Politik

Waffendepots leichte Beute Russlands Invasionstruppen hängen an der Schiene

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Ein russischer Zug bringt Bergungspanzer an die Front.

(Foto: picture alliance/dpa/Russian Defence Ministry)

Der Nachschub ist die Achillesferse der russischen Invasionstruppen. Er erfolgt hauptsächlich per Zug und die Versorgung muss nahe von Schienen passieren. So sind Waffendepots leichte Beute für ukrainische Einheiten, vor allem wenn sie weitreichendere Geschütze einsetzen können.

Fast täglich gibt es Berichte über Explosionen von russischen Waffen- und Munitionsdepots entlang der ukrainischen Frontlinie. Fast ebenso oft sind Meldungen über Partisanenangriffe in den besetzten Gebieten oder im verbündeten Belarus auf Eisenbahntrassen. Diese Angriffe könnten mit kriegsentscheidend sein, denn sie stören den russischen Nachschub empfindlich, der Experten zufolge hauptsächlich per Zug erfolgt.

Depots immer in der Nähe von Schienen

Die Abhängigkeit der russischen Armee von der Schiene sei so groß, dass 28.500 Mann alleine dafür da seien, Bahnlinien zu reparieren und zu bauen, schreibt der Militärexperte Thomas C. Theiner. Russische Depots befänden sich immer in der Nähe von Eisenbahnen. Dies liege daran, dass es den Truppen an Logistikeinheiten, speziell an Transporteinheiten mangele. Hinzu komme, dass das russische Militär technologisch rückständig sei und für das Verladen von Material weder über Kräne noch Gabelstapler verfüge.

Trent Telenko, ein ehemaliger Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums, fügt hinzu, dass Putins Invasionstruppen auch keine Paletten oder ISO-Container hätten, die ein einfaches und schnelles Verladen, Befördern, Lagern und Entladen von Gütern ermöglichen. Stattdessen setzt das russische Militär seine Soldaten ein.

Hände statt Gabelstapler

Die beiden Militärexperten sind mit ihren Erkenntnissen nicht alleine, die rückständige russische Logistik wird auch von anderen Fachleuten seit Beginn thematisiert. So sieht man auch immer wieder Bilder von großen Haufen aus zum Teil verrotteten Munitionskisten.

Russischer Nachschub und Munition werden laut Theiner "von Hand auf Züge verladen, zur Front transportiert, dort von Hand entladen, von Hand auf Lastwagen verladen und dann zu den Einheiten an der Front gefahren, wo sie wieder von Hand entladen werden".

Transport per Zug entscheidend für russischen Erfolg

Um die Truppen im Donbass zu versorgen, sei bisher ein Zug mit 3- bis 4.000 Tonnen Munition aus Russland in die Ukraine gefahren, schreibt Theiner. Dort habe er dann an verschiedenen Stellen 30 bis 40 Kilometer hinter der Frontlinie gehalten, wo die Fracht dann entladen und gelagert worden sei. Drohnenvideos der ukrainischen Armee zeigen, dass Putins Armee unter anderem Panzer direkt an der Bahnlinie aufmunitionieren und betanken oder schwere Artillerie direkt von dort schießen ließ.

Die Möglichkeit, den Nachschub per Zug an die Front zu transportieren, erklärt für den Experten den bisherigen Erfolg der Russen im Osten der Ukraine. "Dies ermöglicht es Russland, die 10.000 Tonnen Artilleriemunition, die es jede Woche verbraucht, nach vorne zu bringen und die Ersatzpanzer, Haubitzen usw. zu schicken, die benötigt werden, um die immensen materiellen Verluste Russlands zu ersetzen." Auch der benötigte Treibstoff komme so an die Front.

