Politik

Söder spielt seine letzte Karte "So etwas wie der Aufruf zum Putsch"

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Gelingt es Markus Söder am Ende, Kanzlerkandidat der Union zu werden? Und selbst wenn, wie hoch ist der Preis?

(Foto: dpa)

Noch am Sonntag wollte Markus Söder ein Votum der CDU zugunsten von Armin Laschet "akzeptieren". Keine 48 Stunden später sucht er die Entscheidung in der Unionsfraktion. Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke über Söders Strategie, seine Erfolgschancen und das Dilemma der CDU.

ntv.de: CSU-Chef Markus Söder will, dass auch die Landesverbände und die Bundestagsfraktion in die Entscheidung eingebunden werden. Wie gut oder schlecht sind seine Chancen, das zu erreichen?

Albrecht von Lucke: Die sind durchaus gut, denn man muss sich eines bewusst machen: In der Bundestagsfraktion haben viele der jetzigen Mitglieder große Angst, dass sie im nächsten Parlament nicht mehr Teil des Parlaments sein werden …

… wenn Armin Laschet Kanzlerkandidat wird.

Ja, weil die Umfragewerte von Armin Laschet so eklatant schlecht sind.

Also Söder?

Nun ja, es gibt auch ein großes Problem für Markus Söder. Er hat, indem er eingewilligt hat, dass die Gremien der CDU sich eine Meinung bilden sollen und ihn letztlich rufen müssten, eine sehr unglückliche Karte gespielt. Damit hat er die CDU-Granden veranlasst, sich klar hinter Laschet zu stellen.

Aber das war doch vorhersehbar?

In der Tat, das war vorhersehbar. Und das genau war Söders Fehler, denn nun ist der Eindruck entstanden, dass er den Willen der CDU - entgegen seiner Zusage am Sonntag - nicht mehr anerkennt und damit die gesamte CDU-Führung düpiert.

Und nun? Kommt es heute zum großen Showdown?

Wenn sich heute, und das ist wirklich ein Showdown, um 15 Uhr die Bundestagsfraktion der Union trifft, dann werden viele CDU-Abgeordnete, gerade die aus Nordrhein-Westfalen, sich auch immer überlegen: Wenn wir nicht für Laschet sind, dann düpieren wir unseren Parteivorsitzenden, dann düpieren wir übrigens sogar die gesamte CDU-Spitze. Es gibt also letztlich für die gesamte Bundestagsfraktion nur noch die Wahl zwischen zwei Übeln: Entweder akzeptieren wir einen schwachen Kanzlerkandidaten Armin Laschet, obwohl wir mit Markus Söder einen weit besseren im Angebot haben, oder wir entscheiden uns für Söder und damit für eine massiv geschwächte CDU.

Wenn die Fraktion tatsächlich meutert, die CDU am Ende ihren neuen Vorsitzenden Laschet nicht durchsetzt und nicht als Kanzlerkandidaten der Union ins Rennen schickt, muss die Partei dann nicht direkt wieder einen neuen Vorsitzenden wählen?

Das kann man so sehen. In jedem Fall wäre Laschet schwer beschädigt, aber nicht nur er, sondern die gesamte CDU-Führung, die sich geschlossen hinter ihn gestellt hat.

Sie sagen damit doch, die CDU kann es sich im Ergebnis nicht leisten, Laschet nicht durchzusetzen. Sie muss ihn zum Kandidaten machen. Setzt Söder womöglich darauf und versucht derzeit den Preis für einen Kandidatur-Verzicht zugunsten von Armin Laschet nach oben zu treiben?

Nein, das glaube ich nicht. Söder, den wir ja nun alle als einen absoluten Machtpolitiker kennen, setzt darauf, dass die ursprüngliche Argumentation, die übrigens auch Armin Laschet selbst, aber auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier und andere immer vorgebracht haben, weiter gilt: Es soll dezidiert der Mann mit den besten Karten, mit den besten Chancen das Rennen machen und Kanzlerkandidat der Union werden.

Da spielen Sie auf die besseren Umfragewerte für Söder an. Aber die scheinen in diesen Tagen nicht so zu zählen. In der CDU-Spitze jedenfalls nicht.

Söder hat immer gehofft, dass sich letztlich in der Reihe der Ministerpräsidenten der CDU einige für ihn aussprechen würden. Und dass dies Armin Laschet veranlassen würde, zurückzuziehen.

Aber es gab keine namhaften CDU-Größen oder Landesverbände, die das getan haben.

In der Tat, nur der Berliner Landesverband hat sich für Söder ausgesprochen. Aber der spielt nun gerade keine führende Rolle in der CDU.

Was will Söder denn jetzt?

Nachdem das alles nicht gewirkt hat, setzt er jetzt auf seine letzte Karte, er setzt auf die Basis in der CDU, die Druck auf die Parteispitze ausüben soll, und damit sogar letztlich und indirekt auf die Wählerinnen und Wähler, die eindeutig ihn präferieren.

Da sind wir wieder bei der Eingangsfrage: Könnte das Erfolg haben?

Nun, ich denke, das ist immer noch möglich. An der Basis, bei den Wählerinnen und Wählern ist ja ganz eklatant eine "Weg von Laschet"-Bewegung zu bemerken. Und eine Zuwendung hin zu Söder. Es ist also von Söder so etwas wie der Aufruf zum Putsch in der CDU gegen den eigenen Vorsitzenden, den Vorstand, das Präsidium. Das ist die letzte Karte, die Söder hat, und er scheint sie tatsächlich spielen zu wollen. Das wird sich heute Nachmittag in der Bundestagsfraktion erweisen.

Droht der CDU/CSU nicht damit eine echte Spaltung?

Das in der Tat ist die Gefahr, weshalb Söder vielleicht doch noch geneigt sein könnte, es nicht maximal auszureizen und am Ende zugunsten von Laschet und der Einheit der Union einzulenken. Denn eines ist auch klar: Ein Wahlkampf mit einer gespaltenen Union und einer demontierten CDU wäre auch für einen Markus Söder kein Zuckerschlecken.

Mit Albrecht von Lucke sprach Tilman Aretz

Quelle: ntv.de

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