Politik

Die Grube kommt Stuttgart-21-Planer verkneifen sich Feier

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Seit Februar 2010 laufen die Bauarbeiten und prägen das Stadtbild Stuttgarts.

(Foto: picture alliance / dpa)

Lange ist das Bahnprojekt Stuttgart 21 umstritten, manche würden sagen: umkämpft. Proteste gibt es zwar noch immer, doch die Arbeiten laufen. Nun beginnt der Bau des Herzstücks - auf einem symbolträchtigen Gelände.

Vier Jahre nach den Massenprotesten gegen das umstrittene Milliardenvorhaben Stuttgart 21 haben die Bauarbeiten am Kernstück des Bahnprojekts begonnen. Auf dem Schauplatz der damaligen Auseinandersetzungen - dem Schlossgarten neben dem bisherigen Kopfbahnhof - wird der Trog für die geplante unterirdische Durchgangsstation ausgehoben, die laut Bahn Ende 2021 in Betrieb gehen soll. In bis zu 12,5 Metern Tiefe soll es dafür hinabgehen, damit ein Becken entstehen kann, das fast 900 Meter lang und 100 Meter breit ist.

Die notwendigen Vorarbeiten seien geleistet, jetzt könne der Trog für den eigentlichen Tiefbahnhof im Stuttgarter Schlossgarten gegraben werden, sagte Projektsprecher Wolfgang Dietrich auf einer Pressekonferenz der Bahn. "Wo gebaut werden kann, ist die Bahn im Zeitplan." Feierstimmung will trotzdem nicht aufkommen. Der Baubeginn für den Stuttgart-21-Tiefbahnhof fällt denkbar bescheiden aus. Weder hochrangige Bahnvertreter noch bekannte Politiker geben sich beim Start von Bauabschnitt 16 die Ehre.

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Der jetzige Oberbürgermeister von Stuttgart, Fritz Kuhn, gehörte zu den ersten Kritikern von Stuttgart 21.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Bagger buddeln. Doch die Vergangenheit lässt sich nicht so leicht abbauen und fortschaffen wie die Erde im Schlossgarten. 1994 stellen Bund, Land und Deutsche Bahn das Projekt Stuttgart 21 vor. Viele sprechen von einem Überraschungscoup, der unbemerkt von der Öffentlichkeit vorbereitet worden sei. Die Bausumme des Projekts schätzen die Planer auf 4,8 Milliarden Mark, umgerechnet rund 2,5 Milliarden Euro. Im Jahr 2010 sollen die ersten Züge unter Stuttgart fahren. Zweifel an der Umsetzung werden laut: Der Grünen-Politiker Fritz Kuhn spricht von einem "Mammutprojekt mit verkehrspolitisch zweifelhaften Vorteilen".

Stimmung heizt sich auf

Die Zahl der Projektgegner wächst. Bei Beginn des Planfeststellungsverfahrens im Oktober 2001 gibt es mehr als 10.000 Einwände. Sechs Jahre später organisieren Kritiker ein Bürgerbegehren und sammeln 67.000 Unterschriften gegen Stuttgart 21. In der Stadt ist das Projekt nun in fast jedem Café und auf den Wochenmärkten Dauerthema. Nichtsdestotrotz weist der Stuttgarter Gemeinderat den Antrag auf einen Bürgerentscheid ab.

Beim offiziellen Baubeginn im Februar 2010 haben sich die vorher veranschlagten Kosten fast verdoppelt. Die Planer rechnen nun mit 4,5 Milliarden Euro für das Großprojekt. Die Bahn versichert, dass dieser Kostenrahmen eingehalten werde. Unter dem Motto "Auf die Gleise, fertig, los!" wird der erste Spatenstich gesetzt. Gleichzeitig beginnen die Massenproteste gegen das Vorhaben. Jede Woche gehen Zehntausende auf die Straße. Sie befürchten nicht nur eine Kostenexplosion, sondern sehen in dem Tiefbahnhof auch eine Gefährdung für das Mineralwasser im Talkessel. Ihr Ärger richtet sich auch gegen die geplante Abholzung von Bäumen im Schlosspark.   

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Beim harten Polizeieinsatz gegen Stuttgart-21-Gegner wird Dietrich Wagner (M) vom Strahl eines Wasserwerfers an den Augen schwer verletzt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Stimmung gegen das Milliardenprojekt heizt sich immer weiter auf und endet im September 2010 in einem Großeinsatz der Polizei. Mit ungewohnter Härte lösen die Beamten eine Demonstration gegen Stuttgart 21 auf. Über 400 Demonstranten werden verletzt. Die Bilder der Gewalt entsetzen die Menschen über Baden-Württemberg hinaus. CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus setzt daraufhin seinen Parteikollegen Heiner Geißler als Schlichter ein.

Kostendeckel gesprengt

Ein Jahr später veranlasst die neu gewählte grün-rote Landesregierung eine Volksabstimmung über das "S21-Kündigungsgesetz", das den Ausstieg des Landes aus der Mitfinanzierung des Projekts vorsieht. Gegen das Gesetzt und damit für Stuttgart 21 stimmen 58,8 Prozent der Wähler. 

Seit vier Jahren wird nun an Stuttgart 21 gebaut. Der Startschuss für den Tiefbahnhof hat dennoch eine besondere Bedeutung - entsteht er doch auf dem Schauplatz der damaligen Auseinandersetzungen, dem Schlossgarten. Trotz des Anstichs des Bautrogs steht die Finanzierung noch nicht. Der einst von Bahnchef Rüdiger Grube festgesetzte Kostendeckel von 4,5 Milliarden Euro wird gesprengt. Die Bahn selbst kalkuliert mit Gesamtkosten von bis zu 6,5 Milliarden Euro.

Für die potenziell zwei Milliarden Euro Zusatzkosten fühlt sich aber keiner der Projektpartner - Bahn, Bund, Land sowie Region und Stadt Stuttgart - verantwortlich. Die Bahn setzt auf die "Sprechklausel" im Finanzierungsvertrag von 2009, mit der sie das Land zu einer höheren Beteiligung als die bislang zugesagten 930 Millionen Euro bewegen will. Das Land sieht sich dadurch jedoch nicht in der Pflicht. Die große Sorge der Politiker in Land und Stadt ist, dass eines Tages wegen Geldmangels eine riesige Bauruine die Stuttgarter City verunstalten wird.

Vielleicht zieht auch deshalb der Startschuss zum Bau des Tiefbahnhofs noch Demonstranten an. Für sie ist der Termin womöglich die letzte Gelegenheit, noch einmal im größeren Stil gegen das Milliardenprojekt zu protestieren. Knapp hundert Stuttgart-21-Gegner begleiten den Baustart in einer "Bannerparade gegen die Bahn-Show". Die Hochzeiten, in denen Zehntausende gegen Stuttgart 21 auf die Straße gingen, scheinen jedoch vorbei.        

Quelle: n-tv.de, jli/dpa