Lastwagen kommen nicht weit

Bei Kiew sei ihnen dies nicht gelungen, da die Ukraine die durch die Oblaste Tschernihiw und Sumy verlaufenden Eisenbahnlinien, verteidigen konnte. So hätten die Invasoren den Nachschub über 300 bis 350 Kilometer aus Russland mit Lastwagen bewältigen müssen, "was spektakulär gescheitert ist", so Theiner.

Wie er geht Telenko nach Gesprächen mit ukrainischen Soldaten davon aus, dass ein russischer Lastwagen vom Bahndepot aus nur einen Aktionsradius von 90 bis 100 Kilometer hat. Das liege daran, dass bei dieser Distanz alleine schon die Fahrt hin und zurück etwa vier Stunden dauere, das Be- und Entladen per Hand benötige jeweils rund drei Stunden. Hinzukommen Pausen, um zu essen oder zu schlafen, Fahrzeugwartung et cetera.

Westliche Artillerie wendet das Blatt

Bisher war es schwer für die ukrainische Armee, diese Lager zu zerstören, da sie außer Reichweite ihrer Artillerie lagen. Dies habe sich aber durch die Lieferung westlicher Mehrfach-Raketenwerfer (HIMARS) mit präzisionsgelenkten Boden-Boden-Raketen (GMLRS) oder selbstfahrenden Panzerhaubitzen grundlegend geändert, sind sich beide Experten einig.

Laut Theiner schießen die Panzerhaubitzen bis zu 40 Kilometer weit und sind durch ein GPS- und Radar-gestütztes Leitsystem sehr treffsicher. Die Raketenwerfer finden laut US-Militär auf 85 Kilometer Entfernung mit einer Genauigkeit von drei bis sieben Metern ihr Ziel.

Erst die Depots, dann die Züge

Das bedeutet zunächst, dass sich die von den Russen angelegten Depots entlang der Bahnlinien im Donbass jetzt in Reichweite der ukrainischen Artillerie befinden. Dank Zehntausender Patrioten in den besetzten Gebieten, kenne die ukrainische Armee die Positionen aller dort angelegten russischen Waffenlager, so Theiner.

Der frühere Ukraine-Korrespondent Tom Warner hat bis 6. Juli bis zu 30 HIMARS-Einschläge im russisch besetzten Gebiet gezählt, OSINT-Ermittler Benjamin Pittet sammelt Bilder und Videos von vermutlichen Angriffen auf russische Waffenlager hinter der Frontlinie.

Wenn die ukrainische Armee die wichtigsten Depots zerstört habe, werde sie ihre neu gewonnenen Fähigkeiten einsetzen, um russische Versorgungszüge auszuschalten, schreibt Telenko. Sie seien viel leichter zu finden und zu treffen als Lastwagen und nach einem erfolgreichen Angriff müssten die Schienen erst geräumt werden, bevor sie wieder befahrbar seien. "GMLRS bedeutet, dass die russische Logistik am Ende ist."

"Profis reden über Logistik"

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Theiner teilt diese Meinung. Russland verliere durch die Angriffe auf die Depots Tausende Tonnen Munition, die es nicht ersetzen könne, schon jetzt müsse es alte Sowjet-Munition aus Belarus in die Ukraine transportieren. Außerdem müssten die Züge jetzt 90 bis 100 Kilometer entfernt von der Front stoppen und die Munition dort auf Lastwagen umgeladen werden. Davon habe die Armee aber schon sehr viele verloren und bei einem Transport pro Tag und Fahrzeug käme an der Front wahrscheinlich nicht genug Munition an und/oder werde ineffizient verteilt.

"Während NLAW, Javelin und Stinger der Ukraine geholfen haben, die Schlacht um Kiew zu gewinnen, werden nun CAESAR, AHS Krab, PzH 2000 und vor allem GMLRS der Ukraine helfen, die Schlacht um den Donbass und die Schlacht um Cherson zu gewinnen", schreibt Theiner. "Denn Amateure reden über Strategie. Profis reden über Logistik."

Quelle: ntv.de

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