Politik
Aktion des BUND vor der EnBW-Zentrale in Karlsruhe.
Aktion des BUND vor der EnBW-Zentrale in Karlsruhe.(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)
Samstag, 18. Juli 2009

Umweltministerium schaltet sich ein: Schwere Fehler im Reaktor Jülich

Mögliche Fehler und Überhitzungen im 1988 stillgelegten Jülicher Versuchs-Kernkraftreaktor AVR haben das Bundesumweltministerium auf den Plan gerufen. Es forderte die nordrhein-westfälische Atomaufsicht auf, bestimmte Vorfälle in den 70er Jahren zu überprüfen. Dabei soll auch geklärt werden, ob der 1967 erstmals in Betrieb gegangene Hochtemperatur-Reaktor im Mai 1978 gerade noch einem schweren atomaren Unfall entkam.

"Wir haben das zuständige NRW-Wirtschaftsministerium um Informationen zu den damaligen Vorfällen gebeten", bestätigte ein Sprecher des Umweltministeriums. Jedoch gehe es zunächst um Aufklärung und nicht um ein "Nachspiel" für Betreiber und Atomaufsicht.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat eine neue Baustelle.
Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat eine neue Baustelle.(Foto: AP)

Hintergrund ist eine Studie des Kernenergie-Experten Rainer Moormann, der jahrelang in Jülich in der Sicherheitsforschung gearbeitet hat. Danach ist der Reaktor durch hohen Graphiteinsatz extrem strahlenintensiv und mit viel zu hohen Temperaturen betrieben worden. Am 13. Mai 1978 sei die Anlage - wegen der kugelförmigen Brennelemente auch Kugelhaufenreaktor genannt - möglicherweise nur knapp an einer Katastrophe vorbeigeschlittert.

"Politik handelt fahrlässig"

Der nordrhein-westfälische Landesverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) warf der Landesregierung unterdessen grobe Fahrlässigkeit und Täuschung der Öffentlichkeit vor. Der BUND legte jetzt eine Analyse zu der an Pannen und Beinahe-Katastrophen des Reaktors in Jülich vor. Mit dem unlängst abgeschlossenen Genehmigungsverfahren zum Rückbau dieses Reaktors sei Nordrhein-Westfalen eine strahlende Altlast aufgebürdet worden, die dem Steuerzahler noch teuer zu stehen komme. Dennoch halte die Landesregierung unbeirrbar an dieser Technologie fest, so der BUND. Angesichts der nüchternen Fakten um den AVR-Versuchsreaktor ist das Festhalten der NRW-Energieministerin Christa Thoben an dieser unbeherrschbaren Hochrisikotechnologie nur noch als grob fahrlässig und unverantwortlich zu bezeichnen", sagte der stellvertretende BUND-Landesvorsitzende Friedrich Ostendorff.

Versuchsreaktor hat versagt

Der Versuchsreaktor AVR war ein heliumgekühlter graphitmoderierter Hochtemperaturreaktor mit kugelförmigen Brennelementen ("Kugelhaufenreaktor"). Seine thermische Leistung betrug 46 MW, die elektrische Bruttoleistung 15 MW. Aufgabe der Anlage war es, den vermeintlich sicheren Betrieb und die Verfügbarkeit dieses neuen Reaktortyps zu demonstrieren, Komponenten und insbesondere HTR-Brennelemente zu erproben sowie reaktortypbezogene Experimente durchzuführen. Nach 21 Betriebsjahren und einer Serie von gravierenden Pannen und Problemen wurde die Anlage am 31.12.1988 endgültig abgeschaltet.

Erinnerungen an Tschernobyl

Bilderserie

Doch der AVR kann wegen der noch immer hohen Strahlenbelastung nicht zerlegt und in ein Zwischenlager transportiert werden. Er soll deshalb unter Beton mindestens 30 Jahre, eher noch Jahrhunderte, eingeschlossen werden, ehe man den Reaktorbehälter öffnen kann. Zusätzlich muss der Reaktorbehälter aber vom ursprünglichen Standort wegbewegt werden, weil im Jahr 1978 kontaminiertes Wasser in das Erdreich neben und unter das Gebäude gelangt ist und dieser Bereich saniert werden muss. Ein entsprechendes atomrechtliches Genehmigungsverfahren wurde unlängst abgeschlossen.

Nach Ansicht des Darmstädter Öko-Instituts handelt es sich um einen der "problematischsten Reaktoren weltweit".

Quelle: n-tv.de