Politik

US-Medien feiern Merkel und Co. Sind Anführerinnen "unverhältnismäßig gut"?

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Jacinda Ardern besuchte Angela Merkel 2018 im Bundeskanzleramt. Heute werden beide von US-Medien für ihre Rolle in der Corona-Krise gefeiert.

(Foto: REUTERS)

Viele der männlichen Führungsfiguren auf der Welt präsentieren sich im Umgang mit der Corona-Pandemie unglücklich. Ein souveränes Bild in der Krise geben sie selten ab. Auffällig viele Länder mit Frauen an der Spitze scheinen erfolgreicher auf die Krise zu reagieren. Großen US-Medien gefällt dieser Gedanke.

Frankreichs Regierungschef Emmanuel Macron schickte sein Land in den "Krieg". Jair Bolsonaro verlachte die Sorge vor einer Ausbreitung des Coronavirus noch als "Hype", als in Brasilien schon Menschen starben. Boris Johnson musste erst selbst auf der Intensivstation landen, um die nötige Ernsthaftigkeit für sich zu entdecken. Donald Trump irrlichterte derweil wie gewohnt polternd durch die Krise. Und Olympiagastgeber Japan mit Shinzo Abe an der Spitze? Ließ lange nicht nur Zweifel an seiner Redlichkeit bei den erhobenen Infiziertenzahlen aufkommen.

In anderen Teilen der Welt liefen da schon lange entschlossene Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Sars-CoV-2. Viele Länder, in denen besonders konsequent reagiert wurde, werden von Frauen regiert: Taiwan etwa - eine vor dem chinesischen Festland, dem Ausgangspunkt der weltweiten Pandemie, gelegene Demokratie mit 24 Millionen Einwohnern - hatte sich schon im Januar weitestgehend abgeschottet.

Präsidentin Tsai Ing-wen ordnete an, Flüge vom chinesischen Festland und Hongkong einzuschränken und die Produktion von Schutzausrüstung zu steigern, dazu ließ sie eine Kommandozentrale zur Bekämpfung von Corona einrichten. Englands Premierminister Johnson erklärte da noch gut gelaunt, dass er sich von diesem Virus "nicht abhalten lasse, Corona-Patienten die Hand zu schütteln". Bis sich Chinas Präsident Xi Jinping entscheiden konnte, Wuhan abzuriegeln, hatten schon fünf Millionen Menschen die Riesenstadt verlassen.

Auf einen Lockdown verzichtete die Regierung in Taipeh. Durch das schnelle, entschlossene Handeln der Regierungschefin gilt das Virus im Nachbarland Chinas mit knapp 400 Infektionen und sechs Todesfällen dennoch als besiegt. Mittlerweile versorgt Taiwan Europa und die USA mit Millionen Schutzmasken.

"Landesweite Verteidigungsmauer errichtet"

In Neuseeland, das wirtschaftlich stark von den jährlich vier Millionen Touristen abhängig ist, ließ Premierministerin Jacinda Ardern die Grenzen bereits am 19. März für Ausländer schließen. Einreisende Neuseeländer müssen seitdem für 14 Tage in Quarantäne. Den Notstand ließ Ardern eine Woche später ausrufen - da waren auf der Insel erst 100 Infektionsfälle bestätigt. Ihren Höhepunkt hatte die tägliche Infektionsrate so schon Anfang April erreicht, seither sinkt die Kurve. Die Regierungschefin verzichtet parallel für ein halbes Jahr auf einen Teil ihres Gehalts.

Es sei auffällig, "dass eine unverhältnismäßig große Zahl von Führungspersönlichkeiten, die früh und entschlossen handelten, Frauen waren", schreibt die Autorin Leta Hong Fincher auf der Seite des US-Senders CNN. Der Beitrag endet mit der Erkenntnis: "Die überproportional hohe Anzahl weiblicher Führungskräfte, die diese Pandemie bisher erfolgreich bekämpfen konnten, zeigt, dass die Gleichstellung der Geschlechter für die globale öffentliche Gesundheit und die internationale Sicherheit von entscheidender Bedeutung ist."

