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Gewalt in Unterkünften Sollten Flüchtlinge religiös getrennt werden?

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(Foto: picture alliance / dpa)

Immer häufiger kommt es zu Gewaltausbrüchen in Flüchtlingsunterkünften. Polizisten wollen deshalb religiöse Gruppen voneinander trennen. Der Vorschlag ist vor allem ein Ausdruck der Verzweiflung.

Polizisten wollen Flüchtlinge künftig getrennt nach Religionszugehörigkeit unterbringen. "Wir müssen alles tun, um weitere Gewaltausbrüche zu verhindern", sagte Jörg Radek der "Welt". Der Vizechef der Gewerkschaft der Polizei (GDP) fügte hinzu: "Eine getrennte Unterbringung auch nach den Religionen halte ich für absolut sinnvoll." Einige Bundesländer, darunter Bayern, praktizieren bereits Formen von "konfliktsensibler" Unterbringung.

Radek reagiert mit seiner Forderung auf eine ganze Reihe an Gewaltausbrüchen in Flüchtlingsheimen in den vergangenen Wochen. Das jüngste Beispiel ist eine Massenschlägerei in einer Unterkunft in Kassel-Calden mit rund 400 Beteiligten und 14 Verletzten.

Laut der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl ist dieser Vorschlag allerdings heikel. Pro Asyl warnt davor, dass eine religiöse Trennung von Flüchtlingen fälschlicherweise das Signal aussenden würde, der Glaube der Flüchtlinge sei Auslöser der Gewalt. "Ich glaube, eine religiöse Trennung erweckt den Eindruck, die Religion sei die Hauptursache für Konflikte. Wir haben eher den Eindruck, dass es lange Essensschlangen, schwierige hygienische Zustände und nicht genügend Sanitäranlagen sind", sagte die Sprecherin der Organisation Marei Pelzer n-tv.de.

Tatsächlich beschreibt auch Radek von der Polizeigewerkschaft die Situation in den Flüchtlingslagern als Hauptursache der Gewalt: "Wenn da 4000 Menschen in einem Heim sind, das eigentlich nur 750 Plätze hat, dann führt diese Enge zu Aggressionen, wo selbst eine Winzigkeit wie der Gang zur Toilette zu einer Handgreiflichkeit führt", sagte er. Weil sich in diesen Situationen unterschiedliche Gruppen solidarisierten, käme es zu jenen Massenschlägereien.

Es geht um Einzelfälle

Seine Forderung, nun "alles" zu tun, um Gewalt zu verhindern, ist vor diesem Hintergrund wohl vor allem ein Ausdruck der Verzweiflung. Radek klagt im "Welt"-Bericht darüber, dass die Polizei an ihrer "absoluten Belastungsgrenze" arbeite, weil vielerorts das Personal fehle. Im vergangenen Jahrzehnt wurden bei Bund und Ländern 16.000 Stellen eingespart. "Unsere Bürokratie ist für eine Sonnenschein-Situation ausgelegt", so Radek. Und da sich für ihn schnelle Verbesserungen in den Flüchtlingslagern offenbar nicht abzeichnen, setzt er auf die religiöse Trennung, um die Lage für die Polizei zu entspannen.

Das Signal, vor dem Pro Asyl warnt, verbreitet sich unterdessen längst. Die "Welt" griff das Thema prompt für einen Kommentar auf. Der Autor fordert darin nicht nur eine "Verabschiedungskultur" und "deutlich signalisierte Abwehrbereitschaft" der Polizei. Er läutet auch die Alarmglocken: "Mancher Streit mag der Situation in überbelegten Unterkünften geschuldet sein", schreibt er. Dann warnt er davor, dass die "ethnischen und religiösen Konfliktlagen", die Flüchtlinge aus ihren Herkunftsländern mitbrächten, "Einzug in den Alltag in unseren Städten" halten würden.

Die CDU-Politikerin Erika Steinbach, die auf Twitter in Live-Ticker-Manier von Schlägereien in Flüchtlingsunterkünften berichtet, griff den Kommentar bereits auf - kommentarlos. Der CSU-Politiker Hans-Peter Friedrich nannte die religiöse Trennung in Flüchtlingsunterkünften bei N24 "dringend notwendig". Vor allem Christen gelte es zu schützen.

Dass es auch religiös motivierte Gewalt in Flüchtlingsunterkünften gibt, daran gibt es wenig Zweifel. Es existieren verschiedene Berichte, unter anderem einige über Muslime, die Christen angegriffen oder unterdrückt haben. Laut Pro Asyl sind das aber Vergehen Einzelner, die eine religiöse Trennung aller nicht rechtfertigen, denn für die große Mehrheit gelte: "Wenn man Flüchtlingen vernünftige Unterkünfte gibt, dann sind diese Menschen vor allem erstmal froh, in Sicherheit zu sein."

Quelle: n-tv.de

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