Politik
Dienstag, 21. Oktober 2008

Arm und Reich in Deutschland: Schere wird immer größer

In Deutschland driften Arm und Reich immer weiter auseinander. Die Ungleichheit bei den Einkommen und die Armut - gerade auch von Kindern - haben hierzulande in den vergangenen Jahren nach einer OECD-Studie stärker zugenommen als in anderen Ländern.

2005 lebten demnach unterhalb der Armutsschwelle 10,5 bis 11 Prozent der Bevölkerung. "Deutschland liegt hier leicht über dem OECD-Durchschnitt", sagte Michael Förster, einer der Autoren, bei der Vorstellung der Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Berlin. Dänemark und Schweden erreichten nur einen Wert von 5 Prozent.

Anfang der 90er Jahre war die Armutsquote in Deutschland noch rund ein Viertel geringer als im OECD-Durchschnitt. Deutschland gehöre mit Tschechien, Kanada und Neuseeland auch zu den Ländern, in denen die Kinderarmut am stärksten gewachsen sei, heißt es in der Studie "Mehr Ungleichheit trotz Wachstum?", die auch in Paris veröffentlicht wurde.

Alleinerziehende und Kinder betroffen

Die Einkommensunterschiede, die lange Zeit im internationalen Vergleich eher gering waren, haben fast das OECD-Niveau erreicht. Vor allem durch einen überproportionalen Anstieg der höheren Einkommen seit der Jahrtausendwende sei die Einkommensschere auseinandergegangen.

Alleinerziehende und Kinder sind der Studie zufolge überdurchschnittlich, Rentner dagegen unterdurchschnittlich von Armut betroffen. So blieb die Armutsquote bei Menschen über 65 von 1995 bis 2005 stabil bei rund 9 Prozent (OECD-Schnitt 13 Prozent), bei Kindern stieg sie von 11 auf 16 Prozent.

Vermögen sind noch ungleicher verteilt

Noch ungleicher verteilt sind die Vermögen. Die obersten zehn Prozent besitzen etwa die Hälfte des Gesamtvermögens - die einkommensstärksten zehn Prozent erzielen dagegen nur etwas mehr als ein Viertel des Gesamteinkommens.

Arbeitslosigkeit hat in Deutschland mehr als in den meisten anderen OECD-Ländern zur gestiegenen Einkommensungleichheit beigetragen. Im OECD-Durchschnitt liegt das Armutsrisiko in Haushalten, in denen keine Person arbeitet, den Angaben zufolge bei etwa 30 Prozent. In Deutschland dagegen sei "die Einkommensarmutsrate der Haushalte ohne Erwerbseinkommen bei 40 Prozent", erklärte Förster.

Arbeitsmarktstrukturen stark verändert

Als von Armut bedroht gelten nach der OECD-Definition Menschen mit weniger als 50 Prozent des mittleren Einkommens im jeweiligen Land. Dabei wird nicht der Mittelwert aller Einkommen herangezogen, sondern der deutlich niedriger liegende Median, der die gesamte Bevölkerung genau in der Mitte in zwei gleich große Gruppen teilt.

2006 hat sich die Einkommensungleichheit laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) weiter verschärft. Ein Jahr später, angeregt durch den konjunkturellen Aufschwung, habe sich die Lage wieder verbessert. "Was in absoluten Zahlen bedeutet, dass 1,2 Millionen Menschen in Deutschland aufgrund der verbesserten Arbeitsmarktsituation nicht mehr von Armut betroffen sind", sagte Markus Grabka vom DIW. Die konjunkturelle Entwicklung sei seit Mitte 2008 aber negativer.

Die Arbeitsmarktstrukturen hätten sich in den vergangenen zehn Jahren mit mehr Leih- und Zeitarbeit sowie geringfügiger Beschäftigung stark verändert, so Grabka. Diese Beschäftigten "werden jetzt im Rahmen des konjunkturellen Abschwungs relativ schnell aus dem Arbeitsmarkt hinauskatapultiert werden. Was unserer Einschätzung nach das Ausmaß an Einkommensarmut für das Jahr 2009 wieder steigen lässt".

Weniger Verbraucherinsolvenzen

Der Sozialverband Vdk forderte die Bundesregierung auf, einen nationalen Aktionsplan zur Bekämpfung und Vermeidung von Armut zu entwickeln. Der Präsident des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Klaus-Dieter Kottnik, forderte mehr Solidarität mit den Armen. "Vor allem bei Erziehung und Ausbildung muss mehr an die Kinder aus armen Verhältnissen gedacht werden und nicht nur an die Eliten", sagte er zum Auftakt der Diakonischen Konferenz in Hamburg.

Die zuletzt positive Entwicklung am Arbeitsmarkt ließ die Zahl der Verbraucherinsolvenzen erstmals seit neun Jahren sinken. "Bis 2006 haben wir einen jährlich Zuwachs von 40 Prozent und mehr zu verzeichnen gehabt", sagte der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler, bei der Vorstellung der aktuellen Überschuldungsstatistik in Berlin.

Im ersten Vierteljahr 2008 ging die Zahl dagegen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 7,7 Prozent zurück. Der positive Trend habe schon Ende 2007 eingesetzt. Im Jahr 2007 hätten sich aber noch "über 100.000 Personen an die Gerichte gewandt, um sich dauerhaft von den Schulden zu befreien". Für 2008 rechnen die Statistiker mit 97.000 Insolvenzen von Privatpersonen.

Quelle: n-tv.de