*Datenschutz

Ardern agierte tatsächlich entschlossen, aber auch empathisch. "Angesichts der größten Bedrohung für die menschliche Gesundheit, die wir seit über einem Jahrhundert gesehen haben, haben die Kiwis in aller Stille und gemeinsam eine landesweite Verteidigungsmauer errichtet", lobte sie ihre Landsleute in einer TV-Ansprache während des vierwöchigen, weiterhin andauernden Lockdowns. Das öffentliche Leben liegt in Neuseeland lahm, dafür wurden nur knapp 1400 Infektionen unter den fünf Millionen Neuseeländern registriert, neun Menschen starben.

Transparenz und Empathie

In Skandinavien, wo vier von fünf Regierungen von Frauen geführt werden, wurden ebenfalls früh strenge Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie ergriffen. Norwegen reagierte als eines der ersten europäischen Länder mit einem Lockdown. Bis heute sind dort nur 6600 Menschen infiziert, 140 sind gestorben. In Dänemark war man sogar noch etwas früher dran. Dort öffneten heute wieder die ersten Schulen. Auch in dem nördlichen Nachbarland Deutschlands liegt die Sterberate unter dem Durchschnitt der übrigen europäischen Staaten.

Islands Premierministerin Katrín Jakobsdóttir, Ministerpräsidentin des kleinen Inselstaats Island mit nur 360.000 Einwohnern, ermöglichte der kompletten Bevölkerung Tests auf eine Infektion mit dem Coronavirus - also auch Personen, die keine Symptome zeigten. Die Maßnahme ergab, dass etwa die Hälfte aller Menschen, die positiv auf das Virus getestet werden, asymptomatisch ist. Island griff auch frühzeitig ein, indem es rigoros Kontaktverbote einführte und mutmaßliche Coronavirus-Fälle unter Quarantäne stellte.

"Es ist ernst, nehmen Sie es auch ernst", ermahnte wiederum Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bürger schon am 17. März in ihrer ersten Fernsehansprache während der Krise. CNN begeistert "das größte Testprogramm in Europa", das ermögliche, "das Virus früh genug zu erkennen, um Patienten zu isolieren und wirksam zu behandeln." Obwohl das öffentliche Leben seit Wochen - und noch für viele weitere - eingeschränkt ist, sind auch die Deutschen mit dem Krisenmanagement ihrer Regierung zufrieden. Deutschland habe "die Phasen des Leugnens, der Wut und der Unaufrichtigkeit, die wir anderswo erlebt haben, übersprungen", lobt die Autorin Avivah Wittenberg-Cox im US-Magazin "Forbes" und verweist nicht nur auf die höchste Anzahl an Intensivbetten und Tests in Europa, sondern auch auf die im Vergleich zu den Nachbarländern niedrige Sterberate.

Geschätzt werden von den beiden großen US-Medienangeboten vor allem Transparenz und Empathie der Krisenmanagerinnen: Während die Präsidenten Trump und Bolsonaro die Gefahren noch relativierten oder die Schuld am Ausbruch der Pandemie verteilten, warnte Merkel schon, dass sich bis zu 70 Prozent der Bundesbürger anstecken könnten.

Entschlossen statt populistisch

Norwegens Premierministerin Erna Solberg wiederum gab eine Pressekonferenz, auf der statt erwachsener Journalisten nur Kinder zugelassen waren und auch nur Fragen von Kindern zu Corona beantwortet wurden. Sie nahm sich dabei Zeit, Kindern aus dem ganzen Land die eingeleiteten Maßnahmen zu erklären. Es sei okay, sagte die Anführerin den jungen Norwegerinnen und Norwegern, Angst zu haben. "Die Originalität der Idee nimmt einem den Atem", schrieb die Amerikanerin Wittenberg-Cox und womöglich dröhnte ihr dabei ihr Präsident in den Ohren, der Auftritte in der Krise nutzt, um immer wieder für Fassungslosigkeit zu sorgen.

