der "Publishers' Night" in Berlin die Goldene Victoria des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) für Pressefreiheit.

(Foto: picture alliance / dpa)

Für Peter Bandermann gehört die Auseinandersetzung mit Rechtsextremen fast schon zum Alltag. Seit Jahren berichtet der Journalist der Dortmunder "Ruhr Nachrichten" über die rechte Szene. Im Dezember 2014 warfen Unbekannte mit schwarz-rot-goldener Farbe gefüllte Glühlampen an sein Haus. Dadurch sei nur die Fassade versaut worden, sagte Bandermann der "Bild". "Aber natürlich haben sie es gefühlt auch hinter die Fassade geschafft."

Im Februar 2015 veröffentlichen die Rechten Todesanzeigen mit den Namen von Dortmunder Journalisten, unter anderem mit dem von Bandermann. Verfasser war die seit 2012 verbotene rechtsextremistische Vereinigung "Nationaler Widerstand". Seine Familie ermutigte ihn, weiterzumachen. "Pass auf dich auf, aber lass dich nicht unterkriegen", sagten seine Frau und seine Tochter.

"Es geht physisch rasch aufwärts, psychisch etwas langsamer"

Die Rechten ließen nicht von Bandermann ab. Im August bedrängten Rechte den 48-Jährigen in einer Bäckerei, filmten ihn und stellten das Video anschließend ins Netz. Die Dortmunder Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen jedoch ein. Man sah keine schwerwiegende Beeinträchtigung von Arbeit und Leben des Redakteurs. Das sei erst der Fall, wenn dieser Arbeitsplatz oder Wohnort wechseln müsse. Der Deutsche Journalistenverband kritisierte die Entscheidung. Der Rechtsausschuss des NRW-Landtages hat inzwischen das Justizministerium gebeten, den Fall noch einmal zu prüfen.

In dieser Woche wurde Bandermann für seine Arbeit ausgezeichnet. Der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger verlieh ihm am Montag die "Goldene Victoria" für Pressefreiheit. Bei der Veranstaltung, bei der auch Kanzlerin Angela Merkel sprach, sagte Bandermann: "Vom Pförtner bis zum Verleger gilt: Von Extremisten lassen wir uns nicht einschüchtern."

Auch "Tagesspiegel"-Journalist Schümann, der Schürfwunden erlitt, will sich nicht den Mund verbieten lassen. Bei Facebook bedankte er sich für den Zuspruch. "Es geht physisch rasch aufwärts, psychisch etwas langsamer", schrieb er, der Anzeige erstattet hat. "Ich lasse mich nicht einschüchtern", sagt Schümann, räumt aber ein, dass er vorsichtig geworden sei, wenn er das Haus verlässt. Dann sei er froh, wenn er seinen Hund bei sich habe.

Quelle: n-tv.de

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