Dass Transparenz und Empathie in der Krise wertvolle politische Werkzeuge sind, weiß auch Hans-Georg Kräusslich. Der Leiter der Virologie am Universitätsklinikum Heidelberg sagte der "New York Times": "Unsere vielleicht größte Stärke in Deutschland ist die rationale Entscheidungsfindung auf höchster Regierungsebene in Verbindung mit dem Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung."

"Von Island bis Taiwan und von Deutschland bis Neuseeland zeigen Frauen der Welt, wie man eine chaotische Herausforderung für unsere menschliche Familie meistert", heißt es dazu passend bei "Forbes". "Frauen in Führungspositionen leisten einen unverhältnismäßig guten Job im Umgang mit der Pandemie. Warum gibt es nicht mehr davon?", fragt CNN. Ob das gute weibliche Krisenmanagement strukturell ist? Das ist angesichts der nach wie vor überschaubaren Vergleichsgruppe - derzeit gibt es weltweit nur zehn gewählte weibliche Regierungschefinnen - nicht zu beweisen. Das versuchen auch die US-Autorinnen nicht. Außerdem ist ja auch Beratung ein Mittel der Regierungspolitik. Kaum ein demokratisch gewählter Regierungschef kann große Entscheidungen an Kabinetten und Parlamenten vorbei treffen.

Trump wähnt sich "im Krieg"

Und dennoch: "Forbes" verweist darauf, dass es seit Jahren Untersuchungen gibt, "die darauf hindeuten, dass der Führungsstil von Frauen anders und vorteilhaft sein könnte. Stattdessen arbeiten immer noch zu viele politische Organisationen und Unternehmen daran, Frauen dazu zu bewegen, sich mehr wie Männer zu verhalten, wenn sie führen oder Erfolg haben wollen." Merkel, Ardern und ihre Kolleginnen präsentierten aber "Führungseigenschaften, die Männer möglicherweise von Frauen lernen wollen."

Gewiss, wer am Ende alles richtig macht, wird sich wohl erst in der Rückschau zeigen. Und es gibt ja auch Positivbeispiele: In Südkorea unter Präsident Moon Jae In ist das Virus dank umfangreicher Tests und des konsequenten Aufspürens und Isolierens von Kontaktpersonen deutlich eingedämmt. Insgesamt wurden in Südkorea bislang knapp 11.000 Menschen positiv getestet, 225 Menschen starben. In Südkorea konnte man allerdings auch auf Epidemie-Erfahrung zurückgreifen: In den vergangenen Jahren hatten die Infektionskrankheiten Sars und Mers das Land heimgesucht. Diesmal bekam man mit Massentests und Handy-Ortung die Ausbreitung schnell in den Griff. Auf Ausgangsverbote konnte die Regierung verzichten.

Zumindest in den USA ist die Chance, eine weibliche Führungskraft an der Spitze der Regierung kennenzulernen, nach der Wahlniederlage Hillary Clintons von 2016 erstmal dahin. Die Demokratin verlor gegen Donald Trump, der Warnungen vor einer Ausbreitung des Virus noch Mitte März als "Fake News" der Demokraten klassifizierte. Inzwischen wähnt sich auch Trump, der später behauptete, vor allen anderen eine Pandemie ausgemacht zu haben, längst "im Krieg" gegen das Virus. Die Zustimmung für den Kurs des Präsidenten steigt nach einer jüngeren Umfrage auf 55 Prozent. In den USA infizierten sich mehr als 630.000 Menschen mit dem Coronavirus, über 28.000 starben bisher. Mehr als in jedem anderen Land der Welt.

Quelle: ntv.de